1. Startseite
  2. Lokales
  3. Melsungen
  4. Spangenberg

Terrorprozess gegen Marvin E. aus Spangenberg - Wie hat sich der Nordhesse radikalisiert?

Erstellt:

Von: Stefan Behr

Kommentare

Marvin E., hier im Gerichtssaal, soll Bombenanschläge gegen Juden und Muslime geplant haben. Foto: dpa
Marvin E., hier im Gerichtssaal, soll Bombenanschläge geplant haben. © dpa

Im Terrorprozess gegen Marvin E. beschäftigt sich das Frankfurter Oberlandesgericht mit dem Leben des Angeklagten.

Frankfurt - Die Anklage gegen Marvin E. hat es durchaus in sich. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 20 Jahre alten Schreinerlehrling aus dem nordhessischen Spangenberg die versuchte Bildung einer terroristischen Vereinigung, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie Verstöße gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz vor. Er soll wild entschlossen gewesen sein, einen hessischen Ableger der US-amerikanischen Neonazi-Terrorgruppe „Atomwaffendivision“ (AWD) zu gründen und mit Sprengstoffanschlägen einen „Rassenkrieg“ heraufzubeschwören.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Einblicke in eine Jugend in Spangenberg

Am ersten Verhandlungstag war vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts lediglich die Anklage verlesen worden. Am Freitag (12. August) beschäftigte sich der Senat nun mit der Vita des sehr jung wirkenden Angeklagten. Irgendeinen Erkenntnisgewinn in Sachen Terror brachte dieser Tag nicht.

Stattdessen gab es Einblicke in eine Jugend in Spangenberg. Marvin E. hat einen Hauptschulabschluss, ist kein Bücherwurm („Ich habe nur gelesen, was ich musste“), aber ein Bastler mit praktischem Talent. Was auch die Qualität der 13 selbst gebastelten Bomben, die die Polizei in seiner Wohnung gefunden hatte und die laut Anklage „immense Schäden“ verursacht hätten, erklärt.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Mit Rasenmäher politisiert

Neben den vor allem in ländlichen Regionen nach wie vor beliebten Hobbys Bier, Jägermeister und Cannabis hat Marvin E. auch im Musikzug gespielt, erst Klarinette, dann Waldhorn, was aber wohl eher seine Zuhörer als ihn selbst traumatisiert haben könnte.

Beim Rasenmähen für einen Ortsbeirat hatte sich E. zudem blitzpolitisiert, so dass er bei der Kommunalwahl 2021 für die CDU kandidierte. Die CDU verortet E. politisch „mehr so in der Mitte, vielleicht ein bisschen rechts, aber auch links“. Beigetreten ist er nie. Aber Politik sei gar nicht so entscheidend für seine Kandidatur gewesen, eher der Fun-Faktor. Bei der CDU habe man sich „ungefähr einmal im Monat in so einem Raum getroffen und dann da rumgesessen“, was möglicherweise besser als gar nichts ist.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Etwas bizarr, aber nicht strafbar

Es wurden am Freitag zudem einige Handyvideos E.s beim Oberlandesgericht angeschaut. Ein paar davon zeigen ihn, wie er mit bei Amazon zusammengekaufter Bundeswehrmontur durch die Wälder und Wiesen um Spangenberg stapft. Sicherlich etwas bizarr, aber keinesfalls strafbar – und vielleicht dadurch zu erklären, dass E. sich nach eigenen Angaben stets für die Armee, insbesondere die Marine, interessiert habe. Und sogar mit einer militärischen Karriere geliebäugelt habe, bis er sich dann doch für eine Schreinerlehre entschied.

Rassistische Bemerkungen oder einschlägiges Nazi-Vokabular fallen in den Videos nicht. Stattdessen lobt E. etwa die Qualität des Spangenberger Bachwassers, das selbst dann unabgekocht trinkbar sei, wenn bachaufwärts ein Corona-Infizierter hineingepinkelt hätte.

Am 2. September soll weiterverhandelt werden. Vielleicht wird es dann etwas aufschlussreicher. (Stefan Behr)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion