Internet verdrängt Händler

Einzelhandel in Spangenberg ist am Ende: Nur noch vier Geschäfte in ganzer Stadt

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Zwischen Fernsehern und CDs: Jürgen Schamm ist der Inhaber von Radio Kellner. Sein Laden ist einer der vier letzten Einzelhandelsgeschäfte in Spangenberg.

Spangenberg. Mit dem Spangenberger Einzelhandel geht es bergab: Inzwischen gibt es in der Stadt nur noch vier Einzelhandelsgeschäfte. Eins davon gehört dem Radio- und Fernsehtechniker Jürgen Schamm.

Drei Mal läutete die Ladenglocke während des zweistündigen Pressetermins am Vormittag. Beim ersten Mal war’s der Briefträger, beim zweiten Mal die Cousine, beim dritten Mal eine Kundin, die nach kurzer Beratung wieder ging. Für Jürgen Schamm, 74, Inhaber von Radio Kellner in Spangenberg, ist das Realität: „An zwei, drei Tagen pro Woche sind meine Kassenumsätze gleich Null.“ Und er sagt: „Der Einzelhandel in Spangenberg ist tot.“

Und doch schließt der Radio- und Fernsehtechniker-Meister jeden Morgen um 9 Uhr den Laden auf. „Bei mir gibt es alles, was einen Stecker hat.“ Fernseher, Toaster, Radiowecker, DVD-Player. Sogar CDs gibt es noch zu kaufen, und Filme kann man über ihn entwickeln lassen. Aber der Händler weiß auch: „Wir werden einfach nicht mehr gebraucht.“

Schuld daran hat seiner Meinung nach das Internet, das den Einzelhandel verdrängt hat. Wenn ein Kunde mit einem speziellen Wunsch zu Radio Kellner geht und hört, dass der Chef das Teil bestellen muss und der Kunde es erst am nächsten Tag abholen kann, dann sagte der Kunde oft: „Dann kann ich es auch selbst im Internet bestellen.“

Lange hat sich Jürgen Schamm dagegen gewehrt, denn er ist von Herzen Einzelhändler („Der Laden ist mein Leben“). Mittlerweile hat er sich damit abgefunden, dass der Handel ein Auslaufmodell ist – „und doch gibt es innerlich einen kleinen Stich“.

Da kann auch der Gewerbeverein Spangenberg nichts mehr ausrichten. Denn neben Radio-Kellner existieren in Spangenberg nur noch ein Brillengeschäft (Brille Neunes), ein Laden für Geschenkartikel (Lisa-Marie) und einer für Textilien (Lederer). Der Rest der Einzelhändler hat aufgegeben. Kein Schreibwarenladen mehr, kein Schuhgeschäft, keine Drogerie, keine Metzgerei, keine Lederwaren. Deshalb ruht der Gewerbeverein seit Jahren.

Deren Sprecher Jürgen Schamm erinnert sich noch an Aktionen, als Anfang der 1950er-Jahre der Adventsmarkt am ersten Adventssonntag ins Leben gerufen wurde. Oder die Gewerbeausstellungen im Saal des Goldenen Löwen. Die ist angesichts der Einzelhändler-Leere undenkbar.

Häufiges Argument für das Händler-Schwinden in der Stadt ist ihre Topografie: Die Stadt liegt zwischen Schlossberg und Bromsberg, die Altstadt zieht sich die Klosterstraße hinauf. Diesen steilen Aufstieg scheuen viele Kunden heutzutage und vermissen freie Parkplätze direkt vor den Geschäften.

Auch wenn die Klosterstraße schon immer steil war, hat sich das Verhalten der Menschen verändert. „Der Individualismus ist in den vergangenen Jahren stärker geworden.“ Nach Schamms Meinung findet das Leben der Menschen mehr zuhause mit der Familie und nicht mehr in der Öffentlichkeit statt. „Und der Verbraucher entscheidet mit den Füßen und dem Einkaufsverhalten, was in seinem Ort passiert“, resümiert Radiotechniker-Meister Schamm.

An seiner Ladentür hängt noch der alte Aufkleber des Spangenberger Gewerbevereins: „Kauf ein in Deiner Stadt, damit sie eine Zukunft hat.“ Seit dieser Woche hat der Einzelhändler seinen Laden nur noch halbtags geöffnet. Trotzdem: Jeden Morgen schließt er ihn um 9 Uhr auf – auch wenn nur der Briefträger kommt und ein Kunde anruft. 

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