Mörshäuser Mordprozess

Dritter Verhandlungstag im Mörshäuser Mordprozess: Mutter von Marvin K. sagt aus

Mord in Mörshausen: Der 25-jährige Marvin K. wird beschuldigt, im März seine Vermieterin umgebracht zu haben.
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Mord in Mörshausen: Der 25-jährige Marvin K. wird beschuldigt, im März seine Vermieterin umgebracht zu haben.

Die Stimmung am dritten Verhandlungstag ist bedrückend. Zwei Zeugen sagen aus. Darunter die Mutter des Angeklagten Marvin K.

Spangenberg/Kassel – Immer wieder ringt die Frau im Zeugenstand um Fassung. Hält inne, sucht nach den richtigen Worten, weint. Am Freitag sagte im Schwurgerichtsprozess vor dem Kasseler Landgericht die Mutter von Marvin K. aus. Der 25-Jährige ist wegen heimtückischen Mordes angeklagt, weil er im März dieses Jahres seine 53-jährige Vermieterin in ihrem Haus in Mörshausen umgebracht haben soll. Das Gericht muss entscheiden, ob der Mann dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird. Es besteht der Verdacht, dass er wegen einer paranoiden Schizophrenie im Zustand der Schuldunfähigkeit handelte.

„Mein Sohn ist jemand, der nicht mal einer Fliege wehtut, auch wenn das jetzt nicht so aussieht“, sagt die 49-Jährige. Sie berichtet von seinem Verfolgungswahn, von seinem Misstrauen gegenüber allen Menschen, davon, dass er nicht schläft, sich umbringen will. Er habe Dinge gesehen, die so nicht waren, aber die ihm große Angst gemacht hätten. „Er hat zum Beispiel geglaubt, die Menschen könnten die Augenfarbe wechseln.“

Mörshäuser Mordprozess: Mutter beschreibt Sohn als emotionalen Menschen

Die Mutter beschreibt den Sohn als sehr empfindsamen, emotionalen Menschen, der sich hilfsbereit oftmals schon aufopfernd gegenüber seinen Mitmenschen verhält. Sie erzählt aber auch von der schwierigen Kindheit ihres Sohnes. In der Schule sei er wegen seines Übergewichts gemobbt worden. Irgendwann sei er ihr immer mehr entglitten, sagt sie. Die Trennung vom Vater habe Marvin und seinem Zwillingsbruder sehr zugesetzt, obwohl beide schon fast 18 Jahre alt waren. Marvin bleibt nach der Trennung beim Vater, doch die Beziehung sei äußerst problematisch gewesen.

Marvin zieht in ein Wohnheim für junge Männer. Dort, so schildert die Mutter, wird er Opfer eines Überfalls. „Zwei Leute haben ihn über Stunden mit dem Messer festgehalten“, sagt die 49-Jährige. Nach dem Überfall habe er den Verfolgungswahn entwickelt. In einer Klinik seien ihm eine Psychose und eine posttraumatische Belastungsstörung bescheinigt worden. Marvin, so schildert es die Mutter, geht es immer schlechter. „Er ist immer weiter abgedriftet.“

Dritter Verhandlungstag: Marvin K. hatte psychische Probleme

Er habe erzählt, er habe einen Mann in sich, der keine Schmerzen und keine Angst habe. Nach einem Ausraster landet er das erste Mal in der Psychiatrie in Merxhausen. Später findet er eine Unterkunft beim Mordopfer. Zunächst habe sie den Eindruck gehabt, es ginge ihrem Sohn besser. Irgendwann aber sei er immer abwesender gewesen. Sie habe ihn gebeten, sich in Behandlung zu begeben. „Aber er hat sich ja nicht krank gefühlt.“

Als die Staatsanwältin wissen will, wie das Verhältnis ihres Sohnes zum Opfer war, sagt die Mutter: „Ich hatte das Gefühl, dass es ein gutes Verhältnis war.“ Doch sie sagt auch: „Er war so verschlossen, dass ich eigentlich gar nicht wusste, wie es da war.“

Die Frage des Verteidigers, ob sie sich habe vorstellen können, dass so etwas, wie die Tat passiert, verneint sie vehement.

Aber sie schildert, was nach ihrem letzten Besuch im November zu seinem Geburtstag geschah: Marvin habe ihr kurz vor Weihnachten Nachrichten geschrieben, in einem Ton, den sie nicht von ihm kannte. „Ich dachte, das ist nicht er, der da schreibt.“ Auch seinem Bruder habe er solche Nachrichten geschrieben. Danach sei der Kontakt abgebrochen. Als sie dann erfahren habe, was passiert sei, habe sie nur gedacht, dass er nicht er selbst war und oh Gott, was wird sein, wenn er das realisiert.“

„Kein Sonderling, sondern ein Einzelgänger“

Die Stimmung am dritten Verhandlungstag ist bedrückend. Die Mutter des wegen Mordes an seiner Vermieterin Angeklagten sagt aus. Gewissenhaft beantwortet sie die Fragen des Richters und versucht so, ein detailliertes Bild des Charakters ihres Sohnes zu zeichnen. Was dabei auffällt: Marvin K. sitzt starr auf seinem Platz, hat den Kopf gesenkt und blickt nur selten zu seiner Mutter.

Selbst als es um die Tat geht und die Zeugin kurz innehalten muss, um ihre Tränen zu unterdrücken, verzieht Marvin K. keine Miene. Es wirkt, als würde sich Marvin K. vor seiner Mutter schämen. Nur am Ende, als sie den Saal verlässt, wirft er ihr einen langen Blick zu und nickt mit dem Kopf.

Zeugenaussage eines Bekannten: „Ich mag Marvin“

Als anschließend ein Bekannter des Angeklagten als Zeuge aussagt, entlockt er Marvin K. sogar ab und zu ein Lächeln. Das Erscheinungsbild des geladenen Zeugens ist ungewöhnlich: In den Saal kommt der 69-Jährige mit einem Päckchen unter dem Arm. Er fragt, ob er es Marvin K. geben dürfe. Der Richter lehnt ab, gibt ihm aber die Adresse der Einrichtung, indem sich der 25-Jährige aktuell befindet.

Anschließend stellt sich der Zeuge den Fragen des Richters und erzählt, wie sich er und Marvin K. im Supermarkt kennenlernten und sich über Monate regelmäßig getroffen haben. Erst in der Natur und irgendwann auch bei Marvin K. und seiner Vermieterin Zuhause. Das Verhältnis zwischen den beiden sei harmonisch gewesen, auch einige Tage vor der Tat, sagt der 69-Jährige.

Zweiter Zeuge sagt aus: Regelmäßige Treffen mit Marvin K.

Auch er beantwortet alle Fragen ausführlich und genau, schweift allerdings häufig vom Thema ab. Immer wieder betont er, wie viel er von dem Angeklagten halte: „Ich bin richtig froh, dass ich ihn habe“, sagt er. Er beschreibt den 25-Jährigen als nett, fröhlich, zuverlässig und witzig und als jemanden, mit dem man sich gut unterhalten könne.

Er glaubt, das habe ihm gefehlt, denn seine Vermieterin habe nur selten mit ihm geredet. „Marvin ist kein Sonderling, sondern ein Einzelgänger, er grübelt eben viel“, betont er. Anders als bei seiner Mutter sucht Marvin K. Blickkontakt mit dem 69-Jährigen. Er sitzt ihm zugewandt und lächelt.

Termin: Der Prozess wird am kommenden Montag, 20. Dezember, ab 9 Uhr am Landgericht in Kassel fortgesetzt.

(Barbara Kamisli und Clara Pinto)

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