Schwalm-Eder: Lange Warteliste für Tagesklinik

Mehr psychisch Kranke: Corona verstärkt den Trend im Schwalm-Eder-Kreis

Ängste und Depressionen: Immer mehr Menschen im Schwalm-Eder-Kreis suchen einen Therapieplatz – auch, aber nicht nur wegen Corona.
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Ängste und Depressionen: Immer mehr Menschen im Schwalm-Eder-Kreis suchen einen Therapieplatz – auch, aber nicht nur wegen Corona.

Im Kreis gibt es mehr Patienten mit psychischen Krankheiten. Laut einer Erhebung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV gab es 2020 deutlich mehr Behandlungsanfragen.

Schwalm-Eder – Bei Erwachsenen stieg die Zahl laut der Erhebung unter Psychiatern um bis zu 40 Prozent und bei Kindern um bis zu 60 Prozent.

Wegen der gestiegenen Patientenzahlen könne es natürlich auch zu längeren Wartezeiten kommen, heißt es von einem KV-Sprecher. Über die Wartezeiten gebe es jedoch keine Erhebungen.

In der ersten Jahreshälfte 2020 stieg in Hessen die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Menschen mit Therapiebedarf nach Angaben der Barmer Ersatzkrankenkasse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich um 5,7 Prozent an. Immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Hessen erhielten eine Psychotherapie. In einem Untersuchungszeitraum von elf Jahren (bis 2019) habe sich der Bedarf psychologischer Hilfsangebote fast verdoppelt.

Diese Entwicklung sollte jedoch aktuell nicht mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit junger Menschen gleichgesetzt werden, heißt es von der Barmer. Die Zahl junger Menschen bis 24 Jahre mit Therapiebedarf stieg im ausgewerteten Zeitraum von 2,42 auf 4,48 Prozent an.

Frank Berkofsky, Oberarzt und Leiter der psychiatrischen Tagesklinik von Vitos in Melsungen, gibt zu bedenken, dass Zahlen zu psychiatrischen Erkrankungen immer schwierig zu interpretieren seien. Vermutlich gebe es eine Zunahme von Depressionen und Angsterkrankungen. Es habe aber auch eine Enttabuisierung in der Gesellschaft gegeben. Insofern suchten wahrscheinlich mehr Menschen ein Therapieangebot.

Es sei schwierig, eindeutige Zahlen für die Auswirkung der Coronapandemie auf psychische Erkrankungen zu generieren. „Es ist aber auf jeden Fall so, dass die Pandemie auch als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wird“, sagt Berkofsky. Man könne also auf jeden Fall sagen, dass es Einflussfaktoren durch Corona gebe.

„Der Therapiebedarf im Schwalm-Eder-Kreis steigt tendenziell an – das ist allerdings nicht erst seit der Corona-Pandemie so. Die Pandemie hat die Situation aber mit besonderen Belastungen verschärft und sie hat das Sozialleben, das den Menschen in Vereinen, in der Schule und im privaten Umfeld Rückhalt gegeben hat, empfindlich gestört“, sagt Martin Till, Landeschef der Barmer in Hessen.

Im Landkreis gibt es sechs Kassensitze für Psychiater. 4,5 sind vergeben. Bei den Psychotherapeuten liegt der Versorgungsgrad laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) bei mehr als 120 Prozent. Hessen habe von allen Flächenbundesländern die höchste Dichte an Psychotherapeuten pro Einwohner. Insofern sei die Versorgung gut, heißt es von der KV. Allerdings gebe es regionale Unterschiede. So seien insbesondere die Ballungsräume gut versorgt, während in ländlichen Regionen deutlich mehr Patienten auf einen Psychotherapeuten kämen.

Das sind nach Angabe der KV die Aufgaben von Therapeuten: Psychologische, ärztliche und Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten müssen eine psychotherapeutische Sprechstunde zur diagnostischen Abklärung anbieten. Diese muss nach Angaben der KV zeitnah erfolgen, niederschwellig sein und kann durch die Terminservicestelle ohne Überweisung vermittelt werden. Ergebnis dieser Sprechstunde sind Empfehlungen für das weitere Vorgehen.

Je nach Krankheitsbild starten die Patienten eine Therapie (50 Prozent), erhalten eine psychotherapeutische Akutbehandlung innerhalb von 14 Tagen (10 Prozent) oder werden vom Haus- oder Facharzt beziehungsweise stationär behandelt. Andere Möglichkeiten sind Verweise auf die Suchtberatung oder Selbsthilfegruppen (40 Prozent). Eine medikamentöse Behandlung erfolgt durch den Psychiater, falls diese indiziert ist.

Eine wichtige Ergänzung für die Versorgung psychisch kranker Menschen sind beispielsweise Institutsambulanzen und Tageskliniken, wie Vitos eine in Melsungen betreibt. Deren Leitender Oberarzt Frank Berkofsky stellt zwar keine exorbitante Zunahme der Patientenzahl fest. Allerdings begrenzten die scharfen Hygieneregeln die Plätze und Kapazität. „Wir können daher weniger Patienten als sonst behandeln“, sagt Berkofsky. Es gebe eine nennenswerte Warteliste für die Tagesklinik.

Die Warteliste für eine psychotherapeutische Behandlung sei traditionell lang. Patienten müssten aktuell aber erhebliche Wartezeiten in Kauf nehmen. Für schwere akute Fälle wie suizidale Patienten gebe es die Möglichkeit, diese sofort im Rahmen einer Sprechstunde zu behandeln. Patienten müssten ihren Radius bei der Suche nach einer Behandlung erweitern und zum Beispiel auch nach Kassel fahren.

Ein wichtiger Einflussfaktor in den zurückliegenden Monaten seien persönliche Erfahrungen. Diese könnten dazu geführt haben, dass sich Menschen zurückzögen. Die Selbsthilfegruppen lagen auf Eis und der Kontakt mit anderen Menschen fehlte.

Es sei eine sehr komplexe Situation, deren Folgen und Auswirkungen nur schwer zu überblicken seien, sagt Berkofsky.

Es gebe jedoch auch Menschen, die gestärkt aus der Krise hervorgingen: Deren Resilienz (Widerstandsfähigkeit) habe zugenommen. Diese Menschen könnten positiv auf andere einwirken. (Von Damai D. Dewert)

Im Landkreis fehlen Psychiater

Im Schwalm-Eder-Kreis sind laut Kassenärztlicher Vereinigung zum Stand vom 1. Juni acht Psychiater mit 4,45 Arztsitzen tätig. Im Bereich der Psychotherapie sind von den 48 Psychotherapeuten – mit 31 Sitzen – im Landkreis 34 als Psychologische Psychotherapeuten mit 22 Sitzen und 14 als Kinder- und Jugendpsychotherapeuten mit neun Sitzen tätig. Der Versorgungsgrad bei Psychotherapeuten liegt bei 124 Prozent, bei Psychiatern bei 94 Prozent – 1,5 Kassensitze sind offen.

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