Nach Tankstellenüberfall

„Tödliche Verletzung in Kauf genommen“: versuchter Mord vor Kasseler Landgericht

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„Ich war schockiert. Ich hatte Angst, dass er mich verletzen oder töten will.“ Das sagte vor der 10. Strafkammer des Landgerichts Kassel der 37 Jahre alte Eigentümer einer Melsunger Tankstelle.

Der Mann war am 9. September 2018 von einem 25 Jahre alten Mann überfallen und mit einem Messer erheblich verletzt worden.

Wegen des Verdachts des versuchten Mordes, versuchter schwerer räuberischer Erpressung sowie gefährlicher Körperverletzung ist der 25-Jährige von der Staatsanwaltschaft angeklagt. Er sitzt seit der Tat in Untersuchungshaft. Der Vorsitzende Richter Winter hat bis 9. August insgesamt neun Termine angesetzt. Es sei aber denkbar, dass der Prozess auch eher zu Ende gehe, sagte er am Ende des ersten Verhandlungstags.

Der Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen, ließ aber durch seinen Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Nils Weigand, ausrichten, dass er die Tat „voll umfänglich einräumt“. Der 25-jährige entschuldigte sich später ausdrücklich bei dem Opfer aus Borken: „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich habe Rot gesehen, wollte Sie nicht töten.“ Mehr sagte er nicht.

Nach Angaben des Opfers trug der Angeklagte eine weiße Maske und eine Sonnenbrille, als er an einem Sonntagabend die Tankstelle betrat. Unter Vorhalt eines Messers mit einer 21 Zentimeter langen Klinge forderte er Geld vom Unternehmer, heißt es in der Anklage. Und: Mit dem Messer habe er dem Mann Schnittwunden an der Hand und am Arm beigebracht. Bei Stichen in die Brustgegend hat der Beschuldigte der Anklage zufolge „eine tödliche Verletzung billigend in Kauf genommen“. Zur tödlichen Verletzung sei es deshalb nicht gekommen, weil die Messerklinge auf das Brustbein traf und „ein Vordringen auf lebenswichtige Gefäße verhindert wurde“. Es sei nur dem Zufall zu verdanken, dass die Klinge aufgehalten wurde.

In einem Rollenspiel mit Oberstaatsanwalt Matthias Grund demonstrierte der Vater von fünf Kindern, wie er im Kassenraum der Tankstelle angegriffen wurde und sich wehrte. „Er hat mir das Messer ans Gesicht gehalten und geschrien, Geld raus“, berichtete der Unternehmer. Dann habe er ihm eine Kopfnuss gegeben, ihn in die Rippen geschlagen, ihn am Arm festgehalten, zur Seite geschoben und ihn gefesselt.

Das Vorgehen des Angeklagten sei massiv gewesen: „Er hat Hass gegen mich empfunden“, sagte der 37-Jährige, der auch den Rettungsdienst alarmierte. Er leide noch unter Schmerzen und Schlafstörungen, habe psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. „Mein Mandant bereut die Tat zutiefst“, sagte Pflichtverteidiger Weigand. Er kündigte gleich nach dem Verlesen der Anklageschrift an, dass sich der Beschuldigte beim Opfer entschuldigen werde: „Er wollte ihn nicht töten.“ Seinem Mandanten sei es schlecht gegangen. Er sei arbeitslos und antriebslos, habe ein Jahr lang regelmäßig Cannabis und Kokain konsumiert. Wegen der Schulden sei er auf die Idee gekommen, die Tankstelle zu überfallen. Sein Mandant empfinde „großes Bedauern“ und sei froh, dass der 37-Jährige „nicht konkret lebensgefährlich verletzt wurde“.

Fortsetzungstermine: am heutigen Mittwoch sowie am 24. und 27. Juni jeweils ab 9 Uhr Landgericht Kassel, Saal E 221. Weitere Termine im Juli und August.

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