Frau aus Altkreis berichtet

Ungeimpft unterm Tannenbaum: Wie der Impfstatus das Fest beeinflusst

Der eigene Impfstatus beeinflusst dieses Weihnachtsfest: Viele Familien haben wegen der Kontaktbeschränkungen ein großes Problem.
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Der eigene Impfstatus beeinflusst dieses Weihnachtsfest: Viele Familien haben wegen der Kontaktbeschränkungen ein großes Problem.

Insbesondere an Weihnachten birgt der Impfstatus Konfliktpotenzial. Eine Frau aus dem Altkreis Melsungen schildert ihre Situation.

Kreisteil Melsungen – Eigentlich mochte Lea Talbach Weihnachten immer ganz gern. Die Familie kam zusammen, man aß lang, unterhielt sich. Doch vor diesem Weihnachtsfest graut es der 39-Jährigen seit Wochen. Denn ihre Mutter ist ungeimpft. „Und ich komme einfach mit keinen Argumenten für die Impfung an sie heran“, sagt die Frau aus dem Kreisteil Melsungen. Sie möchte anonym bleiben, um ihre Mutter zu schützen, deshalb hat die Redaktion den Namen geändert.

Lea Talbach möchte mit dem Gang an die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam machen und denen mit der Schilderung ihrer Situation Mut machen, denen es genau so geht. „Denn ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die dieses Problem hat. Und jetzt an den Feiertagen wird man vor eine Entscheidung gestellt.“ Nämlich die, ob man Ungeimpfte besucht oder nicht.

Mutter ist ungeimpft: An Weihnachten wird‘s schwierig

Die 39-Jährige hat vor ein paar Tagen ihre dritte Impfung bekommen. Ihre Mutter verweigert die erste. Warum genau, weiß die Tochter nicht mal genau. „Es ist eine diffuse Angst. Sie verschlingt regelrecht Nachrichten über Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Impfungen. Wenn ich ihr eine Statistik zeigen will, wie gering die Chance ist, aufgrund der Impfung daran zu erkranken, blockt sie völlig ab. Sie liest nur das, was sie lesen will.“

Eine Coronaleugnerin sei ihre Mutter nicht. „Sie hat schon Angst vor dem Virus. Aber noch mehr Angst hat sie vor den möglichen Folgen einer Impfung. Sie hofft einfach, dass sie ohne Impfung und ohne Infektion aus der Pandemie herausgeht.“

Manchmal komme ihre Mutter ihr auch ein bisschen vor wie ein motziges Kind. „Denn sie sagt auch, dass sie es nicht einsehe, sich mit der Impfung von irgendjemandem unter Druck setzen zu lassen. Es ist wie ein kleiner Protest im eigenen Wohnzimmer.“

Konflikte unterm Tannenbaum: Impfstatus entscheidet über Stimmung

Dabei habe ihre Mutter, die mit Mitte 60 zur Risikogruppe schwerwiegender Corona-Erkrankungen gehört, am Anfang der Pandemie noch klar einer Impfung entgegengefiebert. „Sie hat immer gesagt, dass sie Biontech nehmen würde, aber Astrazeneca nicht wolle.“ Damals standen beide Impfstoffe noch nicht zur Verfügung. „Und als es dann möglich war, sich impfen zu lassen, wollte sie erst mal abwarten.“ Und so warte sie immer noch ab.

„Ich frage sie immer, auf was sie noch wartet, aber das kann sie nicht mal beantworten.“ Mittlerweile rege sich die Mutter über Geimpfte auf, die sich bei 2G plus-Veranstaltungen treffen. „In ihren Augen sind die Geimpften, die endlich wieder ein gesellschaftliches Leben herbeisehnen, die Treiber der Pandemie.“

Ihre Mutter hingegen sei sich sicher, dass sie sich in der Pandemie vorbildlich verhalte. „Wenn sich so jeder verhalten würde, wäre alles viel besser, ist sie sich sicher.“ Bis auf den wöchentlichen Einkauf steht bei Leas Mutter seit zwei Jahren nicht mehr viel auf dem Programm. „Sie ist immer gern in den Urlaub gefahren. Aber selbst das ist anscheinend kein Anreiz mehr für sie, sich endlich impfen zu lassen.“

Und der wichtigste Grund für eine Impfung, nämlich dass sie vor einer schweren Corona-Erkrankung schützt, sei kein Argument. „Sie stecke sich ja zuhause nicht an.“

Ihrer Tochter hingegen mache sie Angst. „Denn es gebe ja so viele Impfdurchbrüche. Ich solle jetzt bloß aufpassen, dass ich nicht noch krank werde, schließlich würde ich mich ja mit Leuten treffen.“

Ungeimpft: Besuche werden weniger

Der letzte Besuch bei ihrer Mutter liegt nun einige Wochen zurück. Seitdem die Infektionszahlen so in die Höhe geschossen sind, hat Lea Talbach die Besuche eingeschränkt. „Ich habe einfach ein wahnsinnig schlechtes Gefühl, denn ich könnte das Virus ja auch einschleppen.“

Zwar gebe es die Möglichkeit, sich vor einem Besuch zu testen, eine hundertprozentige Sicherheit biete das aber nicht. „Ich hatte selbst schon Schnelltests mit positivem Ergebnis, die sich letztlich durch einen PCR-Test als falsch herausstellten. Wer sagt mir denn, dass es nicht auch falsch negative Schnelltests gibt?“

Heiligabend wird die junge Frau trotz aller Zweifel auch mit ihrer Mutter verbringen. Obwohl sie den Schnelltests nicht vollständig vertraut, will sich die 39-Jährige vor dem Besuch testen lassen. „Dann habe ich zumindest alles getan, was geht.“ Doch ein mulmiges Gefühl bleibt. „Umarmt man sich? Lüftet man dauernd?

Irgendwie weiß ich gar nicht richtig, wie das werden soll.“ Sicher ist: Sie will keine Impfdiskussion unterm Tannenbaum. „Ich werde das Thema nicht ansprechen. Denn es führt leider immer zu Streit.“

Das gilt für Ungeimpfte zum Fest

Für Ungeimpfte gelten auch an Weihnachten strenge Kontaktbeschränkungen. So darf sich ein Ungeimpfter im öffentlichen Raum derzeit mit maximal zwei weiteren Personen aus einem anderen Haushalt treffen. Bei Treffen im privaten Umfeld empfiehlt die Landesregierung dringend, sich ebenfalls daran zu halten – Kontrollen seien nicht umsetzbar, heißt es dazu von Ministerpräsident Volker Bouffier.

Auch für Geimpfte gelten Kontaktbeschränkungen, die die Bund-Länder-Konferenz am Dienstag beschlossen haben. Jedoch treten die erst nach Weihnachten in Kraft, sind also insbesondere für geplante Silvesterfeiern zu beachten.

Demnach dürfen ab dem 28. Dezember maximal zehn Geimpfte und Genesene zusammenkommen. Auch in diesem Fall sind Kinder ausgenommen. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt auch für Geimpfte, sich vor Treffen testen zu lassen.

Sozialpsychologe: Thema besser nicht verschweigen

Verschweigt man das Thema Impfen an Weihnachten besser, wenn Ungeimpfte mit unterm Tannenbaum sitzen? Nein, besser nicht, sagt dazu Prof. Dr. Rolf van Dick, Leiter der Abteilung Sozialpsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt auf HNA-Anfrage. Denn Streit lasse sich nicht damit vermeiden, gewisse Dinge einfach totzuschweigen.

„Das würde nämlich dazu führen, dass man dann auch über andere Themen gehemmter spricht.“ Die Corona-Impfung schwebe dann „wie ein rosa Elefant“ im Raum. Und das wiederum beeinflusse die gesamte Stimmung am Weihnachtsfest.

Insbesondere mit Menschen, denen man nahe stehe und zu denen man auch bei anderen Themen einen guten Draht habe, solle man unbedingt über das Impfthema sprechen, sagt van Dick. Man könne anbieten, dass man sich mal gemeinsam die Informationen über die Impfung anschaut, guckt, wo die Infos herkommen, die dazu führen, dass in diesem Fall die Mutter die Impfung ablehnt.

„Und dann schaut man einfach mal zusammen, wie groß die Chance für Nebenwirkungen wirklich sind.“ Im gleichen Zuge könne man dann auch Statistiken anschauen, in denen gezeigt wird, wie gut die Impfung gegen schwere Erkrankungen in der jeweiligen Altersklasse schützt. Wichtig sei, dass man die Ängste des anderen ernst nimmt, sagt van Dick.

Richtige Worte finden

Auch sei es wichtig, den eigenen Standpunkt mit den richtigen Worten zu erklären – und zwar so, dass man das Gegenüber nicht als Person verletzt. Deshalb seien Sätze, die etwa mit „Du hast“ oder „Du bist schon immer“ anfangen bei einem solchen Gespräch tabu. „Es ist wichtig, dass wir die Person nicht in Gänze kritisieren, sondern ein konkretes Verhalten thematisieren“, sagt van Dick. Man könne beispielsweise sagen: „Ich habe ein Problem damit, dass du dich nicht impfen lässt, weil ich mir Sorgen mache. Aber als Mutter bist du eine tolle Person.“

Sei beim Weihnachtsfest jedoch der grantige ungeimpfte Onkel dabei, mit dem man ohnehin immer aneinander gerate, sei es keine gute Idee, ihn von einer Impfung überzeugen zu wollen, sagt van Dick. Es komme tatsächlich immer auf das persönliche Verhältnis an.

Hinzu komme, dass Weihnachten ohnehin viel Konfliktpotential berge. Sei es, da ohnehin alle gestresst seien, oder auch deshalb, weil Familienmitglieder, die sich sonst nicht so oft sehen, plötzlich viel mehr Zeit miteinander verbringen.

(Carolin Hartung)

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