Melsungen: Weniger Ja-Worte in Kirchen

Die Zahl kirchlicher Trauungen im Kreisteil Melsungen sinkt – nicht nur wegen Corona

Weniger als früher: Nicht nur wegen der Coronapandemie heiraten nicht mehr so viele Menschen kirchlich, wie noch vor einigen Jahren.
+
Weniger als früher: Nicht nur wegen der Coronapandemie heiraten nicht mehr so viele Menschen kirchlich, wie noch vor einigen Jahren.

Die Zahl der kirchlichen Hochzeiten im Kreisteil Melsungen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen – doch das hat nicht nur mit Corona zu tun.

Kreisteil Melsungen – „Bereits seit den 1970er-Jahren lassen sich weniger Menschen trauen“, sagt der katholische Pfarrer Gerhard Braun aus Gensungen. In den 1960er-Jahren seien es noch sieben bis zehn Trauungen im Jahr in seiner Kirchengemeinde gewesen, seit Anfang der 1970er-Jahre in der Regel null bis drei.

„Damals wurde das Kirchengesetz geändert“, sagt Braun, „es durften Menschen unterschiedlicher Konfessionen heiraten.“ Das könne dafür gesorgt haben, dass sich Menschen eher für eine Hochzeit in einer anderen Kirche entschieden hätten. Denn: „Die Menschen scheuten in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend die katholischen Rituale. „Viele wollen individueller heiraten“, sagt Braun, „doch da sind wir nicht der richtige Anbieter.“ Stattdessen wichen immer mehr Menschen dahin aus, die Eheschließung auf dem Standesamt zu feiern.

Gerhard Braun, Katholischer Pfarrer in Gensungen.

Ein weiterer Grund: Besonders jüngere Generationen hätten zunehmend weniger Bindung zur Kirche. „Es gibt für sie auch nicht mehr den gesellschaftlichen Druck zu heiraten, so wie früher“, sagt der katholische Pfarrer. Dauerhafte Partnerschaften ohne Heirat seien gesellschaftlich akzeptiert – auch wenn die Partner Kinder zusammen hätten.

„Viele können mit dem Kirchensegen nichts mehr anfangen“, sagt der evangelische Pfarrer Dr. Volker Manthey. In seiner Kirchengemeinde in Spangenberg sei das aber noch nicht spürbar, denn die Stadt habe mit dem Schloss einen gefragten Ort zum Heiraten, der auch Paare außerhalb der Kirchengemeinde anziehe.

Dr. Volker Manthey, Evangelischer Pfarrer in Spangenberg.

„Wir haben daher seit vielen Jahren konstant fünf bis zehn Trauungen im Jahr“, sagt er. Im Kirchenkreis Melsungen sind die Zahlen jedoch gesunken. Wie die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck auf Anfrage mitteilt, gab es dort im Jahr 2000 noch 88 Trauungen, 2018 noch 67 und 2019 nur noch 54.

Auch Manthey hat festgestellt, dass sich viele Paare bei ihrer Trauung mehr Individualität wünschen. „Es geht nicht mehr darum, eine kirchliche Form einzuhalten“, sagt der evangelische Pfarrer, „daher loten wir mit den Paaren Gestaltungsmöglichkeiten aus.“ Es zeige sich auch in den Gottesdiensten, dass die Kirchen auf die Menschen zugehen müssten, um ihnen die Relevanz des Glaubens deutlich zu machen. „Wir müssen ihnen zeigen, jemand ist da, der hinter dir steht“, sagt er, „und dass ein gutes Leben nicht nur davon abhängt, was einem Menschen gelingt und was er kann.“

Ein weiteres Problem sieht Manthey darin, dass viele Paare mit einer kirchlichen Trauung eine große Veranstaltung verbinden. „Einige wollen lieber etwas Kleines“, sagt er. Das sei auch dann der Fall, wenn die Paare Angst vor hohen Kosten hätten. (Von Fabian Becker)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.