Kultursommer Nordhessen: Theater Anu begeisterte Besucher auf Himmelsfels

Der Narr: Martin Thoms begrüßt die Besucher am bunten Eingangstor. Foto: Hofmann/nh

Spangenberg. Das Berliner Theater Anu entführte Besucher auf eine eigentümliche und faszinierende Reise durch die Nacht mit vielen Anspielungen auf die Geschichte der Menschheit.

Wer schon mal in Paris im Louvre war, erinnert sich an die Stele mit den Gesetzen des Königs Hammurapi aus Babylon, die er vor fast 4000 Jahren in Stein hat meißeln lassen. In der Einleitung zu den Gesetzen werden sowohl der Schicksalsbestimmer Enile als auch Gottvater Anu, der dem Theater Anu aus Berlin seinen Namen geliehen hat, erwähnt. „Anu ist babylonisch und ist das älteste bekannte Wort für Mond oder Mondgott“, erläutert Stefan Behr. Er ist künstlerischer Leiter des Theaters Anu und zusammen mit seiner Frau Bille Regisseur der „Großen Reise“.

Das Stück führte das Theater Anu beim Kultursommers Nordhessen auf den Himmelsfels nach Spangenberg, einem großen, einzigartigen Gelände, das auf den Ruinen eines alten Kalkwerkes entstand und seit 2007 zur gemeinnützigen und ökumenischen Stiftung wurde.

Ab 22 Uhr erwartete die Zuschauer ein Labyrinth von über 3500 Kerzen, die in Lichtertüten aus Butterbrotpapier, stabilisiert durch Sand und mit einem Teelicht versehen, mäandrisch angelegt und von Spielstationen unterbrochen, den Besuchern den Weg wiesen. In Gruppen wurden die Besucher von einem Narren eingelassen, der am Eingang eines bunt beleuchteten Tores die Menschen mit dem Läuten eines Totenglöckleins begrüßte und sie durch das Tor in das Meer aus Kerzen führte.

Aus der Vogelperspektive erscheinen die Kerzen wie symmetrisch angeordnete Lebenslinien, die die Besucher im Kerzenlabyrinth entlang schreiten. „Das Denken im Kerzenschein entschwindet sofort in die Träumerei: Bilder flackern auf, der Geist wird ruhig. Es sind Bilder nicht von dieser Welt“, sagt Stefan Behr, „auf der Lebensreise gibt’s kleine Stationen, die das Leben zusammen halten. Menschen bleiben auf der Lebensreise stecken, erleben leise, kleine Geschichten.“

Da ist der blaublütige Prinz, der sich nicht entscheiden kann, die königliche Krone zu tragen, oder die Vogelfrau, die Anleitungen zum Flugversuch erteilt und denen, die noch nie geflogen sind, rät, dies am besten im Wohnzimmer zu üben, weil einem dort der Wind nicht um die Ohren bläst. Oder der Lampenträumer, der den Vögeln helfen will, deren Eier auszubrüten, oder der Koffermann, die Spiegelfrau oder der Turm der Erinnerungen - alle und alles sorgen dafür, dass der Besucher wie ein Traumwandler durch diese Welten reist und dabei Figuren begegnet, die von ihren Träumen und Wünschen erzählen, die aber - wie die Träumenden selbst - nicht in der Lage sind, sie zu leben. Der Mondgott Anu hatte ein Einsehen: Er hat sich nicht gezeigt, aber allen Besuchern bei schönstem Sommernachthimmel ein traumhaftes unvergessliches Erlebnis geboten.

Von Gert Hirchenhain

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