Panzer gingen vor der Wohnung in Stellung

Zweiter Weltkrieg in Morschen: Mitten im Granatenhagel

So sah es zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Morschener Ortsteil Wichte aus: Das Foto zeigt einen US-Sherman-Panzer. Foto: Gemeindearchiv Morschen/eingereicht von Otto Wohlgemuth

Morschen. Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In der HNA schildern Zeitzeugen aus dem Kreisteil Melsungen, wie sie das Kriegsende erlebten. Heute geht es um die Geschehnisse in Morschen.

Das Einrücken der Amerikaner und das Ende des Krieges haben sich dem Morschener Otto Wohlgemuth, der damals erst sechs Jahre alt war, besonders eingeprägt. Sein Großvater Hans, so erzählt der heute 76-jährige Wohlgemuth, kam in der Nacht zum Ostersamstag mit der Nachricht, die Amerikaner stünden vor Wichte - und forderte die Familie auf, aufzustehen.

Am frühen Morgen ging ein deutscher Panzer unmittelbar vor der Wohnung der Wohlgemuths in Stellung. „Mutter legte sich mit dem Kommandanten an“, erinnert sich Otto Wohlgemuth, „sie befürchtete, sicher zu Recht, dass der Panzer zur Zielscheibe der anrückenden amerikanischen Streitkräfte werden und damit auch uns gefährden würde.“

Gegen 7.30 Uhr standen Otto Wohlgemuth und seine Mutter mit vielen anderen vor der Rampe der Molkerei. Sie wollten einen Teil der Butterbestände ergattern, die jetzt an die Bevölkerung abgegeben wurden. „Plötzlich zerbarsten nach einem ohrenbetäubenden Knall die Fensterscheiben über uns: Die Neumörscher Fuldabrücke war gesprengt worden. Glassplitter vielen uns vor die Füße. Einige Personen um uns herum bluteten.“ Otto Wohlgemuth rannte in Panik zum Hoftor der Molkerei. Dort stand zufällig sein Großvater Heinrich und hielt ihn auf, bis die Mutter kam. „Als wir nach Hause kamen, war der Panzer weg. Jetzt hieß es, alle Einwohner sollten das Dorf verlassen, da mit Beschuss zu rechnen sei.“

Mit wenigen Habseligkeiten und etwas zu Essen verließen die Wohlgemuths ihre Wohnung und zogen Richtung Eichkopf. Gemeinsam mit Verwandten und Anderen aus dem Dorf verkrochen sie sich unter die Feldwegebrücke in der Wilsche.

Otto Wohlgemuth sah einen Panzer von Wichte her nach Neumorschen fahren und wieder umdrehen. „Wenig später nahm ich wahr, wie eine Granate den 50 Meter von unserem Haus entfernten Holzstall von Sippels traf. Sie kam aus Richtung Spangenberg. Der Holzstall fing sofort an zu brennen“, schildert Wohlgemuth. „Plötzlich schlug zirka 30 Meter oberhalb von uns eine Granate in den dort stehenden großen Birnbaum ein. Und dann erfolgte Detonation auf Detonation um uns herum.“

Die Geschosse kamen aus Richtung Neumorschen/Wichte, wo die Amerikaner in Stellung gegangen waren. „Ich spüre noch heute die Obhut von Mutter und den Großeltern, die während des Beschusses einen Ring um mich bildeten, um vor allem mich vor Verletzungen zu schützen“, berichtet Wohlgemuth. Letztlich wurde niemand aus der Gruppe verletzt.

Weniger Glück hatte eine Gruppe auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes. Hier schlug eine Granate in Scheufflers Graben ein. Eine Frau wurde so schwer getroffen, dass sie Stunden später verblutete. Ihr Enkelkind wurde durch einen Splitter verletzt.

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