Wir-Gefühl entsteht langsamer

Homeoffice-Pflicht endet – Erfahrungen von Arbeitgebern im Altkreis Melsungen

Schöne Aussicht: Auch HNA-Redakteure arbeiteten von zuhause aus.
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Lauschiges Plätzchen: Auch HNA-Redakteure arbeiteten von zuhause aus.

Mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht kehren viele Arbeitnehmer im Altkreis wieder an ihre Arbeitsplätze zurück. Viele Unternehmen bieten aber weiterhin Lösungen zum mobilen Arbeiten an.

Melsungen – Mit diesem Monat ist die Homeoffice-Pflicht aufgehoben. Trotzdem ermöglichen viele Unternehmen im Kreisteil Melsungen ihren Mitarbeitern weiterhin das Arbeiten von zuhause. Das ergab eine Umfrage bei einigen der größten Arbeitgeber.

B. Braun Melsungen
Der Melsunger Medizintechnikhersteller B. Braun hat dazu aktuell eine neue Betriebsvereinbarung auf den Weg gebracht, die seit Juli gilt. Personalabteilung und Betriebsrat haben sie ausgearbeitet. Sie heißt Arbeiten flexibel und mobil und es sind sowohl Präsenzzeiten als auch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, geregelt.

Die neue Form der Zusammenarbeit solle den persönlichen Austausch ermöglichen, den es braucht, um die Kreativität und das Netzwerken zu fördern und zu stärken. Sie soll aber auch die Möglichkeit verbessern, im Homeoffice zu arbeiten und so helfen, Arbeit und individuelle Lebensentwürfe besser zu vereinbaren, sagt Personalvorstand und Arbeitsdirektor Dr. Stefan Ruppert.

Die Betriebsratsvorsitzende Alexandra Friedrich ergänzt: Mit dieser Betriebsvereinbarung sei man dem Wunsch der Belegschaft nach flexiblerem Arbeiten zwischen Büro und Homeoffice sowie mobilem Arbeiten nachgekommen. Die Vereinbarung ist befristet bis Ende 2022. „Das gibt uns die Möglichkeit, in den kommenden Monaten Erfahrungen zu sammeln, diese zu bewerten und am Ende in eine Folgevereinbarung einfließen zu lassen“, sagt Friedrich. Der größte Arbeitgeber in der Region – die B. Braun Melsungen AG bietet seit geraumer Zeit die Möglichkeit, im Homeoffice zuarbeiten. „Wir haben gemeinsam mit unserer Belegschaft – unabhängig von der Homeoffice-Pflicht – sehr früh und sehr konsequent mit Homeoffice auf die Situation reagiert“, heißt es vom Unternehmen. Damit habe B. Braun gute Erfahrungen gemacht. Allerdings würde die persönliche Begegnung nach wie vor für sehr wichtig erachtet. Die Aufhebung der Homeoffice-Pflicht habe keine gravierenden Veränderungen der Abläufe mit sich gebracht. Eine Umfrage unter den Mitarbeitern am Standort Melsungen im Juli vergangenen Jahres habe gezeigt, dass mobiles Arbeiten und das Arbeiten im Homeoffice in vielen Bereichen hervorragend funktioniere und deshalb auch über die Corona-Krise hinaus weiterhin grundsätzlich möglich bleiben solle.
In der Pandemie seien aber auch Nachteile der digitalen Zusammenarbeit im Homeoffice zutage getreten. Kreativität, Ausbildung, Beziehungsbildung und nicht zuletzt die zufällige Begegnung drohten auf der Strecke zu bleiben. Auch wichtige Werte wie Vertrauen, Empathie und das Wir-Gefühl entstünden digital deutlich langsamer.

Sartorius in Guxhagen
Bei Sartorius Stedim Systems in Guxhagen haben Mitarbeiter, die nicht in der Produktion oder im Labor arbeiten, einen Anspruch auf einen Homeoffice-Tag in der Woche, teilt Unternehmenssprecher Timo Lindemann mit. „Beziehungsweise einen Anspruch darauf, durchschnittlich 20 Prozent ihrer Arbeitszeit pro Woche im Homeoffice zu arbeiten.“ Jedoch sei diese Regelung nicht bindend, sodass auch individuell mit der jeweiligen Führungskraft abgesprochen werden könne, wenn mehr Homeoffice gewünscht wird, erklärt Timo Lindemann weiter.

Sägenfabrik Wikus
Bei der Spangenberger Sägenfabrik Wikus haben die Mitarbeiter in den administrativen Bereichen die Möglichkeit, nun wieder im Bürogebäude Wi.Com zu arbeiten. Die Büroarbeitsplätze wurden laut Unternehmenssprecherin Claudia Kaiser aber auf die Hälfte reduziert, sodass die Mitarbeiter sich für einen Arbeitsplatz einwählen können, je nachdem welche Termine anstehen. „Da können die Mitarbeiter dann selbst entscheiden, ob ein Treffen Face-to-Face mal wieder nötig ist“, sagt Kaiser. Dadurch, dass bei es Wikus im Büro keine festen Arbeitsplätze gibt, sondern jeder seinen Arbeitsplatz täglich frei auswählen kann, stelle dieses Konzept kein Problem dar. Nach den Sommerferien, wenn klar sei, wie sich das mit der Delta-Variante des Virus entwickle, werde man sehen wie es weitergehe.Dennoch sei das mobile Arbeiten auch ohne Corona eine Variante, die man bei Wikus auch für die Zukunft ermöglichen wolle.

Kreisverwaltung
In der Kreisverwaltung besteht bereits seit 2019 eine Dienstvereinbarung zur alternierenden Telearbeit im Homeoffice, heißt es von der Kreisverwaltung. Während der Corona-Pandemie wurden die Kapazitäten erweitert.Der Schwalm-Eder-Kreis habe etwa 300 000 Euro in den Aufbau der digitalen Infrastruktur investiert, besonders auch, um zusätzliche Möglichkeiten der Telearbeit im Homeoffice zu schaffen, heißt es weiter. Aufgrund der Erfahrungen während der Corona-Pandemie werde die aktuelle Dienstvereinbarung zur alternierenden Telearbeit im Homeoffice überprüft und gegebenenfalls weiterentwickelt.
Während der Corona-Pandemie seien die Kapazitäten in der Kreisverwaltung für Tätigkeiten im Homeoffice erheblich ausgebaut worden, teilt die Kreisverwaltung mit. Von 600 Arbeitsplätzen der Hauptverwaltung seien 450 technisch vollwertig ausgestattet, so dass Arbeiten von zu Hause im Homeoffice möglich sei. Einige Arbeitsplätze könnten nicht ins Homeoffice verlegt werden – dazu gehörten zum Beispiel die Leitstelle und der Sozialer Dienst.

Stadt Melsungen
Auch bei der Stadt Melsungen steht man dem Homeoffice offen gegenüber: Bürgermeister Markus Boucsein: „Unsere bisherigen Erkenntnisse sind durch das mobile Arbeiten in der Pandemie bestätigt worden. Homeoffice – oder bisher Telearbeit – fördert die Flexibilität und Motivation unserer Mitarbeiter und ist ein wichtiger Baustein, um Familie und Beruf erfolgreich zu verbinden.“
Der Notfallplan könne über einen mehrtägigen Zeitraum die Präsenz vor Ort ersetzen.
Allerdings habe in der Stadtverwaltung in vielen Bereichen Bürgernähe Priorität. Als Beispiele nennt Boucsein: das Bürgerbüro, die Zulassungsstelle und die Kindertagesstätten. Dort sei eine Arbeit auf Distanz nicht möglich. Bei aller Effizienz von Video- und Telefonkonferenzen: „Der persönliche Austausch ist Grundlage für die parlamentarische Arbeit. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass sich durch die strategisch kluge Umsetzung der Digitalisierung weitere Entwicklungsmöglichkeiten bieten“, sagt Boucsein. Um das Arbeiten von zu Hause aus möglich zu machen beziehungsweise zu unterstützen, habe die Stadt Melsungen seit Beginn der Corona-Pandemie im Zuge der Umsetzung des mobilen Arbeitens mehrere tausend Euro investiert. Das Geld wurde insbesondere für Laptops, Headsets, Pads, Mobiltelefone, Token für Webzugänge, und andere nötige Infrastruktur aufgewendet. (Damai D. Dewert, Carolin Hartung und Barbara Kamisli)

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