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Vater flieht mit herzkrankem Sohn aus der Ukraine nach Altmorschen

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Von: Fabian Becker

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Geflüchtete Ukrainer in Altmorschen: Mit diesem Auto sind Dima Kalinin (von links) , David Varava, Alexandr Kalinin und Tanya Varava aus der Ukraine geflohen.
Geflüchtete Ukrainer in Altmorschen: Mit diesem Auto sind Dima Kalinin (von links) , David Varava, Alexandr Kalinin und Tanya Varava aus der Ukraine geflohen. © Fabian Becker

Die meisten geflüchteten Ukrainer, sind Frauen und Kinder, denn Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen wegen des Kriegs nicht ausreisen. Bei Alexandr Kalinin ist es anders.

Altmorschen – Der 36-Jährige wohnt derzeit mit seinem Sohn Dima Kalinin (7), seiner Schwiegermutter Tanya Varava (54) und ihrem Sohn David Varava (15) in Altmorschen.

Dima Kalinin hat vor vier Jahren eine künstliche Herzklappe bekommen und muss Blutverdünner nehmen. Alexandr Kalinins Frau arbeitet als Fahrdienstleiterin eines ukrainischen Bahnhofs. „Ihre Position ist wichtig, sie kann nicht einfach gehen“, sagt er. Daher durfte der 36-Jährige mit ihrem Sohn ausreisen.

Erst im Januar hatte der Siebenjährige eine Untersuchung in Kiew, die ergab, dass in ein bis zwei Jahren wieder eine Operation nötig wird. „Die Klinik ist aber bombardiert worden, weshalb wir nicht sicher waren, wie lange er dort noch behandelt werden kann“, sagt Alexandr Kalinin. „Ich hoffe, dass sich in der Ukraine bis zu der Operation etwas zum Guten geändert hat.“

Flucht aus der Ukraine: Familie zögerte

Mit der Ausreise zögerte die Familie. „Wir haben gehofft, dass der Krieg schnell endet“, sagt Alexandr Kalinin. Doch diese Hoffnung schwand. „Wir wurden müde und verärgert.“ Zudem habe die Familie entschieden, den Kindern nicht noch mehr zuzumuten. „Sie sollten nicht völlig traumatisiert werden“, sagt Tanya Varava.

Doch der Krieg ist nicht spurlos an den Kindern vorbeigegangen. „Mein Sohn verbindet ihn mit Sirenen und Bunker“, sagt der 36-Jährige. Abends habe Dima Kalinin Angst, seinen Schlafanzug anzuziehen. „Er denkt, dass in der Nacht Sirenen heulen könnten und er sich schnell anziehen und in einen Bunker fliehen muss.“ Beim Pressetermin legte er zwei blaue Smarties neben zwei gelbe: die ukrainische Flagge.

Am 8. März um 4 Uhr brach die Familie schließlich mit ihrem Auto aus ihrer Heimatstadt Kirowohrad in der Mitte der Ukraine auf. „Der Weg war lang und schwierig, aber egal wo wir anhielten, bekamen wir Hilfe von Menschen, die uns Essen und Trinken gaben“, sagt Alexandr Kalinin. Viele Menschen seien mit Autos geflüchtet.

Fahrt aus der Ukraine: Lange Schlangen an den Tankstellen

Die Straßen seien dementsprechend voll und die Geschwindigkeit niedrig gewesen. „An den Tankstellen gab es lange Schlangen“, sagt er. „Einer ging der Sprit aus, als wir an der Reihe gewesen wären.“

Nach zwei Tagen und 900 Kilometern kamen die vier an der polnischen Grenze an. Dort standen sie sieben Stunden an. „Wir haben Essen, Trinken und psychologische Hilfe bekommen“, sagt die 45-Jährige.

Dann ging es weiter nach Dresden zu Bekannten von Tanya Varava, die außer ihrem Sohn und Alexandrs Frau noch eine Tochter hat, die bei ihrem Mann in der Ukraine geblieben ist. Die 54-Jährige kann kein Auto fahren, daher fuhr ihr Schwiegersohn die ganze Strecke. „Das war sehr anstrengend, denn ich habe bei der Flucht kaum geschlafen“, sagt er.

Flucht: Zwischenstopp in Dresden

In Dresden erholte sich die Familie zwei Tage, bevor sie über Bekannte von Hubert und Karin Böhm nach Altmorschen vermittelt wurde. Das Rentnerehepaar hatte eine Wohnung in ihrem Haus für Geflüchtete angeboten. Nun unterstützen die beiden die Ukrainer, zum Beispiel bei Behördengängen und Schulanmeldungen.

Auch die Ukrainer gehen den Rentnern zur Hand, besonders der 36-Jährige, der in der Ukraine als Elektriker gearbeitet hat. „Er ist sehr geschickt und hat schon einiges repariert“, sagt Karin Böhm. „Er sucht zurzeit nach Arbeit.“

Tanya Varava arbeitet als Grundschullehrerin. Sie unterrichtet derzeit ihre Schüler per Videoanruf. „Wir können immer noch nicht glauben, dass uns unser Brudervolk angegriffen hat“, sagt sie.

Die Verbindung zeige sich auch an den Sprachen: In der Ukraine werde Ukrainisch und Russisch gesprochen. „Im Unterricht spreche ich Ukrainisch, zu Hause Russisch“, sagt sie. „Das ist in unserer Heimat völlig normal.“ (Fabian Becker)

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