Melsungen: Vereine in Schieflage

Vereine im Kreisteil Melsungen sind auf Einnahmen aus Veranstaltungen angewiesen

Jazz in der Kilianskapelle Büchenwerra: Der Verein hofft, dass es im Sommer wieder möglich ist, Veranstaltungen in der Kapelle anzubieten. Das Foto zeigt das Publikum bei einem Auftritt der Riverside Jazz Messengers in der Zeit vor Corona.
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Jazz in der Kilianskapelle Büchenwerra: Der Verein hofft, dass es im Sommer wieder möglich ist, Veranstaltungen in der Kapelle anzubieten. Das Foto zeigt das Publikum bei einem Auftritt der Riverside Jazz Messengers in der Zeit vor Corona.

Wegen der Coronakrise geraten Vereine aus der Region in finanzielle Schieflage. Besonders betroffen sind Vereine, die aus Veranstaltungen einen Teil ihrer erforderlichen Einnahmen erwirtschaften.

Melsungen – So ist beispielsweise die Melsunger Schützengilde als Ausrichter des größten lokalen Festes in der Region auf diese Einnahmen angewiesen.

„Wir müssen den Gürtel sehr eng schnallen“, sagt Bruno Schicker vom Vorstand der Gilde. Der Verein habe fest mit den Einnahmen aus dem mehrtägigen Heimatfest gerechnet, das eigentlich 2020 hätte stattfinden sollen und auf dieses Jahr verschoben worden war. Aber das werde wieder nichts. Jetzt hoffe man auf 2022. „Feiern mit strengen Hygieneauflagen und Besucherbeschränkungen wollten wir nicht“, sagt Schicker. Allein am Sonntag zum Festzug kämen mit den Festteilnehmern und den Zuschauern 10.000 Menschen zusammen. Mit den Besuchern der anderen Tage steige die Zahl auf über 20.000. Das Fest hat ein Budget von 25.000 Euro.

Die Absage erfolgte in Absprache mit Bürgermeister Markus Boucsein und dem Magistrat. „Das Heimatfest hätte alle Voraussetzungen, ein Superspreaderevent zu werden.“ Mit den Einnahmen deckt der Verein sonst die Betriebskosten für das Haus der Schützengilde. Heizung und Strom fielen an, genauso wie verschiedene Versicherungen, die bei einem Schützenverein sehr hoch seien, weil die Versicherer davon ausgingen, dass immer mal etwas passieren könne, so Schicker. Mindestens einmal in der Woche müsse jemand vor Ort sein, um alles zu kontrollieren, und auch mal eine Reparatur auf den Weg zu bringen. Zur Finanzierung schickte der Verein Spendenbriefe an Melsunger Firmen.

Bruno Schicker vom Vorstand der Melsunger Schützengilde.

Ähnlich geht es dem Mörscher Kulturring Kloster Haydau. „Im ersten Halbjahr haben wir zwei von fünf Veranstaltungen abgesagt, drei auf das zweite Halbjahr verschoben“, sagt Andreas Gründel, Vorsitzender des Kulturrings. 5000 Euro brauche es dafür. „Wir suchen nach Sponsoren, doch viele schreckt die Planungsunsicherheit ab“, sagt er. Doch ohne sie gehe es nicht. Foto: Schützengilde » 

Heimatfest auf Juni 2022 verschoben

Die Schützengilde 1924 Melsungen ist der Ausrichter des alle zwei Jahre stattfindenden Heimatfestes. Das Fest ist das größte im Altkreis Melsungen. Am Stehenden Festzug nehmen mehr als 50 Gruppen aus der Region teil – mit Zuschauern sind nur an diesem Tag mehr als 10.000 Besucher in der Stadt. Das mehrtägige Fest soll nun vom 24. bis zum 27. Juni 2022 stattfinden, teilt die Schützengilde in Absprache mit den Schaustellern mit. 

Melsungen: Hoffen auf schnelle Impfungen

Seit einem Jahr legt die Coronapandemie das gesellschaftliche Leben auf Eis. Besonders betroffen von den Einschränkungen sind nicht nur Unternehmen, sondern auch die vielen Vereine im Kreisteil. Insbesondere die, die auf Einnahmen aus Veranstaltungen angewiesen sind. Während einige nicht mehr wissen, ob sie nach der Coronapandemie noch existieren werden, gibt es aber auch Vereine, die der Krise wacker trotzen.

Guxhagen: Die Kilianskapelle

Der Verein Kilianskapelle Büchenwerra organisiert Jahr für Jahr das abwechslungsreiche Sommerprogramm in der kleinen Kapelle. Der Verein sorgt sich auch um die Instandhaltung der Kirche an der Fulda. Bärbel Peter, die Vorsitzende des Vereins, steckt gerade mitten in den Vorbereitungen für das neue Programm. „Wir wollen es in diesem Jahr wieder wagen. Jeden Sonntag soll es im Sommer eine Veranstaltung geben“, sagt sie. Auch im vergangenen Jahr hat der Verein trotz der Coronapandemie ein Sommerprogramm auf die Beine gestellt. „Bei uns findet ja alles draußen statt. Dadurch können die Besucher genügend Abstand einhalten.“

Lediglich Chöre konnten wegen Corona nicht auftreten, „aber dafür sind andere Künstler eingesprungen“, sagt Peter. „Es war toll, zu sehen, wie uns die Menschen helfen.“ Was auch in diesem Jahr auf der Kippe steht, ist das gemeinsame Beisammensein nach dem Programmpunkt. Normalerweise bietet der Verein nach jeder Veranstaltung Snacks und Getränke an, die dem Verein gespendet werden – die Besucher wiederum hinterlassen dafür eine Spende für den Verein, der Besuch der Veranstaltung ist kostenfrei. „Das konnten wir vergangenes Jahr nicht anbieten“, sagt Peter.

Der Verein habe schon befürchtet, dass aufgrund dessen auch kaum Spenden eingehen würden, „aber das war überhaupt nicht der Fall“, sagt Peter. Der Verein habe fast genau so viele Spenden eingenommen wie normalerweise – „die Besucher haben immer gefragt, wo sie denn nun für uns spenden können“, sagt Peter. „Wir sind sehr froh und dankbar für die Unterstützung.“

Der Verein sei mit seinen gerade mal 40 Mitgliedern auf Spenden angewiesen. „Mit den Mitgliedsbeiträgen können wir gerade mal die Haftpflichtversicherung und den Strom bezahlen“, sagt Bärbel Peter. Aber für eine plötzliche Reparatur an der Kapelle beispielsweise stünde dann kein Geld mehr zur Verfügung.

Die Veranstaltungen in der Kilianskapelle würden zu einem großen Teil von verwitweten Senioren besucht. Für die sei es sehr wichtig, dass die Veranstaltungen stattfinden. „Der Sonntagnachmittag ist für alleinstehende alte Menschen die schlimmste Zeit in der Woche. Sie können nicht einkaufen, nicht im Garten arbeiten, und dann sehen sie draußen Familien und Paare spazieren gehen, während sie alleine drinnen sitzen“, sagt die Vereinsvorsitzende. „Das ist schwer zu ertragen. Unser Programm ist ein Lichtblick.“

Morschen: Kulturring Haydau

Die zwölf Mitglieder des Mörscher Kulturrings Kloster Haydau haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Wenn mehr Menschen geimpft sind und es mehr Coronatests gibt, können im zweiten Halbjahr vielleicht wieder Veranstaltungen mit Hygienekonzepten stattfinden“, sagt der Vorsitzende des Kulturrings Andreas Gründel. Es fielen jedoch viele Einnahmen weg, da es mit einem Hygienekonzept keinen Verkauf von Essen und Trinken gebe.

Malsfeld: TSV Malsfeld

Austritte von Mitgliedern verzeichne der TSV Malsfeld bisher zum Glück wenig, sagt der Vereinsvorsitzende Marcel Balk. „Unsere Mitglieder fragen schon: Was ist, wenn das jetzt alles noch länger dauert? Momentan sind sie aber noch sehr verständnisvoll.“

Allerdings sei die Zahl der Neueintritte im Corona-Jahr 2020 spürbar zurückgegangen: „Wir bekommen sonst im Schnitt 30 neue Mitglieder im Jahr, 2020 waren es keine zehn.“ Kein Wunder, denn das Vereinsleben liege relativ brach. Immerhin dürften Kinder unter 14 Jahren derzeit draußen trainieren, diese Möglichkeit nutze der Verein etwa beim Fußball. Auch das Kinderturnen wolle man bald unter freiem Himmel wieder anbieten – wenn die neuen Corona-Auflagen dies noch zuließen. Betroffen sei neben dem Sport auch der Musikzug, der Mitglieder aus dem ganzen Kreisteil Melsungen hat. Das große Konzert des Musikzugs, das traditionell im Februar in der Fuldatalhalle stattfindet, musste coronabedingt ausfallen.

Der Vereinsvorsitzende blickt mit Sorge in die Zukunft: „Wir machen uns schon Gedanken, wie es nach dem Lockdown weitergeht. Haben Kinder dann überhaupt Zeit für Vereinssport oder Musik, oder muss dann Schule nachgeholt werden wegen der langen Zeit des Homeschoolings?“, fragt er.

Felsberg: Nabu Unteres Edertal

Auch der Naturschutzbund Unteres Edertal, zu dem Felsberg, Guxhagen und Edermünde gehören, ist von der Coronapandemie betroffen. „Die Arbeit des Nabu ruht derzeit“, sagt Mitglied Otto Gerhold aus Wolfershausen.

Normalerweise setzen sich die Nabu-Mitglieder für Naturschutz in der Region ein – beispielsweise durch den Einbau von Nistkästen an ehemaligen Trafotürmen, um gefährdeten Vogelarten zu helfen. „Das haben wir zurückgestellt, weil man dabei die Köpfe zu sehr zusammensteckt“, sagt Otto Gerhold aus Wolfershausen. Das mögliche Ansteckungsrisiko sei zu groß. Allein könne man diese Arbeiten aber auch nicht erledigen: „Man braucht vier bis sechs Hände dafür“, erklärt Gerhold. Derzeit überlege der Verein noch, ob man jetzt im Frühjahr eine Vogelstimmenwanderung unter coronakonformen Bedingungen anbieten könne.

Er sehe in seinem Umfeld, wie sehr die Vereine unter den Corona-Folgen litten – das sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Denn gerade für viele ältere Menschen mit wenig sozialen Kontakten seien Vereinstreffen ein wichtiger Ankerpunkt. „Die Vereine müssen von der Politik unterstützt werden“, fordert Gerhold.

(Damai D. Dewert, Fabian Becker, Carolin Hartung, Judith Féaux de Lacroix)

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