Marliese Becher kam als letztes Mädchen auf dem Schloss zur Welt

Prächtiger Bau: Hoch über Spangenberg thront das Schloss. Marliese Becher ist die letzte lebende Spangenbergerin, die dort geboren wurde. Archivfoto: Lammel

Spangenberg. Marliese Becher ist 91 Jahre alt. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, sind die Erinnerungen aber noch ganz nah.

Pausen zum Nachdenken braucht sie keine. Alltäglich ist ihre Geschichte dabei keinesfalls: Sie kam auf dem Spangenberger Schloss zur Welt - die letzte lebende Frau, die dort geboren wurde.

„Nach mir kamen nur noch mein Bruder und ein anderer Junge auf dem Schloss zur Welt. Das letzte Mädchen, das dort geboren wurde, war ich“, berichtet Becher.

Letzte lebende Spangenbergerin, die auf dem Schloss geboren wurde: Marliese Becher ist 91 Jahre alt. An ihre Kinderzeit auf dem Schloss kann sich aber noch gut erinnern.

Ihr Vater, Heinrich Schuchardt, stammte aus Günsterode, machte seine Jägerausbildung in Marburg und wurde nach dem Ersten Weltkrieg nach Spangenberg versetzt. „Auf dem Schloss haben wir von 1921 bis 1933 gewohnt. Mein Vater arbeitete als Lehrer und Aufsichtsbeamter“, erzählt die 91-Jährige. Damals war die Forstschule dort beheimatet. 1933 bekam ihr Vater dann ein Revier, und die Familie zog nach Spangenberg in ein Forsthaus. „Das war direkt vor dem Schloss, nur die Treppe runter.“

Die Erinnerungen an die Kindheit auf der Festung seien intensiv. „Ich war ein Wirbelwind und kannte alle Forstschüler und jeden Raum im Schloss.“

Froh über Sanierung 

Das ganze Drumherum sei sehr romantisch gewesen, sagt die Spangenbergerin mit einem Lächeln. „Die schöne Aussicht, die Zisterne mit Blick auf Spangenberg.“ Nicht selten habe sie Forstschüler an dieser Stelle mit Mädchen knutschen gesehen.

Blick auf den Schlosshof von damals: Marliese Becher wohnte mit ihrer Familie in dem linken Gebäude auf Höhe der mittleren Fensterreihe. Repro:  Bülau

Jeden Morgen um sechs Uhr seien alle auf dem Schloss mit Waldhörnern geweckt worden. Das Geräusch habe sie noch heute in den Ohren, sagt Marliese Becher. Bis 1938 arbeitete ihr Vater auch als Lehrer auf dem Schloss. „Sie nannten ihn „Vatti“ Schuchardt, und meine Mutter war die gute Seele. Wir haben zum Schloss dazugehört, und kein Fest und keine Trauerfeier fand ohne uns statt“, erinnert sich die 91-Jährige.

Im Zweiten Weltkrieg sei das Schloss dann als Gefangenenlager für englische Offiziere genutzt worden. Am 1. April 1945, kurz vor Ende des Krieges, wurde es von den Amerikanern beschossen und geriet in Brand. „Es hat gebrannt wie Zunder, ich habe beim Löschen mitgeholfen“, erinnert sich Becher noch ganz genau, die damals 21 Jahre alt war. Ihr Vater habe anschließend den Wiederaufbau eingeleitet.

Es habe weh getan, zu sehen, wie das Schloss immer weiter verfalle, sagt die 91-Jährige. „Ich kannte jede Einzelheit, vom Pulverhäuschen bis zum Lager für Viehfutter.“ Den alten Pächtern mache sie aber keinen Vorwurf, sie hätten alles versucht. Heute freue sie sich aber, dass der Wallgraben schon saniert wurde und als nächstes auch die Zugbrücke gemacht werde.

Spangenberg ist Marliese Becher immer treu geblieben: „Ich habe immer hier gelebt und war nie im Urlaub, höchstens einmal über das Wochenende.“

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