Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen im Interview

Interview zum Melsunger Projekt SoS: „Mischkonsum nimmt deutlich zu“

Ralf Bartholmai (61) ist seit 1986 in der Drogenarbeit tätig. Seit 2008 bildet der Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Sozialtherapeut gemeinsam mit Angela Waldschmidt die Geschäftsführung der Drogenhilfe Nordhessen. 
Diana Voigt-Hohoff (43) ist im Werratal aufgewachsen und zur Schule gegangen. Bei der Drogenhilfe Nordhessen ist sie seit sechs Jahren als Sozialpädagogin tätig und bereu
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Ralf Bartholmai (61) ist seit 1986 in der Drogenarbeit tätig. Seit 2008 bildet der Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Sozialtherapeut gemeinsam mit Angela Waldschmidt die Geschäftsführung der Drogenhilfe Nordhessen. Diana Voigt-Hohoff (43) ist im Werratal aufgewachsen und zur Schule gegangen. Bei der Drogenhilfe Nordhessen ist sie seit sechs Jahren als Sozialpädagogin tätig.

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution in Felsberg. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für Suchtmittelgefährdete oder -abhängige. In loser Reihe stellen wir die Fachklinik und ihre Mitarbeiter vor.

Melsungen – Das SoS-Projekt (Sozialraumorientierte Suchthilfe) der Drogenhilfe Nordhessen gibt es in Melsungen seit drei Jahren und ergänzt das Angebot der Fachklinik am Böddiger Berg. Es ist auf die Bedürfnisse von Suchtkranken im ländlichen Raum zugeschnitten. Das Projekt bietet Menschen mit einem Drogen- und Alkoholproblem aus dem Schwalm-Eder-Kreis und dem Raum Hersfeld-Rotenburg in Melsungen Hilfe an. Die Sozialarbeiter- und Pädagogen stellen den Kontakt zu Ärzten und Kliniken her und begleiten Suchtkranke während den ersten Therapiesitzungen. Der Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen, Ralf Bartholmai, und Sozialpädagogin Diana Voigt-Hohoff ziehen Bilanz.

Herr Bartholmai, was schätzen Sie, wie viele Menschen haben bei uns mit einem Drogenproblem zu kämpfen?
Bartholmai: Viele. Genaue Zahlen gibt es wegen der hohen Dunkelziffer natürlich nicht. Hessenweit sind es etwa 43 000 Menschen. Das Problem ist bei uns auf dem Land aber mindestens genau so groß wie in den Großstädten mit bekannten Drogenumschlagsplätzen. Dort bekommen es halt viel mehr Menschen mit, als bei uns auf dem Land. SoS hat deshalb eher einen aufsuchenden Charakter. Wir haben mit dem Projekt an manchen Hauswänden geklopft und waren selbst erstaunt, wie schnell die Fassade angefangen hat zu bröckeln. Schnell ist uns klar gewesen, dass sich gerade kleine Dörfer zum Dealen anbieten. Und wo es Dealer gibt, gibt es nun mal auch Konsumenten.
Ein aufsuchender Charakter – was bedeutet das?
Diana Voigt-Hohoff: Wenn die Menschen mit einem Suchtproblem sich dann erst einmal getraut haben, uns zu kontaktieren, schauen wir gemeinsam, wo die Reise hingehen soll. Also, ob ein Aufenthalt in einer Klinik ratsam oder eine ambulante Therapie besser ist. Dann schreiben wir gemeinsam einen Antrag. Im idealen Fall bricht der Kontakt dann bis zu einem Antwortschreiben der entsprechenden Klinik nicht ab und sie können sich in Therapie begeben.
Aus Scham suchen auf dem Land also weniger Suchtkranke die Hilfe auf. Deshalb die unauffällige Anlaufstelle in der Melsunger Altstadt?
Bartholmai: Hat man ein Suchtproblem, fällt es Betroffenen ohnehin schwer, sich Hilfe zu suchen. Auf dem Land bewegt sich das aber noch mal auf einer ganz anderen Ebene: Viele süchtige Menschen hier hatten noch nie Kontakt zu einem Hilfeangebot, weil sie die Möglichkeiten der Hilfe auch schlichtweg nicht auf dem Schirm haben. Dazu kommen dann noch persönliche Einschränkungen, sowie eine schlechte Anbindung an Öffentliche Verkehrsmittel – gerade auch bei jungen und älteren Menschen. Für sie ist der Weg in die Städte oft eine halbe Weltreise. Deshalb arbeiten unsere Mitarbeiter vor Ort, mobil und wenn es gewünscht wird, auch an ruhigen Orten, damit die Menschen nicht gesehen werden, wie sie eine Suchthilfeeinrichtung betreten. Für einen Polizisten oder Lehrer ist es vielleicht nicht so gut, in einer Suchtberatungsstelle gesehen zu werden.
Sie sprechen von Jungen und Älteren. Gibt es einen Altersdurchschnitt der Menschen, die Sie mit SoS betreuen?
Voigt-Hohoff: Nein, das ist ganz unterschiedlich. In Melsungen haben wir aber vermehrt einen Zugang von sehr jungen Klienten zu verzeichnen, also Zwölf- bis 14-Jährige, aber auch ältere Menschen, die weit über 60 Jahre alt sind. Wobei wir bei den älteren Menschen in den häufigsten Fällen von einer massiven Alkoholsucht sprechen. Bei den Jugendlichen oder Minderjährigen ist es fast immer so, dass sie mit ihren Eltern zu uns kommen. Dabei stellen wir dann oft fest, dass der Drogenkonsum oft nicht das einzige Problem in der Familie ist. So ist es zum Beispiel auch bei jungen Familien. Oft kommen Frauen mit ihren kleinen Kindern zu uns, die mit dem Konsum ihres Mannes nicht mehr klar kommen und Hilfe suchen.
Wie sieht die Hilfe aus?
Voigt-Hohoff: Menschen mit einem Suchtproblem werden oft zunächst nur wegen ihrer Begleiterkrankungen, aber nicht wegen des Suchtproblemes behandelt, weil das gar nicht so offensichtlich ist. Wir gehen aktiv auf die betroffenen Menschen zu und wollen sie während ihrer Therapie dann niederschwellig begleiten, ohne, dass es jeder mitbekommt. Der große Vorteil an dem Projekt hier in Melsungen ist, dass wir vor Ort und gut vernetzt sind, damit wir eine frühe Versorgung gewährleisten können. In der Nachbarschaft befindet sich die psychiatrische Praxis von Dr. Helmut Frömmel. Der Gang zum Arzt fällt Suchtkranken oft leichter, als zur Suchtberatung. Die Patienten der Praxis können deshalb schnell psychosoziale Hilfen in Anspruch nehmen und die SoS-Patienten bekommen schnell suchtmedizinische Hilfe. Bartholmai: Wichtig ist uns, dass die Betroffenen bei uns Hilfe bekommen – und nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist. Sprich: Wenn sie beispielsweise schon die Arbeit verloren oder ihre Ausbildung in den Sand gesetzt haben. Wenn wir früh eingreifen, werden Drogenkarrieren verkürzt. Davon profitiert vor allem der Betroffene aber auch die Gesellschaft. Denn damit entlastet man langfristig das Gesundheitssystem. Ein chronisch Süchtiger verursacht für die Gesellschaft so viele Kosten, wie wenn er 180 Jahre alt würde. Ziel unsere Hilfe hier ist es also, die Menschen wieder fit für die Teilhabe an der Gesellschaft und die Arbeitswelt zu machen.
Das heißt, die kurzen Wege machen das SoS-Projekt aus?
Bartholmai: Vor Ort können wir beispielsweise auch schnell reagieren, wenn eine Familie wegen eines Suchtproblemes gerade droht, zu zerbrechen. Da haben wir die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Sozialsystemen wie der Jugendhilfe, Suchthilfe, Gesundheitsamt oder die Fachklinik rasch in Kontakt zu treten. Wenn es wirklich sehr akut ist, machen wir natürlich noch einen Platz in der Fachklinik frei.
Das Projekt hatte zunächst eine Laufzeit von drei Jahren. Die sind nun vorbei. Wie geht es weiter?
Bartholmai: Wie schon erwähnt, betreuen wir immer mehr junge Menschen mit einem Suchtproblem. Mit dem Landkreis sind wir deshalb zurzeit im Gespräch, um einen mobilen Krisendienst zu etablieren. Außerdem überlegen wir Peer-Berater, also Menschen, die sich auch auf Augenhöhe mit den Betroffenen bewegen, wie etwa Gleichaltrige, auszubilden. Sie sollen das Projekt zusätzlich ehrenamtlich unterstützen.Wenn Jugendliche anderen Jugendlichen helfen, ist das noch mal etwas anderes, als wenn ein Erwachsener sagt, dass Drogen einem nicht guttun. Dazu überlegen wir, dass Projekt zu digitalisieren. In Form von einem Online-Portal, wo sich Hilfesuchende 24 Stunden, sieben Tage die Woche melden können. Das ist aber Zukunftsmusik. Das SoS-Projekt wird in Zukunft nicht mehr vom Land finanziert. Wir hoffen auf weitere Unterstützung durch die Stadt Melsungen und sind mit dem Schwalm-Eder-Kreis im Gespräch, für Jugendliche weitere niedrigschwellige aufsuchende Hilfen zu entwickeln.

Erfolgsquote liegt bei 70 Prozent 

„Es gibt kaum einen Konsumenten, der nur Cannabis raucht“, sagt Ralf Bartholmai, Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen. Der Mischkonsum bei den Jugendlichen habe stark zugenommen, sagt er. Häufig würden sie Cannabis und Amphetamine konsumieren. „Außerdem erleben wir leider, dass Heroin wieder im Kommen ist und Crystal Meth erreicht uns leider auch“, sagt Bartholmai. Er gibt dabei zu bedenken: „Die Menschen sind nicht nach dem Stoff süchtig, sondern nach dem Rausch“, sagt er. Die Legalisierung von Cannabis sehe er deshalb kritisch, weil es oft als Einstiegsdroge fungiere. Insgesamt hat das SoS-Projekt in Melsungen im vergangenen Jahr 26 Menschen betreut. 70 Prozent davon haben dann eine Therapie erfolgreich abgeschlossen. Die Abbruchsquote liegt bei 4 Prozent. Mit folgender Symptomatik haben die Betroffenen die Hilfestelle aufgesucht:

Alkohol: 55 Prozent

Amphetamine/ Extasy: 20, 22 Prozent

Kokain: 15 ,17 Prozent

THC: 23 ,26 Prozent

Polytoxikomanie/Mischkonsum 22 Prozent

Von Linett Hanert

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