Vor 144 Jahren: Kriegsgefangene Franzosen sterben in Spangenberg

Spangenberg. Vor 144 Jahren: Drei Franzosen sterben in der Gefangenschaft in Spangenberg.

Noch lebt die Freundschaft zwischen Spangenberg und Frankreich, auch wenn das Interesse an der Städtepartnerschaft zwischen Spangenberg und Saint-Pierre d’Oléron weniger wird. Im Dezember waren Spangenberger in der Partnerstadt Saint-Pierre d’Oléron zu Gast, die französischen Freunde waren zum Adventsmarkt in der Stadt. Isidore, Jules und Louis kennen aber nur noch wenige Spangenberger. Dabei sind sie für immer mit Spangenberg verbunden: Isidore starb vor 144 Jahren - in Spangenberg. Der Franzose war wie seine beiden Kameraden im Jahr 1871 in Kriegsgefangenschaft auf dem Spangenberger Schloss. Und alle starben in der Stadt.

Ihre Namen stehen auf einem grob behauenen Granitstein. Seit 1910 steht er auf dem früheren Hospitalsfriedhof. Der Standort war zunächst dort, wo heute ein Spielplatz ist. Seit den 1970er-Jahren steht er an der Westseite des Hospitalparks, ganz am Rande des Ehrenmals. Das Ehrenmal wurde zur selben Zeit auf den heutigen Standort umgesetzt. Der Gedenkstein für die französischen Soldaten verschwindet jedoch bald in einer Hecke aus Koniferen.

Den Stein kennt Fides Baumgart seit Kindertagen. Die Spangenbergerin ging auf dem Heimweg von der Schule immer das Treppchen hinunter, an der Mehl- und Ölmühle vorbei, durch den Hospitalspark in die Schollen-Siedlung auf den Kirchwiesen. Und kam täglich an dem Gedenkstein für die drei Franzosen vorbei.

Sie erinnert sich, dass es früher zum Volkstrauertag immer auch eine Feierstunde für die drei französischen Soldaten gab. Bis Mitte der 1970er-Jahre, „dann ist das eingeschlafen“, berichtet die heute 79-Jährige. Damals kam immer eine Französin, die in Kassel lebte, nach Spangenberg. Die ältere Dame trug während der Feierlichkeit jedes Jahr einen Text vor, auf Französisch. Sie hieß Madame Rozelle Häger.

Ihr Landsmann Isidore war 23 Jahre alt, als er am 30. Januar 1871 in Spangenberg an Typhus starb. Jules war 22, als er an Gründonnerstag 1871 begraben wurde. Louis war 17 Jahre alt und todkrank. Sein Schicksal steht im Melsunger Handbuch aus dem Jahr 1934. Darin wird berichtet, wie sein Vater wenige Tage nach der Beerdigung nach Spangenberg kam, um den Sohn zur Pflege in die französische Heimat zu holen. Er musste ohne Sohn nach Hause reisen.

Hintergrund

Im Melsunger Handbuch von 1934 schreibt Friedrich C. Heinleins aus Spangenberg: „Heftig weinend warf sich der Vater (von Louis Auguste Lemoine, geboren am 30. August 1853) auf das Grab und war kaum wieder davon abzubringen. Er erzählte schwer bewegt, wie die Mutter den jüngsten Sohn vergeblich beschworen habe, nicht als Freiwilliger ins Feld zu ziehen, da bereits zwei Brüder vor dem Feinde gefallen seien. Nun habe er keinen Sohn mehr. Er nahm dann einige Hände Erde von dem frischen Grabhügel, der seinen Sohn in fremder Erde zudeckte, mit in die Heimat als letzten Gruß des verstorbenen Jünglings an die liebe weinende Mutter in Reims.“

Von Claudia Feser

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