Betroffene Frauen weichen oft nach Kassel oder Marburg aus 

Abtreibungen sind für viele Ärzte im Schwalm-Eder-Kreis ein Tabu

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Nicht jeder Gynäkologe darf eine Schwangerschaft beenden.

Für Frauen, die abtreiben wollen, wird es immer schwieriger, Ärzte zu finden, die diesen Eingriff anbieten. Das gilt auch für den Schwalm-Eder-Kreis.

Grundsätzlich darf nicht jeder Gynäkologe eine Schwangerschaft beenden – für den ambulanten Eingriff muss die Praxis bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Nach Auskunft des Hessischen Sozialministeriums gibt es im Landkreis drei Arztpraxen und eine Klinik, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Welche das sind, darüber gibt das Ministerium keine Auskunft. Für betroffene Frauen ist es nicht ohne Weiteres möglich, herauszufinden, wo man ihnen weiterhilft – denn für die meisten Ärzte ist das Thema offenbar ein Tabu. Auf HNA-Nachfrage hieß es bei den Krankenhäusern mit gynäkologischen Abteilungen in Ziegenhain und Fritzlar, man biete diesen Eingriff nicht an. Die meisten Frauenarztpraxen im Landkreis, bei denen die HNA nachfragte, wollten zu dem Thema gar keine Auskunft geben oder gaben an, dass sie keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Nur in einer der befragten Praxen hieß es, dass man Abtreibungen anbiete. Der Name der Praxis solle aber in diesem Zusammenhang nicht genannt werden.

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg müssen Frauen bis nach Kassel fahren, um Abtreibungen vornehmen zu lassen.

Bei der Pro-Familia-Beratungsstelle in Kassel ist für den Schwalm-Eder-Kreis kein einziger Arzt gelistet, der Abtreibungen vornimmt. Betroffene Frauen müsse sie an Ärzte in Kassel oder Marburg verweisen, sagt die Kasseler Pro-Familia-Geschäftsführerin Petra Zimmermann. Das sei problematisch: Nach einem solchen Eingriff sollte man den Frauen nicht auch noch eine weite Heimreise zumuten. „Die älteren Gynäkologen, die noch offen dazu gestanden haben, dass sie Abtreibungen vornehmen, gehen zunehmend in Rente“, erläutert Zimmermann. Die jüngeren Kollegen indes wollten mit dem Thema nicht in Verbindung gebracht werden. „Sie sind verunsichert durch die Prozesse gegen Frauenärzte und durch Mahnwachen.“ 

In Kassel findet ein Prozess gegen Frauenärztinnen statt, die über Abtreibungen informieren.

Die Zahl der Ärzte in Deutschland, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, ist laut Destatis seit 2003 um 40 Prozent zurückgegangen. Auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche sank zwischen 1997 und 2017 von 130.890 auf 101.209. Zum Vergleich: 2017 wurden 785.000 Kinder lebend geboren. Man tue viel dafür, die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren, sagt Petra Zimmermann von Pro Familia. „Sexualpädagogik beginnt schon in der Grundschule.“ Ein Grund für Abbrüche sei, dass Frauen von ihren Partnern verlassen würden und nicht wagten, ein Kind allein großzuziehen. Auch eine unsichere soziale Lage werde genannt. Medizinische und kriminologische Gründe – zum Beispiel Schwangerschaft nach Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Schwangeren – liegen nur in vier Prozent der Fälle vor.

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