Welt-Schlaganfalltag

Sie kämpfte sich zurück ins Leben: Yvonne Siegner erlitt mit 31 Jahren einen Schlaganfall

Musste ihre Sprache neu lernen: Yvonne Siegner aus Schnellrode erlitt 2016 mit 31 Jahren einen Schlaganfall. Sie verlor ihre Sprache und musste sie mühsam neu lernen. Motiviert hat sie dabei auch der Wunsch nach einem Hund. Australien Shepard Bruno ist seit eineinhalb Jahren an ihrer Seite.
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Musste ihre Sprache neu lernen: Yvonne Siegner aus Schnellrode erlitt 2016 mit 31 Jahren einen Schlaganfall. Sie verlor ihre Sprache und musste sie mühsam neu lernen. Motiviert hat sie dabei auch der Wunsch nach einem Hund. Australien Shepard Bruno ist seit eineinhalb Jahren an ihrer Seite.

Ein Schlaganfall kann jeden treffen. Jährlich erleiden laut der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG) 270 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Wir sprachen mit einer Betroffenen.

Schnellrode – Der 18. April 2016 war der Tag, an dem Yvonne Siegner jäh aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde. Die damals 31-Jährige will an jenem Montag ihre beiden Kinder aus der Kita holen – sie wollen noch ins Schwimmbad – doch dann steht die junge Mutter aus Schnellrode vor der Kitatür und weiß nicht mehr, wie man sie öffnet.

„Die Erzieherin hat zum Glück gleich gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt und die Kinder zur Seite genommen.“ Was mit ihr nicht stimmt, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie wird zum Hausarzt gebracht, von dort geht es mit dem Notarzt ins Klinikum nach Kassel.

Flimmern vor den Augen

Die junge Frau hatte einen Schlaganfall, wie sich später herausstellt. „Ich hatte an diesem Tag so ein Flimmern vor den Augen, wie wenn man zu wenig getrunken hat“, erinnert sie sich. Sie holt sich im Supermarkt noch eine Flasche Wasser, bevor sie zum Kindergarten geht, an etwas Ernstes denkt sie nicht.

Vieles, was in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall passiert ist, weiß sie nur aus Erzählungen.

Als sie wieder bei sich ist, stellt sie fest, dass Worte, Buchstaben und Zahlen sie nicht mehr erreichen. Dass sie oft nicht aufnehmen kann, was die Menschen um sie herum sagen, dass sie sich nicht mehr ausdrücken kann. „Es war alles da in meinem Kopf, aber ich konnte es nicht sagen.“

Nicht mehr am Leben teilhaben können

Das waren die schlimmsten Momente für die junge Frau. „Man kann nicht mehr teilhaben am Leben, wenn man sich nicht ausdrücken kann und das, was andere einem sagen, nicht im Kopf ankommt.“

Schreckliche Monate für die junge Mutter. Die Ursache für ihren Schlaganfall: „Vermutlich ein Loch im Herzen“, sagt sie. Ganz klar sei das nicht. Einige Monate später hat sie Lähmungen in der linken Körperhälfte, sitzt zeitweise im Rollstuhl.

Ob ein weiterer Schlaganfall dafür verantwortlich war, oder ob es Spätfolgen des ersten waren, das sei nicht ganz klar, sagt Siegner. „An den Rollstuhl hätte ich mich gewöhnen können, für mich war sehr viel schlimmer, mich nicht mehr ausdrücken zu können.“

Aphasie nennt sich das, worunter Yvonne Siegner leidet. Das Sprachzentrum wird dabei durch den Schlaganfall geschädigt. Die damals 31-Jährige ist zwar klar im Kopf, aber kann sich nicht mitteilen. „Das ist schlimm, weil viele denken, man habe den Verstand verloren.“

Harte Arbeit: Yvonne Siegner kämpfte sich zurück ins Leben

„Ich habe zwar fast sechs Jahre gebraucht, um aus dieser Blase herauszukommen und darüber reden zu können, aber die harte Arbeit hat sich gelohnt“, sagt die zweifache Mutter.

Noch heute geht sie zur Logopädin und zur Neuropsychologin. „Das ist wichtig, denn wer an Aphasie leidet, kann auch jederzeit wieder vergessen, was er neu gelernt hat.“ Angefangen hat sie mit den Sprachlernbüchern ihrer Kinder – Wort für Wort habe sie sich Sprache wieder erarbeiten müssen. „Es ist schon seltsam, wenn man die eigene Muttersprache mit über 30 Jahren neu lernen muss“, sagt sie. Aufgeben war für Yvonne Siegner aber nie eine Option. „Ich wollte kämpfen.“

Und sie will mit ihrer Geschichte anderen Mut machen, deshalb hat sie sich entschlossen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Es hat lange gedauert, aber jetzt bin ich so weit, dass ich das auch erzählen kann.“

Schlaganfall-Folgen sind noch spürbar

Die sympathische junge Frau leidet nach wie vor unter den Folgen des Schlaganfalls, auch wenn für Außenstehende nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, wie viel Anstrengung sie das Sprechen kostet.

„Zahlen sind nach wie vor ein großes Problem für mich.“ Aber sie hat ihre Strategien für den Alltag entwickelt. Wenn sie an der Supermarktkasse gefragt werde, ob sie zum Beispiel nicht noch zwölf Cent klein hätte, „dann sage ich einfach Nein.“ Yvonne Siegner sagen die Münzen im Portemonnaie oft nichts. „Erklären kann man das eigentlich niemandem, der nicht an Aphasie leidet“, sagt sie.

Stolz sei sie, dass sie mittlerweile wieder mit Karte zahlen könne, weil sie sich die PIN merken kann – für die 36-Jährige nicht selbstverständlich.

Sie will kein Mitleid, wenn sie jetzt ihre Geschichte erzählt, sagt Siegner, sondern sie hofft auf mehr Verständnis in der Gesellschaft. „Besser ist es, wenn mich jemand fragt, wie er richtig mit mir und meinen Einschränkungen umgehen kann, statt zu schweigen. Wenn ich still werde, bedeutet das nicht Ablehnung oder schlechte Laune, sondern gerade an Orten mit vielen Nebengeräuschen – wie einem Café – fällt es mir einfach nur schwer, meinem Gegenüber zu folgen.“

Schlaganfall: Freundschaften zerbrachen

Durch die Krankheit seien Freundschaften zerbrochen. „Ist ja auch schwierig, wenn man nicht sprechen kann.“ Die wahren Freunde, sagt Siegner, die seien jedoch geblieben.

Sie hält es für sehr wichtig, dass auch Angehörige sich Hilfe holen, um zu lernen, mit der Sprachlosigkeit der Aphasiker umzugehen. Ihre Mutter war ihr eine große Hilfe in der schweren Zeit. „Eine Mutter versteht eben auch, was ein Kind nicht ausspricht.“

Ihre beiden Kinder und ihr neuer Partner unterstützen sie, wo sie können. Die Kinder üben zum Beispiel schwierige Worte mit ihr. „Es rührt mich auch unglaublich, wie meine Kinder mich verteidigen, wenn es zu blöden Situationen kommt.“ Erst kürzlich im Urlaub habe sie wieder erlebt, wie andere Menschen sich ihr gegenüber abwertend verhalten haben, weil sie mit Preisen nicht sofort klarkam.

Während Yvonne Siegner all das erzählt, wuselt Hund Bruno um sie herum. Ein Traum, den sie sich erfüllt hat. In schwierigen Zeiten habe sie der Wunsch nach einem Hund motiviert. „Aber um den Hund erziehen zu können, musste ich ja lernen, mich wieder auszudrücken“, sagt sie. Bruno, der Australien Shepard, hört aufs Wort. Und Yvonne Siegner ist wieder im Leben angekommen.(Barbara Kamisli)

Der Aphasie Landesverband Hessen bietet im Dezember ein Online-Projekt für Aphasiker in Nordhessen an.

Über die Plattform Zoom sollen sich Betroffene, die bislang keinen Zugang zur Selbsthilfe hatten, untereinander vernetzen können, sagt Birgit Klug, die Vorsitzende des Verbandes.

„Es handelt sich bei Aphasikern um eine sehr heterogene Gruppe“, sagt Klug. Die Ausprägung der Beeinträchtigungen sei sehr unterschiedlich und auch die Fortschritte, die Betroffene machen, könne man nicht vergleichen. „Das hängt von der Schwere der Beeinträchtigung und vom Alter ab“, sagt Klug. Auch, ob jemand im Rollstuhl sitze oder nicht, spiele eine Rolle.

Wie lange die Beeinträchtigungen anhalten, beziehungsweise wie weit sich Betroffene davon erholen können, sei sehr unterschiedlich. „Bei manchen kommt die Sprache nach ein paar Wochen zurück, bei anderen kann es Monate bis Jahre dauern“, sagt Klug. Ein Großteil müsse aber für immer mit der gestörten Sprache leben. Das Schlimme sei, das Aphasiker in der Gesellschaft schnell abgestempelt würden. „Das führt dazu, dass die Menschen sich zurückziehen, was wiederum zu Depressionen, Frustration und Isolation führen kann“, sagt Klug. Rund ein Drittel der Schlaganfallpatienten sei von einer Aphasie betroffen – quer durch alle Altersklassen. „Es kann einfach jeden treffen“, sagt Klug.

Um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich miteinander auszutauschen und Kontakte aufzubauen, gibt es ab Dezember das Onlineangebot des Verbandes. Das Projekt soll ein halbes Jahr laufen. Vom Verband gibt es laut Klug auch Unterstützung bei der Einrichtung des Computers.

Anmeldungen sind ab sofort bis 1. Dezember möglich. Per E-Mail verband@hessenaphasie.de oder telefonisch unter Tel. 0177/6146610. Informationen im Internet unter hessenaphasie.de

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