Ausstellung am Marktplatz

Der Tod steht mitten im Leben: Interaktives Projekt in Melsunger Innenstadt

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Letzte Wünsche: Passanten können ihre letzten Gedanken vorm Tod mit Kreide auf die riesige Tafel notieren. Im Bild von links Petra Hochschorner, Stephan Küster, Margret Artzt und Erhard Scherpf. 

Gedanken an den eigenen Tod stehen mitten im Weg. In Melsungen gibt es eine Ausstellung mit dem Schwerpunkt Sterben und Tod. 

Melsungen – Denn auf dem Melsunger Marktplatz haben die beiden Künstler Erhard Scherpf und Stephan Küster einen Kubus aufgestellt, auf dem die Passanten ihre letzten Wünsche kurz vor dem Tod aufschreiben können. Es ist ein interaktives Projekt des Trauer- und Hospiznetzwerks Schwalm-Eder und der Hospizgruppe Felsberg/Melsungen. Es ist Teil eines Themenschwerpunktes Sterben und Tod, zu dem auch die Ausstellung „Sehenden Auges – Künstler und der Tod“ gehört, die morgen Abend eröffnet wird.

Die Zeilen „Bevor ich sterbe, möchte ich...“ auf schwarzem Tafellack warten auf Gedanken der Passanten. Die Veranstalter freuen sich, wie gut das Projekt bereits angenommen wird. Auch viele Gesamtschüler, die beim Benefizlauf rund ums Rathaus mitgemacht haben, nutzten bereits die Chance und füllten die Zeilen mit ihren Wünschen. Manche gehen unter die Haut.

„Bevor ich sterbe, möchte ich noch einmal meinen Bruder sehen“, steht in einer Zeile. Oder: „Noch einmal meiner Mama sagen, dass ich sie liebe.“ Oder: „Allen Menschen danken, die für mich da sind.“ Oder: „Noch einmal einen Tripl-Backflip mit dem BMX machen“, also einen sehr schweren Dreifach-Sprung. Es ist ein Innehalten, ein Nachdenken darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Hinter jedem Satz steckt eine Geschichte, ein Schicksal, ein Mensch.

Der Kubus steht auf dem Marktplatz, „weil der Tod jeden betrifft“, sagt Petra Hochschorner von der Hospizgruppe, „aber manche haben auch Angst vor den Gefühlen, das ist ein Schutz und darf auch so sein.“ Dennoch gehe niemand an dem Kubus unberührt vorbei.

Jeden Abend werden die vier Wände von den Künstlern fotografiert und anschließend abgewaschen, damit sie neue Wünsche und Gedanken aufnehmen können. Die Fotos sollen auf der Homepage des Künstlers Scherpf veröffentlicht werden.

Rund 1000 Postkarten wurden verteilt, auf denen ebenfalls die letzten Wünsche die Zeile „Bevor ist sterbe, möchte ich“ ergänzen. Sie können an der Melsunger Tourist-Info und vor den Ausstellungsräumen in der Brückenstraße in eine Briefkasten-Säule eingeworfen werden.

Die Karten werden in einer Bildschirm-Präsentation im Schaufenster des Ladenlokals während der dreiwöchigen Ausstellungszeit gezeigt. In der Ausstellung zeigen zehn Künstler, darunter drei Fotografen, auf 300 Quadratmetern 60 Arbeiten zum Thema Tod und Sterben.

Jedes Exponat berührt: die Fotostrecke, die das Sterben des Freundes Axel zeigt; das Messer, dessen Griff eine Rehklaue ist und für Täter und Opfer steht; die Porträts der verstorbenen Eltern einer Künstlerin. Die Arbeiten korrespondieren mit den in die Jahre gekommenen Räumen: „Sie zeigen den morbiden Charme des Verfalls“, sagt Künstler Stephan Küster. Die Ausstellung rückt den Tod ins Leben: „Wenn wir um unsere eigene Endlichkeit wissen, können wir mit Empathie Anteil am Schicksal der Anderen nehmen“, sagt Petra Hochschorner.

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