Landwirte begrüßen den Aufschub

Ferkelkastration weiter ohne Betäubung - Tierschützer sind entsetzt

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Kastrieren ohne Betäubung: Eigentlich sollte das bei Ferkeln ab dem 1. Januar 2019 in Deutschland verboten sein.  Die Bundesregierung hat allerdings eine Fristverlängerung um zwei Jahre beschlossen. 

Schwalm-Eder. Ferkel dürfen weiter ohne Betäubung kastriert werden. Dies sollte in Deutschland ab 1. Januar 2019 verboten werden. Nun hat die Bundesregierung eine Fristverlängerung um zwei Jahre beschlossen.

Während Schweinehalter im Schwalm-Eder-Kreis aufatmen, kritisieren Tierschützer den Aufschub. 

„Das ist Tierquälerei“, sagt Erik von Lühmann, Kreisvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz, über das Kastrieren ohne Betäubung. Die starke Agrarlobby habe erreicht, dass das Verbot hinausgezögert werde, kritisiert er. Das Kastrieren mit Betäubung sei komplizierter und teurer, „aber das sollte es uns wert sein.“ Teurer wird die Ferkelaufzucht in jedem Fall, wenn die betäubungslose Kastration verboten wird – um etwa fünf Euro pro Tier. Die Gewinnmarge werde damit oft aufgefressen, sagt Andreas Grede aus Niedenstein. Er ist Vorstand der Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen, die die bäuerliche, ökologische Landwirtschaft stärken will. „Es wird erbarmungslos auf Masse produziert“, sagt er. 

Man stehe zum Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration, heißt es indes vom Regionalbauernverband Kurhessen. Bislang wiesen aber alle Alternativen zu diesem Verfahren (siehe Hintergrund) noch erhebliche Nachteile auf. Die kommenden zwei Jahre müssten genutzt werden, um ein praktikables und tierschutzgerechtes Verfahren in Deutschland zuzulassen. 

Das Veterinäramt des Landkreises unterstützt die Haltung der Landwirte: „Ohne eine Fristverlängerung müssten möglicherweise viele Viehbetriebe aufgeben“, teilt die Behörde mit. Schon jetzt sorge der Druck, der auf den Ferkelerzeugern laste, für Betriebsschließungen, sagt der Vorsitzende des Regionalbauernverbands Kurhessen, Norbert Klapp. 2016 gab es im Landkreis 30 Betriebe mit 7500 Sauen. Davon gaben in den vergangenen zwei Jahren zehn Betriebe auf.

„Deutschland ist Vorreiter“

„Ich stehe morgens nicht auf, um Ferkel zu quälen“, sagt Norbert Klapp. Der 48-Jährige ist Ferkelerzeuger, den Betrieb hat er vor 23 Jahren von seinen Eltern übernommen. Auf dem Hof im Malsfelder Ortsteil Sipperhausen hält er 400 Sauen, die pro Jahr etwa 12 000 Ferkel zur Welt bringen. In der Debatte um die Ferkelkastration fühlt er sich als Landwirt von Tierschützern zu Unrecht angegriffen.

Er fühlt sich als Landwirt zu Unrecht angegriffen: Ferkelproduzent Norbert Klapp aus Sipperhausen wirbt um Verständnis dafür, dass die Suche nach Alternativen zur betäubungslosen Kastration nicht schneller vorangeht. 

„Ich kann nicht gegen die Meinung von 40 Millionen Verbrauchern anproduzieren“, stellt Klapp klar. Und die Verbraucher wollten nun einmal Schweinefleisch, das nicht stinkt.

Seit acht Jahren seien die Ferkelerzeuger an dem Thema Kastration dran, sagt Klapp: Alternativen zum betäubungslosen Kastrieren würden in Lehr- und Forschungsanstalten sowie in Praxisbetrieben getestet. Doch bei allen Alternativen gebe es noch offene Fragen.

„Die Fristverlängerung von zwei Jahren bringt uns nichts, wenn wir jetzt nicht auch auf politischer Seite anfangen, nach gangbaren Wegen zu suchen“, sagt Klapp. Die Verantwortung werde ständig hin- und hergeschoben: zwischen Politik, Tierärzten, Landwirten, Schlachtunternehmen und Einzelhandel. „Ich hätte gern, dass alle an einem Strang ziehen.“ Beispielsweise könne sich die Politik dafür einsetzen, dass große Schlachtunternehmen immunokastrierte Tiere (Artikel unten) annehmen. Aus seiner Sicht müsse zudem verstärkt zu dem Thema geforscht werden.

Bislang werde nur in Schweden und der Schweiz mit Betäubung kastriert. „Wir sind also eher ein Vorreiter.“ Klapp fürchtet, dass durch den wachsenden Druck auf die Schweinehalter immer mehr Landwirte ihre Betriebe in Deutschland aufgeben werden. „Wir brauchen eine grundsätzliche Diskussion über Nutztierhaltung in Deutschland“, fordert Klapp. „Wollen wir, dass die Tierhaltung komplett ins Ausland verlagert wird?“ Er selbst, sagt Klapp, wolle aber auch in 20 Jahren noch Schweine halten. In welcher Form, wisse er aber noch nicht.

Wie richtig betäuben? - Kastration unter Narkose in der Diskussion

Wie praktikabel sind die Alternativen zur betäubungslosen Kastration? Darüber sprachen wir mit dem Ferkelerzeuger Norbert Klapp, Dr. Hans-Gerhard Heil vom Kreisveterinäramt und Andreas Grede, Vorstand und Sprecher der Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen.

Hans-Gerhard Heil, Leiter des Kreisveterinäramtes

Ebermast 

Die großen Schlachtunternehmen wollten Eber nur in geringer Zahl annehmen, weil die Vermarktungsmöglichkeiten begrenzt seien, sagt Norbert Klapp. Zwar stinkt das Eberfleisch nur, wenn es erhitzt wird. Trotzdem würden beispielsweise auch viele Hersteller von Ahler Wurst Eberfleisch ablehnen. Klapp mästet selbst etwa 300 Eber pro Jahr, ein Schlachthof kauft ihm die Tiere ab. Daher kennt er aber auch die Nachteile der Eberzucht: „Die Tiere sind aggressiv gegeneinander.“ Hans-Gerhard Heil hingegen berichtet, dass in einigen Ländern die Tiere zu einem Zeitpunkt geschlachtet würden, wo der Prozentsatz der „Stinker“ unter den Ebern sehr niedrig sei.

Immunokastration 

Bei der Immunokastration bekommen die Ferkel ein Mittel gespritzt, dass die Hodenbildung verhindert. Die Ferkelerzeuger fürchten, dass die Verbraucher kein Schweinefleisch von Tieren kaufen möchten, die immunokastriert wurden. „Wir haben unheimlich Angst vor einer Hormondiskussion. Das könnte zu einer generellen Ablehnung von Schweinefleisch führen“, sagt Norbert Klapp. Der Konsum sei ohnehin schon rückläufig. 

Klapp gibt zu bedenken, dass das große Schlachtunternehmen Vion sowie zwei große Einzelhandelsketten immunokastrierte Tiere ablehnten. Ein Problem sei, dass auch der Mäster einen Teil der Behandlungen vornehmen müsse. „Wenn der Mäster die Wahl hat zwischen Tieren, die schon kastriert sind und solchen, die er selbst behandeln muss, nimmt er Erstere.“ 

„Das Argument, dass die Verbraucher dieses Fleisch nicht wollen, ist Schwachsinn“, sagt indes Andreas Grede. Denn bei der Impfung würden keinesfalls Hormone gespritzt, sondern ein Mittel, das auf den Hormonhaushalt der Ferkel einwirkt. Wichtig sei, die Verbraucher darüber aufzuklären. Aus tierärztlicher Sicht sei gegen die Methode nichts einzuwenden, sagt Hans-Gerhard Heil – die Immunokastration sei unproblematisch für Mensch und Tier.

Vollnarkose 

Die Vollnarkose belaste die Ferkel, kritisiert Norbert Klapp: „Bis sie aufwachen, haben sie zwei Mal das Trinken bei der Muttersau vergessen.“ Bei Tieren, die zum Teil nur 1500 Gramm wiegen, sei das problematisch. Zudem müsse die Vollnarkose von einem Tierarzt vorgenommen werden. „Dafür müssten wir dann aber auch genügend Tierärzte haben, die das machen wollen.“ Hans-Gerhard Heil hält es hingegen für wahrscheinlich, dass sich die Vollnarkose mit dem Gas Isofluran auf Dauer durchsetzen wird und die Landwirte diesen Eingriff, nach vorheriger Schulung, auch selbst vornehmen können. Es sei auch denkbar, dass Landwirte gemeinsam ein Betäubungsgerät anschaffen, um die Kosten zu reduzieren.

Teilnarkose 

In Dänemark ist laut Norbert Klapp eine Methode zugelassen, die jetzt als der „vierte Weg“ bezeichnet wird: Die Ferkel werden von den Landwirten selbst örtlich betäubt. „Diesen vierten Weg haben wir in Deutschland noch nicht.“ Es würden aber jedes Jahr viele Millionen Ferkel aus Dänemark nach Deutschland importiert. Die Tierärzte hingegen sähen diese Methode kritisch, sagt Hans-Gerhard Heil. Um die Ferkel lokal betäuben zu können, brauche es mehr Fachwissen. „Den Aufwand, das zu erlernen, wäre zu groß.“ Die Gefahr, dass man mit der Spritze nicht die richtige Stelle treffe und das Ferkel am Ende doch Schmerzen bei der Kastration erleiden müsse, sei zu groß. 

Andreas Grede hält es generell für problematisch, wenn die Landwirte die Ferkel selbst betäuben dürfen: Denn dann stelle sich die Frage, wie man kontrollieren wolle, dass die Landwirte ihrer Pflicht zur Betäubung auch nachkämen.

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