Wechsel im B.Braun-Betriebsrat: Der linke Verteidiger  geht von Bord

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Wohl verdient: Peter Hohmann, langjähriger Betriebsratsvorsitzender beim Melsunger Medizintechnikhersteller B. Braun, verabschiedet sich in den Ruhestand. Fast 20 Jahre lang führte er das Gremium.

Peter Hohmann kennen viele lächelnd. Und so verabschiedet sich der 60-jährige Melsunger heute in den Ruhestand. 40 Jahre war er bei B. Braun und davon fast 20 Jahre lang Betriebsratsvorsitzender.

Hohmann sitzt außerdem für die SPD im Stadtparlament und engagiert sich in der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Seine Nachfolgerin ist die 40-jährige Alexandra Friedrich, die ihm schon als Stellvertreterin zur Seite stand.

Herr Hohmann, Sie haben jahrelang für B. Braun Vollgas gegeben. Geht es jetzt von 100 auf 0 runter oder bleiben Sie B. Braun verbunden?

Verbunden ganz sicher. Aber ich werde mit Ablauf der Wahlperiode 2021 mein Mandat im Aufsichtsrat niederlegen. Anders ist das auch nicht möglich. In der Politik und Gewerkschaftsarbeit werde ich aber sicher weitermachen.

Seit gut einem Jahr führt Anna Maria Braun den Vorstand. Hat sich in der Betriebsratsarbeit dadurch etwas geändert?

Die Zusammenarbeit mit ihr war sehr angenehm. Mein Eindruck nach einem ersten gemeinsamen Jahr ist, dass sie Themen sehr zielstrebig und fokussiert angeht. Das ist sicher eine große Stärke von ihr.

Hätten Sie in dieser neuen Konstellation gerne noch weitergearbeitet?

Es war eine tolle Zeit, aber irgendwann ist Schluss. Der beste Moment abzutreten ist, wenn es noch Kollegen gibt, die das bedauern. Jetzt fühlt es sich wie der richtige Augenblick an.

Mit ihrer Nachfolgerin Alexandra Friedrich gibt es dann an Konzern- und Betriebsratsspitze zwei Frauen.

Das freut mich. Dann sitzen sich zwei starke Frauen am Verhandlungstisch bei B. Braun gegenüber. Aber beide werden schon ihre Rollen übernehmen. Ich konnte sie ja schon beobachten – ich glaube, dass sie ganz gut auf einer Wellenlänge liegen.

Gibt es etwas, dass sie Alexandra Friedrich mit auf den Weg geben wollen?

Alexandra ist so erfahren, ich werde ihr keine Ratschläge geben müssen. Dazu kommt das tolle Betriebsratsteam. Die bekommen das gut hin.

Wenn sie jetzt zurückblicken auf 25 Jahre im Betriebsrat, auf 20 Jahre Vorsitz, was war prägend?

Die Arbeit ist seit 20 Jahren spannend und herausfordernd. Ganz wichtig waren sicher die ersten Verhandlungen zum Standortsicherungsvertrag (2004). Bis zum heutigen Tag haben wir so die Belegschaft in Melsungen auf 7000 aufgebaut. Und das mit einer tariflichen Bindung in der chemischen Industrie. Das kann sich sehen lassen und war nicht einfach. Seit 2004 hat es keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben. Das ist schon eine Hausnummer.

Waren Sie mal an dem Punkt, hinzuschmeißen?

Es ist auch mal frustrierend gewesen. Aber trotz aller unterschiedlicher Auffassungen war ich nie an diesem Punkt. Am Ende des Tages ging es immer darum, Arbeitswelten mitzugestalten. Das hat mir immer große Freude bereitet. Das wollte ich nicht aufgeben. Natürlich gibt es unterschiedliche Rollen in den Verhandlungen. Es blieb aber auf der sachbezogenen Ebene. Am Ende des Tages konnten wir uns immer noch in die Augen schauen.

Mit welchen Zielen und Gefühlen sind Sie in wichtige Verhandlungen gegangen?

Die Leitplanken haben wir im Gremium abgesteckt. Das sind insgesamt 35 Betriebsräte und davon zehn freigestellte. Der Gegenseite muss man in solchen Gesprächen deutlich machen, wo die Grenzen sind. Erfahrung spielt dabei natürlich eine Rolle. Aber letztlich kochen alle nur mit Wasser, auch die, die uns gegenübersitzen. Außerdem kennen wir uns über Jahre hinweg – auch die Vorstände. Da weiß schon jeder, wie wer tickt und reagiert. Der beste Kompromiss ist natürlich immer der, wenn beide Seiten denken, sie hätten das größte Stück vom Kuchen (lacht).

Die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften sind laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) rückläufig. Haben Gewerkschaften eine Zukunft?

Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir haben aber ein Kommunikationsproblem. Die Erfolge, die Gewerkschaften und Betriebsräte erreichen, müssen wir mehr in die Öffentlichkeit bringen. Die Wahrnehmung ist gering. Wir als Gewerkschafter und Betriebsräte müssen professioneller in der Außendarstellung werden.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Es wird dieser Tage viel von Solidarität gesprochen. Die Arbeitnehmer müssen aber spüren und sehen, dass es eine große Solidarität in der Belegschaft gibt. Wir müssen vermitteln, dass wir dafür stehen und das es nicht nur ein Schlagwort ist. Gerade dann nicht, wenn alle mitziehen.

Wie sind die Organisationszahlen bei B. Braun?

Für ein Familienunternehmen dieser Größenordnung sehr gut. Das liegt auch an den guten tariflichen Bedingungen. Problematisch ist etwas anderes.

Und was?

In der unserer Gesellschaft arbeiten viele Beschäftigte ohne Tarifbindung. Viele der aktuellen Corona-Helden beispielsweise. Die machen einen Knochenjob und am Ende dankt es ihnen niemand. Auch in Melsungen gibt es große Unternehmen ohne Tarifbindung.

Wovon hängt das ihrer Meinung ab?

Das ist eine Frage der Unternehmenskultur und des Verantwortungsgefühls. Wir müssen gut miteinander umgehen. Bei B. Braun funktioniert das. In der chemischen Industrie pflegen wir eine Sozialpartnerschaft. Die Interessen der Belegschaft und des Unternehmens müssen unter einen Hut gebracht werden – immer. Das ist unsere Aufgabe.

Was macht eine gute Unternehmenskultur aus?

Zu wissen, dass das höchste Gut die Beschäftigten sind. Das muss sich jedes Unternehmen eingestehen und immer vor Augen halten. Unsere Unternehmensführung macht das.

Ist bei B. Braun als alles Gold, was glänzt?

Nein, ist es nicht. Von ganz oben kommen die richtigen Vorgaben. Aber nicht in allen Leitungsebenen wird das verinnerlicht und mit dieser Offenheit umgesetzt.

Gibt es noch das berühmte Wir-Gefühl? Man spricht ja von Braunianern.

Mitte der 1990er waren wir 2500 Mitarbeiter. Mittlerweile sind es mehr als 7000. Natürlich bleibt da auch was auf der Strecke. Aber es geht schon noch familiär zu. Ich hoffe, die Unternehmensführung bleibt ihrer Linie treu.

Wie geht es jetzt bei Ihnen privat weiter?

Das Allerwichtigste ist die Gesundheit. Das spüren gerade alle deutlich. Ich möchte mehr Zeit für meine Frau und die Enkelkinder haben. Ich war viele Jahre linker Verteidiger, der Fußball liegt mir am Herzen, neben der Politik werde ich mich da stärker engagieren.

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