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Ukrainische Mutter darf ihre Familie in Morschen besuchen

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Von: Fabian Becker

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Gut in Morschen angekommen: Die ukrainische Familie spielt „Catch the Moon“ mit den Mörschern, bei denen sie leben, von links: Karin Böhm, Dima Kalinin, Hubert Böhm, David Varava, Alexandr Kalinin, Tanya Varava.
Gut in Morschen angekommen: Die ukrainische Familie spielt „Catch the Moon“ mit den Mörschern, bei denen sie leben, von links: Karin Böhm, Dima Kalinin, Hubert Böhm, David Varava, Alexandr Kalinin, Tanya Varava. © Fabian Becker

Vor einem halben Jahr hat Russland die Ukraine angegriffen. Seitdem sind viele ukrainische Familien geflohen, unter anderem in den Schwalm-Eder-Kreis. Wir berichten beispielhaft, wie ihre ersten Monate waren.

Altmorschen – Alexandr Kalinin (37) ist mit Sohn Dima (7), Schwiegermutter Tanya Varava (55) und deren Sohn David (16) Anfang März aus der Stadt Kirowohrad in der Mitte der Ukraine geflohen. Dima hat eine künstliche Herzklappe und muss Blutverdünnern nehmen. Alexandrs Frau konnte als Fahrdienstleiterin eines Bahnhofs das Land nicht einfach verlassen. Alexandr wurde stattdessen die Ausreise gewährt, obwohl ukrainische Männer von 18 bis 60 Jahren das Land eigentlich nicht verlassen dürfen. „Wir sind gut in Deutschland angekommen“, sagt Alexandr Kalinin.

Alles, was mit Ämtern zu klären ist, sei erledigt. „Schwierig war, die Ausländerbehörde vom Schwalm-Eder-Kreis zu erreichen“, sagt Karin Böhm aus Altmorschen, die die Familie mit ihrem Mann Hubert bei sich aufgenommen hat. „Wir wurden ständig weiterverbunden.“ Auch Miete und Nebenkostenerstattung vom Kreis haben auf sich warten lassen. „Das hat bestimmt zehn Wochen gedauert.“

Das Rentnerehepaar verbringt viel Zeit mit den Ukrainern: Sie spielen Brettspiele wie „Catch the Moon“ (Fang den Mond) und essen zusammen. Die beiden halfen der Familie auch bei der Anmeldung bei der Agentur für Arbeit und bei Schulen.

Dima hat die erste Klasse auf der Mörscher Georg-August-Zinn-Schule abgeschlossen. „Eine Lehrerin spricht Ukrainisch und unterstützt ihn sehr“, sagt Alexandr Kalinin. „Dima hat hier auch schon Freunde gefunden.“

Bei David sei das anders. Er hat die neunte Klasse an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg beendet. „Für ihn ist es schwieriger, Freunde zu finden, weil es nicht so viele Jugendliche in seinem Alter gibt, die in der Nähe wohnen“, sagt Tanya Varava. Sie hat sich mit einer Nachbarin angefreundet, mit der sie gelegentlich Nordic Walking macht. Alexandr Kalinin verbringt gern Zeit mit einem Nachbarn, dem er beim Blumengießen und der Versorgen der Hasen hilft.

Die beiden Schüler haben schon etwas Deutsch gelernt. „Dima kann zum Beispiel Zahlen, Farben, einige Tiere und Sätze, die oft benutzt werden“, sagt Alexandr Kalinin. Der 37-Jährige hat in der Ukraine als Elektriker gearbeitet. Das möchte er in Deutschland auch. „Ich habe Möglichkeiten, aber ich muss noch besser Deutsch sprechen können.“ Dafür besuchen er und Tanya Varava einen Kurs, der in den Sommerferien pausiert. Sie üben daher derzeit mit Nachbarin Erika Görke.

Dabei sind auch Umgangsformen ein Thema, denn die sind in der Ukraine teilweise anders. So wird dort nur Männern die Hand gegeben. „In Deutschland werden Lehrer nur mit Nachnamen angesprochen, in der Ukraine mit Vor- und Nachnamen“, sagt Tanya Varava. Auch die Sprache unterscheidet sich – nicht nur die Wörter.

Beispiele: „Auf Ukrainisch werden Zahlen von vorne nach hinten gelesen.“ 27 wird auf Ukrainisch zwanzig sieben gesprochen ohne das Und. „In Deutschland werden viele Wörter verbunden und dadurch sehr lang, beispielsweise Sonnenschirm und Krankenhaus.“ Es gebe aber auch Wörter, die gleich ausgesprochen werden, zum Beispiel Zucker, Dach und Lampe.

So gut es der Familie in Deutschland geht, für ihre Angehörigen in der Ukraine ist es schwierig. Alexandr Kalinin zeigt beim Pressetermin ein Video, auf dem eine Rakete zu sehen ist, die etwa 30 Kilometer vom Wohnort seiner Frau entfernt einschlägt. „Es ist unmöglich, sich an Krieg zu gewöhnen“, sagt er. „Sie erträgt es und hofft auf das Beste.“ Es gibt aber auch gute Neuigkeiten: Alexandrs Frau darf ihre Familie bald für etwa zwei Wochen besuchen. (Fabian Becker)

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