Kreisbauernverband befürchtet Einschnitte bei Schweinezucht

Immer mehr stinkendes Eberfleisch wird verarbeitet

Schwalm-Eder. Ungenießbares Eberfleisch landet in Schweinehack und Bratwürsten. Verbraucher im Landkreis begegnen immer häufiger diesem Phänomen: Beim Braten verströmt das Fleisch einen unangenehmen Uringeruch und das Fleisch schmeckt nicht.

Verantwortlich ist das Hormon Androstenon, das nicht kastrierte Eber mit der Geschlechtsreife entwickeln. „In der Massentierhaltung werden schon jetzt zuhauf stinkende Eber geschlachtet", bestätigt Norbert Klapp.

Der 46-jährige Sipperhäuser ist Ferkelerzeuger und Kreislandwirt. Das Problem der Ebermast komme auf die gesamte Branche zu. Denn: Ab 2019 dürfen männliche Ferkel nur noch betäubt kastriert werden, und das führt dazu, dass diese Ferkel um bis zu fünf Euro teurer werden.

Die Branche stehe daher am Scheideweg, sagt Stefan Strube, Sprecher des Kreisbauernverbandes. „Die Schweinezucht spielt eine bedeutende Rolle im Landkreis.“ Derzeit halten 650 Landwirte im Kreis 160.000 Schweine, in ganz Hessen sind es 580.000. Laut Strube gibt drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: 

• Die Betäubung: Die Ferkel müssen von einem Tierarzt betäubt werden.

Das Problem: Die Betäubung wird die Ferkel bis zu fünf Euro verteuern (in der Massentierhaltung ein großer Teil der Marge). Und außerdem gibt es im Landkreis nicht genug Tierärzte. 

• Die Impfung: Der Impfstoff verhindert, dass sich Androstenon bildet. Im Fleisch sind zwar keine Rückstände des Impfstoffs zu finden, sagt Klapp, allerdings befürchte die Branche fehlende Akzeptanz bei den Verbrauchern. Dann könne schnell von Hormon-Fleisch die Rede sein. 

• Die Ebermast: In konventionellen Betrieben werden die Tiere zwar mit Erreichen der Geschlechtsreife geschlachtet. Es können dann aber bereits Tiere dabei sein, die das Androstenon gebildet haben.

Hintergrund

Schweine erreichen mit etwa sechs Monaten die Geschlechtsreife. In der Regel werden sie dann mit einem Gewicht von 100 Kilogramm geschlachtet. Manche Mäster schlachten auch erst mit zwölf Monaten und einem Gewicht von bis zu 180 Kilogramm. Zur Geschlechtsreife bilden Eber Androstenon, das ein Zwischenprodukt des Sexualhormons Testosteron ist. Bei den Ebern lagert es sich im Fettgewebe ab. Mit Skatol ist es verantwortlich für den Ebergeruch und -geschmack. Der Ebergeruch bei Fleischwaren tritt nur bei ungefähr jedem zehnten Tier auf und ausschließlich bei gegarten Fleischprodukten, nicht bei rohen Fleisch- und Wurstwaren.

Fragen und Antworten

Ferkel dürfen ab 2019 nur noch unter Betäubung kastriert werden. Dies wird in der Branche zu Umwälzungen führen. In den Fleischtheken findet sich aber schon jetzt immer häufiger Eberfleisch. Dazu die wichtigen Fragen und Antworten:

Warum gibt es überhaupt stinkendes Eberfleisch im Handel? 

Großbetriebe versuchen derzeit, die Kundenakzeptanz auszuloten. Der Kostendruck bei den Großbetrieben ist immens, sagt der Ostheimer Schweinemäster Holger Ackermann.

Kastrationskosten von fünf Euro je betäubtem Schwein können schon die halbe Gewinnmarge sein.

Kann man Eberfleisch im Supermarkt erkennen? 

Nein, das ist nicht möglich. Den typischen unangenehmen Geruch entwickelt es erst bei der Erhitzung, erklärt Ackermann.

Gibt es Fleisch, das besonders betroffen ist? 

Hackfleisch und Bratwürste. Deutschland ist allerdings Hackfleischland, sagt Ferkelerzeuger und Kreislandwirt Norbert Klapp. Daher ist dieses Problem hier besonders groß.

Wie kann verhindert werden, dass Verbraucher stinkendes Eberfleisch kaufen? 

Es muss eine Deklarationspflicht für Fleisch erlassen werden. Eberfleisch muss als solches kenntlich gemacht werden. Dann kann der Verbraucher entscheiden. Nicht alle reagieren empfindlich auf das Hormon Androstenon. Auch in Wurstwaren, die nicht erhitzt werden, wirkt es sich nicht auf die Qualität des Fleischs aus.

Wenn die Deklarationspflicht nicht kommt, kaufen wir also unwissentlich Eberfleisch? 

Genau, sagt Ackermann. Und dann schmeißen die Kunden tonnenweise Fleisch weg, weil es für sie ungenießbar ist. Für so einen Wahnsinn dürfen keine lebenden Tiere, keine Schweine getötet werden.

Ist es denn wahrscheinlich, dass eine Deklarationspflicht kommt? 

Der Handel sperrt sich, sagt Stefan Strube, Sprecher des Kreisbauernverbandes. Ebenso sperrt sich der Handel, höhere Preise an den Kunden weiterzugeben.

Warum lenkt der Handel nicht ein? 

Der Handel hat sich bereits weit aus dem Fenster gelehnt und verkündet, er werde kein Eberfleisch abnehmen, sagt Ferkelerzeuger Norbert Klapp. Allerdings ist feststellbar, dass das Gegenteil der Fall ist. Es landet massenhaft Eberfleisch im Supermarkt und zum Teil auch in den Metzgereien.

Was müssten Verbraucher je Kilogramm mehr bezahlen für ein betäubt kastriertes Schwein? 

Bei einem Schlachtgewicht von 100 Kilogramm und fünf Euro für die Kastration etwa 50 Cent je Kilogramm, rechnet Strube vor.

Die Schweinepreise sind im Keller, können Erzeuger und Mäster nicht Druck auf den Handel ausüben? 

Die Marktmacht liegt beim Handel und verarbeitenden Gewerbe. Landwirte können nicht die Preise erhöhen. Verbraucher können mit den Füßen abstimmen.

Es wird also Alternativen für Verbraucher geben? 

Natürlich, sagt Holger Ackermann. Er werde ausschließlich Fleisch von Sauen und kastrierten Tiere verarbeiten und verkaufen. Damit können Betriebe und Anbieter werben.

Er glaubt, dass viele Metzgereien und Direktvermarkter ähnlich verfahren werden.

Wird es genug Sauen und kastrierte Ferkel geben für diese Betriebe geben? 

Das ist die große Frage. Ganz sicher werden sich die Preise der Ferkel und die Konkurrenz um die Tiere verschärfen.

Ist die Impfung vor der Schlachtung eine Lösung? 

In der EU laufen Studien zur Verbraucherakzeptanz: Ganz klar präferiert werden kastrierte Ferkel, dann folgen abgeschlagen das Fleisch geimpfter Tiere sowie die Tiere aus der Ebermast, sagt Strube.

Rubriklistenbild: © dpa-mm

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