Kindeswohlgefährdung nimmt zu - Mehr Fälle im Schwalm-Eder-Kreis

Mehr Gewalt gegen Kinder

Familien sind wegen der Coronapandemie an der Belastungsgrenze: Am Beratungstelefon des Landkreises klagen Eltern häufig über Streit beim Homeschooling. Unser Symbolbild zeigt ein Kind in Abwehrhaltung.
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Familien sind wegen der Coronapandemie an der Belastungsgrenze: Am Beratungstelefon des Landkreises klagen Eltern häufig über Streit beim Homeschooling. Unser Symbolbild zeigt ein Kind in Abwehrhaltung.

Schwalm-Eder – Kinder und Jugendliche im Landkreis sind in ihren Familien immer häufiger gefährdet. Das geht aus den Statistiken der Kreisverwaltung hervor. Die Gefährdungsmeldungen seien in den vergangenen Wochen um bis zu 30 Prozent gestiegen, teilt die Kreisverwaltung auf Nachfrage mit.

„Diese deutliche Zunahme ist darauf zurückzuführen, dass die Belastungsgrenze in den Familien durch die Einschränkungen oft überschritten ist und es so auch vermehrt zu Gewalt kommt“, sagt Björn Angres, Leiter des Jugendamts.

Die Zahlen: 2019 gab es beim Jugendamt des Landkreises 180 Gefährdungsmeldungen. 2020 stieg die Anzahl auf 212 Meldungen.

Zum größten Teil stehe das Jugendamt über den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und die Beratungsstelle des Kreises in engem Kontakt mit hilfesuchenden Familien. Dabei nähmen in gut 85 Prozent der Fälle, die gemeldet werden, Kinder, Jugendliche und deren Eltern selbst Kontakt auf. „Lediglich in 15 Prozent der Fälle kommen die Meldungen von außerhalb der Familie – zum Beispiel aus der Schule und der Kita“, sagt Angres.

Während der Corona-Krise habe sich die Kontaktaufnahme zum ASD und zur Beratungsstelle erhöht, sagt Angres.

Aber auch in der Pandemie besuche das Jugendamt unangekündigt Familien. Bei Gefährdungsmeldungen sei das Jugendamt verpflichtet, zu handeln und gemeldeten Fällen mit einem Besuch vor Ort nachzugehen.

Insbesondere bei Kindern unter vier Jahren müsse das Jugendamt unverzüglich eingreifen, berichtet Angres. Seit Mai 2020 fänden wieder uneingeschränkt Hausbesuche für Beratungs- und Hilfegespräche statt.

Im ersten Lockdown sei die Nachfrage nach Unterstützung durch das Jugendamt gering gewesen, dies habe sich geändert, sagt Jugendamtsleiter Björn Angres. Der Bedarf wegen der permanenten Belastungen durch die Corona-Einschränkungen sei gestiegen.

Die lange Phase des Lockdowns fordert Familien besonders. Wird mehr Hilfe beim Landkreis nachgefragt?

Die Nachfrage nach Unterstützung vom Jugendamt war im ersten Lockdown gering. Aber bereits im Vorfeld des zweiten Lockdowns äußerten viele Familien Bedarf nach Hilfe und Unterstützung aufgrund der permanenten Belastungen durch die Corona-Einschränkungen. Auch über Kindertagesstätten und Schulen wurden dem Jugendamt des Landkreises Hilfsgesuche gemeldet.

Gibt es Aussagen zur Art der Gefährdungen, denen Kinder ausgesetzt sind?

Kindeswohlgefährdungen beinhalten immer physische und psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Gefährdungssituationen haben in den vergangenen Wochen um den zweiten Lockdown um etwa 30 Prozent zugenommen.

Wer meldet diese Vorfälle vornehmlich?

Zum größten Teil steht das Jugendamt über den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und die Beratungsstelle des Kreises in engem Kontakt zu Familien. Dabei nehmen in gut 85 Prozent der Fälle, die dem ASD gemeldet werden, Kinder, Jugendliche und deren Eltern selbst Kontakt auf. Lediglich 15 Prozent der Fälle sind auf familienexterne Gefährdungsmeldungen zurückzuführen. Die Gesamtstatistik führt das hessische Statistische Landesamt. Dort fließen alle Fälle ein. Für 2020 liegen die Zahlen jedoch erst 2022 vor. Für 2019 weist die Statistik mehr als 4800 Fälle von akuter und latenter Kindeswohlgefährdung in Hessen aus. Der mit Abstand größte Teil (1209) wurde von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft bekanntgemacht. Über die sozialen Dienste kamen 420 und über die Schulen 642 Fälle, die restlichen über andere Einrichtungen wir Kita, über anonyme Meldungen, Nachbarn und Betroffene selbst,

Im äußersten Fall müssen Kinder aus der Familie genommen werden. Gibt es die Inobhutnahmestelle für infizierte Kinder bereits?

Die kreiseigene Inobhutnahmestelle wurde im Sommer vergangenen Jahres aufgrund der geringen Infektionszahlen eingestellt. Dafür konnte der Schwalm-Eder-Kreis zu-sammen mit dem Landkreis Waldeck-Frankenberg einen Träger gewinnen, der für infizierte Kinder über sechs Jahren ein Angebot macht. Seit Ende Februar gibt es einen weiteren Jugendhilfeträger, der für die Altersgruppe der unter Sechsjährigen bei einer Coronainfektion eine Unterbringung durch das Jugendamt ermöglicht. Im Vorfeld waren bereits Notunterbringungen möglich, sodass das Kindeswohl gesichert war. Der Allgemeine Soziale Dienst ist zudem mit Schnelltests ausgestattet.

Wie und in welchem Umfang wird die Eltern-Hotline in Anspruch genommen?

Dort geht es vorrangig um Beratung in Erziehungsfragen unter Pandemiebedingungen. Insbesondere sind Homeschooling und daraus entstehende Konflikte ein großes Thema. Der Umfang der Kontaktaufnahme über die Beratungshotline ist aktuell jedoch nicht besonders hoch.

Was sind die pädagogischen Herausforderungen für die Mitarbeiter?

Durch stark reduzierte soziale Kontakte sind die Belastungen innerhalb der Familien deutlich gestiegen. Es gibt keine Ausweichmöglichkeiten für die einzelnen Familienmitglieder, was dazu führt, dass sich über kurz oder lang Probleme potenzieren. Auf die Pandemie und deren Verlauf hat das Jugendamt jedoch keinen Einfluss, deshalb ist die größte Herausforderung für die Mitarbeiter, auch in dieser ungewissen Lage im Krisenfall intervenieren zu können, obwohl ein großer Teil des Grundproblems nicht behandelt werden kann. Die Mitarbeiter versuchen, mit den vorhandenen Instrumenten die Familien zu stützen. In den Fällen, wo das nicht möglich ist, muss im Sinne des Kinderschutzes temporär mit Fremdunterbringungen reagiert werden.

Wie sehr sind die Mitarbeiter angesichts der steigenden Zahlen belastet?

Das Jugendamt des Schwalm-Eder-Kreises geht generell jeder Gefährdungsmeldung nach. Dafür sind in der Regel zwei Fachkräfte vor Ort in der jeweiligen Familie. In den vergangenen Wochen ist eine deutliche Steigerung der Arbeitsbelastung festzustellen. Es gibt deutlich mehr Gefährdungsmeldungen, die das Jugendamt erreichen. Dabei ist eine hohe Flexibilität von den Mitarbeitern gefordert, die zum Teil aufgrund der aktuellen Lage aus dem Homeoffice agieren. Das Jugendamt stellt trotz Pandemie den Kinderschutz 24 Stunden am Tag und an sieben Tagen in der Woche sicher. (Damai D. Dewert)

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