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„Wir lächeln mit den Augen“: Melsunger Altenpflegerinnen über ihren Alltag in der Pandemie

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Von: Claudia Feser

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Test vorm Dienst: Alicia Blumenstein (links) und Jennifer Dittmar arbeiten im Awo-Altenheim in Melsungen und testen sich täglich vor Dienstbeginn.
Test vorm Dienst: Alicia Blumenstein (links) und Jennifer Dittmar arbeiten im Awo-Altenheim in Melsungen und testen sich täglich vor Dienstbeginn. © Claudia Feser

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Darüber haben wir mit zwei Mitarbeiterinnen des Awo-Altenheims in Melsungen gesprochen.

Melsungen – Zwei Jahre Corona sind vorüber. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Menschen, die zur Risikogruppe gehören: die Bewohner in Altenheimen. Darüber haben wir mit zwei Mitarbeiterinnen des Awo-Altenheims in Melsungen gesprochen: Jennifer Dittmar und Alicia Blumenstein.

Zu Beginn des ersten Lockdowns 2020 war das Haus für drei Monate für Besucher geschlossen – wie war das für die Bewohner?

Alicia Blumenstein: Als kein Besuch von Familienangehörigen möglich war, war es unsere Aufgabe, uns mit den Leuten zu beschäftigen, damit sie nicht so viel Einsamkeit bekommen. Wir haben gesehen, dass die Leute leiden. Jetzt sind sie lebendiger, wir versuchen immer, für sie da zu sein.

Jennifer Dittmar: Als keine Besuche erlaubt waren und die Bewohner auf den Zimmern bleiben mussten, war ihr Kontakt zu uns doppelt und dreifach so wichtig. Wir sind die Bezugs- und Vertrauenspersonen der Bewohner.

Hat Corona Ihre Arbeitssituation verändert?

Dittmar: Am Anfang haben wir noch in Schutzkleidung gearbeitet, mit Kittel und ständig mit Handschuhen. Mit Öffnung des Heims wurde das wieder gelockert. Es hat ein Umdenken erfordert: Wenn ich jetzt für einen Bewohner einen Rettungswagen anfordere, sage ich sofort am Telefon, dass er corona-negativ oder -positiv ist. Das sind Maßnahmen, die mittlerweile in den Automatismus übergegangen sind.

Blumenstein: Wir haben auch mal Visier getragen. Jetzt nur noch Maske und manchmal Handschuhe. Wir kommen jetzt langsam zur Normalität.

Mussten Sie sich nicht ständig die Hände desinfizieren?

Dittmar: Ja, am Anfang haben wir es auch übertrieben, da war die Haut gereizt vom vielen Desinfizieren. Es war die Angst vor etwas Neuem: Wir wussten damals nicht, was uns bei einer Infektion erwartet. Wir haben aber gute Pflegemittel, mit denen wir unsere Hände pflegen können.

Sie müssen ja ständig Maske tragen – hat das Auswirkungen auf die Kommunikation mit den Bewohnern?

Dittmar: Die nonverbale Kommunikation hat sich verändert: Viele Bewohner sind auf Lächeln und Mimik angewiesen – durch die Masken ist dies nicht möglich. Also gab es die Frage: Wie schenke ich den Bewohnern mit Maske ein Lächeln? Ich kann auch mit den Augen zwinkern. Manche Bewohner haben anfangs gefragt: Warum lachen Sie nicht mit mir? Haben Sie schlechte Zähne?

Haben Sie sich mittlerweile daran gewöhnt, die Maske dauerhaft bei der Arbeit zu tragen?

Dittmar: Was für alle eine große Umstellung war, ist zur Realität geworden: das Testen, die Masken. Ja, anfangs war die Maske ungewohnt, aber sie ist ein Schutz für mich und meine Umwelt. Außerdem möchte ich nicht die Person sein, die einen unserer Bewohner ansteckt. Außerdem testen wir uns jeden Tag vor Dienstbeginn. Als wir mit infizierten Bewohnern gearbeitet haben, mussten wir uns auch nach Dienstende testen.

Schränkt die Maske Sie bei der Arbeit ein?

Dittmar: Es ist krass: Ohne Maske würde ich mich nackig fühlen. Ich fühle mich mittlerweile nicht mehr eingeschränkt. Wenn ich das Bedürfnis habe, die Maske auszuziehen, dann gehe ich für zwei, drei Minuten mal raus. Es wird für alle eine Umstellung sein, uns ohne Maske zu sehen.

Was war während der Pandemie bislang am Schlimmsten für Sie?

Dittmar: Am Anfang zu sehen, wie viele Bewohner auf die Gesellschaft der anderen Bewohner angewiesen sind und wie gebrechlich manche Bewohner sind.

Zum Beispiel?

Dittmar: Wenn Demenzkranke im Speisesaal sitzen und ein Marmeladenbrot schmieren wollen, dann gucken sie es sich vom Gegenüber ab: erst das Brot, dann die Butter, dann die Marmelade. Bei der Schließung mussten alle aber auf ihren Zimmern essen. Und wenn Bewohner eigentlich jeden Morgen einen Bewohner auf einer anderen Station besucht haben und das wegen der Pandemie nicht geht, dann bricht ihnen die Struktur weg, damit ist dieser Mensch gebrochen, weil er nicht weiß, was er mit sich anfangen soll. Die Menschen brauchen Struktur, um ihre Selbstständigkeit erhalten zu können.

Wie reagierten die Bewohner, keinen Besuch von Angehörigen empfangen zu dürfen?

Blumenstein: Die Bewohner fühlten sich eingesperrt. Sie waren aufgeregt und sagten: Ich bin doch erwachsen. Wir mussten viel sprechen mit ihnen. Manche Bewohner haben gesagt: Ich bin doch gesund und nicht erkältet – warum muss ich so weit weg vom Nachbarn am Tisch sitzen. Aber der Mensch gewöhnt sich schnell.

Dittmar: Viele Demenzkranke wissen nicht, ob die Angehörigen gestern oder vor drei Monaten da waren. Kognitiv fitte Bewohner fanden andere Möglichkeiten des Kontakts, zum Beispiel WhatsApp, oder Gespräche am Fenster. Nach drei, vier Monaten waren viele Bewohner der Meinung, dass es richtig war, die Einrichtung zu schließen, weil sie so geschützt wurden.

Das Betreuungsteam war in dieser Zeit sehr wichtig – warum?

Blumenstein: Die Betreuungskräfte machten in der Zeit viel Einzelbetreuung. Das haben die Bewohner auch genossen. Manche wollten später sogar nicht in die Gruppen kommen, weil sie uns nur für sich haben wollten. Aber wir konnten beispielsweise nicht in Einzelbetreuung Waffeln backen.

(Claudia Feser)

Zu den Personen

Jennifer Dittmar (38) aus Malsfeld ist examinierte Altenpflegerin. Seit elf Jahren arbeitet sie im Awo-Heim Melsungen, mittlerweile ist sie Wohnbereichsleiterin II und zuständig für die Etagen 5 bis 8. Sie ist ledig, aber in festen Händen. Zu ihren Hobbys zählen häkeln und stricken.

Alicia Blumenstein (67) ist in Stettin/Polen aufgewachsen. Seit 2000 lebt sie in Körle. Die gelernte Verkäuferin arbeitet seit 2009 als Pflegehelferin im Melsunger Awo-Altenehim und ist Alltagsbegleiterin und Betreuungsassistentin in Haus B II. Sie ist verheiratet und Mutter eines Sohnes.

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