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Schwarzenbergs Ortsvorsteher Timo Riedemann spricht über Homosexualität in der Öffentlichkeit

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Von: Fabian Becker

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Schwarzenbergs Ortsvorsteher Timo Riedemann spricht über Homosexualität in der Öffentlichkeit.
Schwarzenbergs Ortsvorsteher Timo Riedemann spricht über Homosexualität in der Öffentlichkeit. © Fabian Becker

Queere Menschen, das sind Menschen die in ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität nicht der Mehrheit entsprechen.

Schwarzenberg – Wer in der Öffentlichkeit steht, wird noch genauer beäugt. Auch Homosexualität wird dann zum Thema. Timo Riedemann, Stadtverordnetenvorsteher von Melsungen und Ortsvorsteher von Schwarzenberg, spricht darüber, wie es ist, als homosexueller Mann in der Öffentlichkeit zu stehen.

Herr Riedemann, haben Sie jemals bereut, Ihre Homosexualität öffentlich gemacht zu haben?

Nein. Für mich ist das etwas ganz Normales. Mir war nur wichtig, dass es für meine Familie in Ordnung ist. Was die anderen denken, ist mir dabei aber nicht wichtig.

Waren Sie schon geoutet, als sie das erste Mal öffentlich in Erscheinung getreten sind?

Nein. Ich bin seit 2006 politisch aktiv, damals wusste das aber noch niemand. Das ist ab 2012 bekannt geworden. Ich habe mich im Familien- und Freundeskreis geoutet und es sich dann rumsprechen lassen. Das tat es dann auch sehr schnell.

Wie waren die Reaktionen?

Zunächst sehr positiv. Das erste Mal habe ich gemerkt, dass meine Homosexualität für andere ein Problem ist, als ich für das Bürgermeisteramt von Melsungen kandidiert habe. Da habe ich Äußerungen und E-Mails mit Anfeindungen und Beschimpfungen bekommen. Ich habe gemerkt, dass dies im Wahlkampf ein Thema war. Ansonsten wurde es in der Politik, in Vereinen und im Beruf nicht thematisiert. Ich war aber auch schon zehn Jahre dabei, ohne, dass es jemand wusste.

Glauben Sie, das wäre sonst anders gewesen?

Wahrscheinlich bestand schon Vertrauen in meine Person. Ich merke, dass wir in Melsungen und Umgebung in einer ländlichen Region leben. In Kassel würde das niemanden interessieren, was ein Politiker in seinem Privatleben macht. In unserer Region wird schon geguckt, wie jemand lebt und wie seine familiäre Situation ist. Ich kann auch die Entscheidung der Menschen nachvollziehen, die sich geoutet haben und weggezogen sind.

Wieso?

Ich kenne einige aus der Region, die gespürt haben, dass sie nicht mehr so angenommen wurden wie vor ihrem Outing. Teilweise wurden sie auf der Straße beschimpft und haben das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Das Problem kommt auch dann auf, wenn Menschen abends zusammensitzen, Alkohol trinken und die bekannten Vorurteile aufkommen. Denn mit steigendem Alkoholpegel fallen oft die Hemmungen. Das ist selbst in Großstädten wie Köln zu sehen, wo es abends zu körperlichen Übergriffen kommt.

2001 hat sich der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit als homosexuell geoutet. Wie hat sich seitdem der Umgang mit dem Thema in der Politik verändert?

In der Landes- und Bundespolitik spielt das keine Rolle mehr, weil der direkte Bürgerkontakt nicht mehr so groß ist. Wahrscheinlich gilt das auch für Oberbürgermeister von Großstädten. In der kommunalen Politik ist das für den ein oder anderen immer noch ein Thema. Da gibt es noch Menschen, die Homosexualität skeptisch gegenüber stehen.

Glauben Sie, dass ein Coming Out noch nötig ist?

Ich hoffe, dass es irgendwann so weit ist, dass ein Junge in der Pubertät seinen ersten Freund oder ein Mädchen ihre erste Freundin mit nach Hause bringen kann, ohne das das erklärungsbedürftig ist. Soweit sind wir aber noch nicht. Ich merke eher, dass wir wieder ein paar Schritte zurückgehen.

Woran liegt das?

Durch die AfD gibt es seit etwa vier Jahren wieder Parolen wie „Schwule sind nicht normal“. Ich glaube, dass das dazu beiträgt, dass Menschen, die schwulenfeindlich eingestellt sind, das jetzt auch zunehmend kundtun. Ich lese mittlerweile auch, dass es mehr Übergriffe auf gleichgeschlechtliche Paare gibt. Auch als 2017 die Ehe für alle kam, war das ein großes Thema.

Inwiefern?

Damals sind viele auf mich zugekommen und haben gefragt, was ich davon halte. Ich habe mich klar dafür ausgesprochen und meinen Mann, mit dem ich damals in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft gelebt habe, auch geheiratet. Die meisten haben das sogar positiv gesehen und gefragt, warum es bis zur Ehe für alle so lange gedauert hat. Es gab aber auch viele, bei denen ich erstmal erklären musste, warum wir das brauchen.

Warum ist die Ehe für alle denn wichtig?

Ein Beispiel: Wenn mein Partner auf der Intensivstation liegt, wir aber nur verpartnert und nicht verheiratet wären, bekäme ich keine Informationen darüber, wie es ihm geht. Das war vielen Menschen gar nicht bewusst. Ich glaube, wenn damals offener diskutiert worden wäre, was mit der Partnerschaft ging und was nicht, hätten das viel mehr Menschen akzeptiert.

Würden Sie auch Kinder adoptieren?

Nein. Wir wollen nicht, das Sie Probleme bekommen, weil sie zwei Väter haben. Wenn homosexuelle Eltern zum Beispiel auf einen Elternabend gehen, um ihre Kinder zu vertreten, kann es auf dem Land noch mehr ein Problem sein wie in einer Großstadt. Im ländlichen Raum braucht das noch Zeit. Das Argument, dass die Kinder dann auch homosexuell werden, ist absurd.

Also fürchten Sie, dass diese Kinder in der Schule angefeindet werden?

Ja. Da sehe ich Handlungsbedarf.

Merken Sie das auch in der Politik?

Ja. Ich kümmere mich als Kommunalpolitiker ja auch um Kindergärten und da gibt es Stimmen, die fragen: Warum kümmerst du dich eigentlich um unsere Kinder? Dir liegt doch sowieso nichts daran. Aber nur weil, ich selbst keine Kinder habe, heißt, dass ja nicht, dass ich mich nicht um das Thema kümmern kann.

Wie ist die Sicht auf Homosexualität in anderen Branchen als der Politik?

Das ist schwierig zu beurteilen. In vielen Branchen gibt es derzeit einen Umbruch: Viele Ältere gehen in den Ruhestand, viele Jüngere kommen nach. Ich glaube, da ist das dann nicht mehr so ein Problem, denn homosexuelle Menschen bringen die gleiche Leistung. Besonders schwierig könnte es bei Lehrern sein, wie ich aus dem Bekanntenkreis weiß.

Könnten die Schüler die Homosexualität ihres Lehrers ausnutzen?

Je nach Alter der Schüler und der sozialen Herkunft, könnte es zu Anfeindungen kommen. Aber vor allem denke ich an die Eltern, die in Bezug auf Ihre Kinder bei diesem Thema sehr sensibel sind.

Wie ist das im Sport?

Ich glaube, im Profihandball und -fußball wird es noch eine Weile dauern, bis homosexuelle Menschen offen mit ihrer Sexualität umgehen können. Ich habe in Schwarzenberg den Förderverein für Fußball gegründet und jahrelang im TSV Schwarzenberg mitgearbeitet. Da gab es zwar keine Probleme, aber wenn sich 80 000 Menschen in einem Stadion gegen einen schwulen Fußballer verbünden, wird es für ihn schwierig.

Spielt die Hierarchie eine Rolle, also ist das beim Top-Manager anders als bei einem einfachen Angestellten?

Bei meinem Arbeitgeber spielt das zumindest keine Rolle. Meine Kollegen haben das natürlich nach und nach mitbekommen, aber ich merke nicht, dass da ein Augenmerk drauf gelegt wird. Ich wurde bisher genauso gefördert wie andere auch. Da sehe ich derzeit eher die niedrige Frauenquote als Problem.

Wie ist die Gesellschaft im Umgang mit queeren Menschen?

Ich gebe die Schulnote 4. Nach der Einführung der Ehe für alle ging es wieder bergab. Wir diskutieren neu über Themen, die längst gängige Praxis sein sollten, zum Beispiel die gleichgeschlechtliche Ehe. Aber auch wenn es um transsexuelle Menschen geht: Wieder wird über ihre Behandlung und die Kostenübernahme dafür durch Krankenkassen diskutiert. Eigentlich sollte das für transsexuelle Menschen mittlerweile viel einfacher sein.

Was raten Sie einem homosexuellen Menschen, der vor dem Schritt in die Öffentlichkeit steht?

Jemandem, der ein starkes Selbstbewusstsein hat, kann nichts passieren. Wichtig ist vor allem, dass er seine Familie im Rücken hat.

Das ist Timo Riedmann

Timo Riedemann (41) kommt aus Schwarzenberg und ist Stadtverordnetenvorsteher von Melsungen. Beruflich hat der Versicherungskaufmann Führungs- und Personalverantwortung und betreut rund 60 Mitarbeiter. Seit 2006 ist Riedemann kommunalpolitisch aktiv. Er ist SPD-Mitglied und seit 2011 Ortsvorsteher von Schwarzenberg. Der 41-Jährige ist verheiratet.

(Fabian Becker)

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