Ärger wegen Attesten

Corona-Krise: Befreiung von der Maskenpflicht stellt Händler vor neue Probleme

Einkaufen im Supermarkt: Wer kein Attest zur Befreiung der Maskenpflicht hat, muss einen medizinischen Mund-Nasenschutz tragen.
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Einkaufen im Supermarkt: Wer kein Attest zur Befreiung der Maskenpflicht hat, muss einen medizinischen Mund-Nasenschutz tragen.

Einige Menschen dürfen in der Corona-Pandemie auch ohne Maske einkaufen - mit einem Attest. Doch diese Befreiung stellt die Händler vor große Schwierigkeiten.

Schwalm-Eder – Menschen ohne Maske in Supermärkten und öffentlichen Einrichtungen fallen auf und sorgen in der Corona-Pandemie bei vielen für Empörung. Doch ein geringer Teil der Bevölkerung im Schwalm-Eder-Kreis darf das. Denn: „Es gibt Patienten mit einem Attest zur Befreiung der Maskenpflicht – deren Anteil liegt aber unter drei Prozent“, sagt Dr. Axel Figge, Vorsitzender des Hausärzteverbands Schwalm-Eder.

Von der Maskenpflicht Befreite bringen Marktleiter im Landkreis in Konflikte. So auch Carsten Marg vom Edeka-Markt in Morschen. Eine Verkäuferin wies dort auf Anordnung von Marg einen Rentner mit Attest zur Befreiung der Maskenpflicht ab.

Supermärkte in der Corona-Pandemie: „Es muss abgewogen werden“

Damit liege der Marktleiter nach Aussage des Melsunger Rechtsanwalts Marc Sonnenschein meist richtig, denn der Marktleiter hat das Hausrecht. „Er kann frei entscheiden, wem er Zutritt gewährt“, sagt Sonnenschein. Jedoch greife das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, wenn jemand wegen einer Behinderung keine Maske tragen könne. „Hier stößt das Hausrecht an seine Grenzen“, sagt er. „Es muss im Einzelfall abgewogen werden.“

Eine Möglichkeit bestünde laut der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes darin, dass Marktleiter desinfizierte Gesichtsvisiere vorrätig haben und diese den von der Maskenpflicht Befreiten zur Verfügung stellen. „Im Zweifel sollten die Betroffenen mit Marktleitern ein gemeinsames Vorgehen besprechen“, sagt Sonnenschein.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Befreiung von der Maskenpflicht problematisch

Ein Dilemma für die Patienten: Denn ausgerechnet sie würden laut Figge von einer Maske mit hoher Qualität profitieren, zum Beispiel von einer FFP-2-Maske. „Menschen mit Vorerkrankungen, besonders mit chronischen Krankheiten, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, bei einer Coronainfektion einen schweren Verlauf zu bekommen“, sagt er.

Beim Missbrauch solcher Atteste – so befürchtet Axel Figge – könnte es zu Feindseligkeiten zwischen Maskenträgern und Befreiten kommen. Der Arzt macht indes ein wenig Hoffnung: „Ein Leben ohne Maske ist bald wieder möglich“, sagt er. „Vielleicht schon Ende des Jahres.“

Schwalm-Eder: Verkäuferin in Morschen weist Kunden ab

Eine Mitarbeiterin des Edeka-Marktes Carsten Marg in Morschen hat Horst Dobberke den Zutritt zum Markt verweigert. Grund: Dobberke hat wegen einer Krankheit trotz Corona-Pandemie keine medizinische Maske getragen. Das ärgert den 76-Jährigen, denn er hatte ein ärztliches Attest dabei.

Schwalm-Eder: Das sagt der Kunde

Ohne Maske darf hier trotz Attest niemand herein, habe die Mitarbeiterin zu Dobberke gesagt. Später rief er Marktleiter Carsten Marg an. „Ich habe ihn gefragt, ob das seinen Anordnungen entspricht, was er bestätigte“, sagt der 76-Jährige. Wenn er etwas zu essen brauche, solle er jemanden schicken, habe ihm Marg geantwortet. Wer so krank sei, dass er keine Maske tragen könne, solle zu Hause bleiben.

Schwalm-Eder: Das sagt der Marktchef

„Dobberke hat mich massiv angegangen und mich unter Druck gesetzt“, sagt der Marktleiter, „doch ich habe aus Verantwortung für meine Kunden und Mitarbeiter gehandelt.“ Der Marktleiter schätzt das Risiko von Coronainfektionen im Geschäft als sehr hoch ein. Zudem sei er häufig von Kunden angesprochen worden, wenn jemand ohne Maske im Markt war. „Wenn ich einmal damit anfange, kommen immer mehr“, sagt Marg. „Das ist ein Fass ohne Boden.“

Schwalm: Das sagen Ärzte

Einige angefragte Ärzte in der Region wollten sich nicht zu den Attesten äußern. Andere sehen die Atteste kritisch. So auch Hausärztin Dr. Saskia Schmidt aus der Gensunger Gemeinschaftspraxis. „Wir haben uns dagegen entschieden, solche Atteste auszugeben“, sagt sie.

Zwar gebe es verständliche Gründe wie körperliche und psychische Krankheiten, doch diese Patienten verwiesen Schmidt und ihre Kollegen an Fachärzte. „Die Gefahr, ein Attest falsch auszustellen ist zu groß“, sagt die Hausärztin. „Die Ausgabe ist nur in speziellen Fällen möglich.“ Bei Verstößen drohe eine Strafe von bis zu 30.000 Euro.

Ärztin Dr. Saskia Schmidt.

„Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen sollten zurzeit sowieso nicht unter Menschen gehen“, sagt Schmidt. Und im Fall einer eigenen unbemerkten Corona-Infektion sei eine Verbreitung ohne Maske noch wahrscheinlicher.

Das sieht auch der Melsunger Hausarzt Peter Agbaba so, der ebenfalls keine Atteste zur Maskenpflichtbefreiung ausgibt. „Für manche ist eine Maske zwar nicht zumutbar, aber diejenigen gehören nicht unter Menschen“, sagt er. Denn: „Sie sind eine Gefahr für sich selbst.“ Außerdem sei es wichtig, dass sich alle an die Corona-Regeln in Supermärkten hielten. (Fabian Becker)

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