Geladene Gewehre: Amerikaner beschäftigt sich mit dem Kriegsende in Wichte

Ausgangspunkt der Recherche: Ein Foto, das zeigt wie ein US-Sherman-Panzer in Mörscher Ortsteil Wichte einrollt. Foto: Archiv

Wichte. Wie erlebten die amerikanischen Soldaten, die kurz vor Kriegsende auf ihrem Weg nach Osten auch in Wichte lagerten, die Situation damals?

Dieser Frage ist der 28-jährige Amerikaner James Fondren nachgegangen.

Dass sich der geschichtsinteressierte junge Mann aus dem fernen New Orleans ausgerechnet mit der Kriegsgeschichte Wichtes beschäftigt hat, hat mit einem Foto und familiären Verbindungen in den Ort zu tun. Seine Frau Elisabeth stammt nämlich aus Wichte und bei einem Besuch im Grenzmuseum Schifflersgrund vor einigen Jahren entdeckte er zum ersten Mal das Foto, das einen amerikanischen Sherman-Panzer zeigt, der in Wichte einrollt. Ein Zeitungsausschnitt, den ihm Schwiegermutter Birgit Döhne zuschickte und der das gleiche Bild zeigte, habe dann den Ausschlag für seine Recherche gegeben.

Auf der Internetseite super6th.org fand er die Schilderung eines US-Sergeants, der beschreibt wie eine Einsatzgruppe gen Osten vorrückt. In diesen Schilderungen spielen auch Wichte und Neumorschen eine Rolle. Elisabeth Fondren hat den Text übersetzt und an Ortsvorsteher und Chronist Dieter Reichel übergeben. „Damit schließt sich eine Lücke im Wissen um die Ereignisse von damals“, sagt der 80-Jährige. Bisher habe man nur Schilderungen von Wichtern gekannt, die auch in der Dorfchronik festgehalten sind.

Elisabeth Fondren sagt, ihr Mann habe sich schon immer sehr für Geschichte interessiert.

„Ich habe mich immer als jemand verstanden, der sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt“, sagt James Fondren. „Für unsere Generation ist es selbstverständlich in Frieden und in einer freien Gesellschaft zu leben. Doch dieses Bewusstsein muss bewahrt und aktiv gefördert werden.“ Es sei wichtig aus der Geschichte zu lernen. Deshalb gelte es Originalquellen zu erhalten und für nachfolgende Generationen zugänglich zu machen. Dazu habe er mit seiner Recherche einen Teil beitragen wollen. Sein großes Interesse an den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges sei auch durch Besuche im Weltkriegsmuseum in New Orleans und seine Besuche in Deutschland entstanden.

Mit der Quelle aus dem Internet soll die Nachforschung von James und Elisabeth Fondren über das Kriegsende in Wichte aber noch nicht abgeschlossen sein. „Wir wollen auf jeden Fall weitermachen“, sagt Elisabeth Fondren. Sie beschäftigt sich im Zuge ihrer Doktorarbeit mit der deutsch-amerikanischen Geschichte und Kriegspropaganda. Dazu gehöre auch, die Dokumentation von Kriegsquellen zu untersuchen.

Schilderung des US-Sergeants

Wie amerikanische Truppen das Kriegsende in Wichte erlebten, das schildert US-Sergeant Joseph D. Bucklez in „Das 50. Schützenpanzer-Bataillon: Unsere stolze Geschichte.“ Wir dokumentieren Auszüge:

„Bevor die Einsatzgruppe Ward im Morgengrauen des 30. März auszog, wurde sie durch einen Zug der Reconnaissance Kompanie des 603. Panzerjäger-Bataillons verstärkt. (...) Das Ziel, das Kassel gewesen war, wurde plötzlich geändert. Und nun fuhren wir in Richtung der Stadt Leipzig, mit dem Ziel, eine Verbindung mit russischen Streitkräften herzustellen und die Nazis aus dem Osten zu zerschlagen. (...) In den frühen Morgenstunden des letzten Tages des Monats erreichte die Einsatztruppe ihr Nachtlager in der Nähe von Niederbeisheim. Am Vormittag zog die Kompanie „B“ nach Wichte weiter, baute ab und rückte nach Neumorschen vor. Die Mission war einen Brückenkopf über der Fulda zu sichern, um so den anhaltenden Vorstoß der Kampfgruppen in den Osten zu ermöglichen. (...) wegen des Mangels an nötiger Infanteriestärke der Einsatzgruppe, verzögerte Colonel Ward die tatsächliche Flussüberquerung bis nach Einbruch der Dunkelheit. (...) In der Nacht zog sich die Einsatzgruppe Ward auf einen Verfügungsplatz in der Nähe von Wichte zurück. Dort wurden Pläne für die Überquerung des Flusses (...) abgeschlossen. (...)Die April-Einsätze begannen sehr ungünstig als wir kurz vor Mittag aus Wichte ausrückten. Trotz des leichten Widerstandes überquerte die Einsatzgruppe den Fluss Fulda (...) und erreichte am selben Abend ihr Feldlager in der Nähe des Dorfes Bergheim.

Quelle: super6th.org / Übersetzung: Elisabeth Fondren.

Schilderung eines Wichters

Wie die Menschen in Wichte das Kriegsende und den Einmarsch der amerikanischen Truppen erlebten, steht in der von Dieter Reichel verfassten Dorfchronik. Wir dokumentieren Auszüge:

„Ostersamstag kamen amerikanische Panzer von Niederbeisheim her nach Wichte. Von weitem konnte man am Berg das von Georg Steube aus der Bodenluke herausgehangene Betttuch sehen. Im Dorf war es Hans Möller II, der ebenfalls eine weiße Fahne hisste. (...) Die Aufregung war groß, keiner wusste, was auf Wichte zu kam.“ In der Chronik berichtet der Augenzeuge Karl Rehwald folgendes:

„Am späten Nachmittag kam der Bürgermeister zu uns und sagt, wir müssten das Haus räumen. (...) Ein Pole mit Frau und Kind wurde ins Wohnzimmer einquartiert, ein amerikanischer Offizier in einem Einbettzimmer. (...) Am frühen Abend kam der Bürgermeister nochmals mit dem amerikanischen Kommandanten, um auch dieses Zimmer zu beschlagnahmen. (...) Ich erinnere mich, dass der Pole mit dem Kommandanten ein Gespräch führte und der Kommandant anschließend sagte, wir bräuchten nicht auszuziehen. Dann marschierten Kampftruppen in Wichte ein, die Soldaten mit geladenem Gewehr im Anschlag auf die Häuser gerichtet. Sie durchsuchten alle Häuser nach deutschen Soldaten und Waffen und Munition. Es gab dann noch viele Tage der Aufregung in Wichte. Am Ostermorgen zogen die amerikanischen Soldaten wieder zurück in Richtung Niederbeisheim. Die Nachhut ist in Malsfeld über die Fuldabrücke gefahren. (...)“

Quelle: Dieter Reichel, 800 Jahre Wichte Unser Dorf .... Von der Gründung bis heute (1196 - 1996), S. 96/97.

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