1. Startseite
  2. Lokales
  3. Melsungen
  4. Spangenberg

13 Stolpersteine aus Messing wurden in Spangenberg verlegt

Erstellt:

Von: Manfred Schaake

Kommentare

Aus den USA angereist: Angehörige der Familie Neuhaus vor dem Haus Burgstraße 1. Dort wurden vier Stolpersteine für ihre Angehörigen verlegt. Links ist Dr. Dieter Vaupel von der Initiative Stolpersteine, rechts Bürgermeister Andreas Rehm.
Aus den USA angereist: Angehörige der Familie Neuhaus vor dem Haus Burgstraße 1. Dort wurden vier Stolpersteine für ihre Angehörigen verlegt. Links ist Dr. Dieter Vaupel von der Initiative Stolpersteine, rechts Bürgermeister Andreas Rehm. © Manfred Schaake

Für 13 Juden, die unter Nationalsozialisten litten, sind in Spangenberg 13 Stolpersteine verlegt worden. Die Steine aus Messing erinnern an die Familien Neuhaus, Goldschmidt, Lorge und an Sara Haas.

Spangenberg – Sie gehörten zu 147 Juden, die Spangenberg unter dem Druck der Nazis verlassen mussten. Schüler der Burgsitzschule Spangenberg, der Fuldatalschule Melsungen und der Theodor-Heuss-Schule Homberg dokumentierten mit Vorträgen die Schicksale der Juden bis in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

„Es war eine würdige Veranstaltung“, sagte ein Besucher zu Dr. Dieter Vaupel, dem Organisator. Der Beharrlichkeit des gebürtigen Spangenbergers, der in Obervorschütz lebt, ist zu verdanken, dass die Verlegung in der Stadt weitergeht. Es gab Widerstände, die überwunden sind. Ziel ist, so der frühere Schulleiter, für ehemalige Spangenberger Juden Stolpersteine zu verlegen, „dafür brauchen wir Sponsoren“.

Jeder Stein erinnert an einen Menschen, ehrt ein Opfer und ist eine Mahnung, sagte Vaupel in einer 52-seitigen Dokumentation über Spangenberg. Vor dem Haus Burgstraße 1 begrüßte er mehr als 30 Angehörige der Familie Neuhaus, die aus den USA angereist waren.

Das Haus gehörte ihr einst, die Angehörigen durften das Gebäude dank des heutigen Eigentümers besichtigen. Ihre Anreise zeige, welche Bedeutung diese Form der Erinnerungskultur habe und wie wichtig es sei, dass die Initiative Stolpersteine nicht lockerlasse, sagte Vaupel.

In Spangenberg, berichtete er, sei es in der Vergangenheit zunächst nicht einfach gewesen, diese Form der Erinnerung umzusetzen. Heute gebe es einen breiten Konsens und eine große Unterstützung der Bevölkerung und von politischer Seite.

Dafür bedanke sich die Initiative Stolpersteine bei Bürgermeister Andreas Rehm. „Nach 2007, 2008 und 2021 ist es heute das vierte Mal, dass Stolpersteine verlegt werden.“ Insgesamt seien es bereits 37 Steine.

Die Erinnerung an die während der NS-Zeit vertriebenen und verfolgten Menschen sei heute vielen Menschen auch angesichts rechtsnationaler, rassistischer und antisemitischer Übergriffe in Deutschland in den vergangenen Jahren besonders wichtig: „Dass das auch in Spangenberg sichtbar werden kann und man wachsam bleiben muss, hat sich vor kurzem gezeigt“, sagte Vaupel. Umso wichtiger sei es, dass die Erinnerung in Spangenberg ernst genommen und etabliert werde.

Die jüdische Familie Neuhaus, die lange in Spangenberg lebte, konnte laut Vaupel rechtzeitig ins Ausland flüchten. Sie habe ein gut gehendes Manufakturwarengeschäft betrieben, „bevor sie 1937 vor Diskriminierung und Judenhass aus der Stadt fliehen musste“.

In San Franzisco sei es ihnen gelungen, sich eine neue Existenz aufzubauen. „Nicht alle Spangenberger Juden schafften es, zu fliehen“, sagte Vaupel. So etwa Selma und Meier Goldschmidt sowie Helene Lorge und Sara Haas – getötet in Treblinka und Paski.

Ziel der Stolpersteine sei es, Opfern wieder einen Namen und der Erinnerung an sie einen Ort zu geben, erklärte Vaupel. Es gehe darum, Einzelne sichtbar zu machen. Die Steine sollen auch Anlass sein, „mit unseren Gedanken über die Geschichte dieser Menschen zu stolpern“.

Stolpersteine schlagen nach den Worten Vaupels eine Bücke zur Gegenwart: „Sie zeigen, wohin Hass und Intoleranz führen.“ Die Stolpersteine mahnen, sich dafür einzusetzen, „dass so etwas nie wieder passiert.“

Die ersten Stolpersteine in Spangenberg seien auch vor seinem Geburtshaus an der Langen Gasse 8 verlegt worden, berichtete Bürgermeister Andreas Rehm. Für seine Eltern, ihn „und auch für viele andere“ sei es schon damals keine Frage gewesen, dem zuzustimmen.

Mit dem jetzigen Beschluss der Stadtverordneten, den er für richtig halte, dass Stolpersteine als Mahnmal auf allen öffentlichen Flächen verlegt werden dürfen, zeige die Stadt, „dass wir zu unserer Verantwortung stehen“.

„Wir tragen heute nicht mehr die Verantwortung für die schrecklichen, menschen- und lebensverachtenden Verbrechen des Nazi-Regimes“, sagte Rehm. Unsere Verantwortung sei es, dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an diese Verbrechen nicht verblasse. Die Beteiligung von Schülern an der Aktion sei ein gutes Zeichen dafür, dass die Erinnerung aufrecht erhalten werde.

Unter Hinweis auf das Grundgesetz, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist, erklärte Rehm, er habe mit Vertretern aus Kommunalpolitik, Kirche und sozialen Organisationen eine Charta gegen Rassismus der Stadt ins Leben gerufen, die dieses Jahr von der Verwaltung, dem Magistrat und wohl auch der Stadtverordnetenversammlung abgezeichnet werde.

Dass nach mehr als 80 Jahren Nachfahren einer Familie, „der bei uns so viel Unrecht geschehen ist“, wieder nach Spangenberg gekommen seien, sehe er als Zeichen der Versöhnung. Für das Unrecht und die Verbrechen, die vielen Menschen widerfahren seien, „möchte ich mich als Bürgermeister im Namen der Stadt, bei allen Angehörigen entschuldigen und mein Bedauern aussprechen“, sagte Rehm.

Neue Stolpersteine wurden in Spangenberg verlegt.
Neue Stolpersteine wurden in Spangenberg verlegt. © Manfred Schaake

„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ Dieses Zitat von Dietrich Bonhoeffer in seiner „Ethik“ zitierte Pfarrer Michael Schümers in seiner Ansprache. „Leider haben die meisten Menschen in Spangenberg damals geschwiegen angesichts des Unrechts, das jüdischen Nachbarn angetan wurde.“

Sie hätten weggeschaut oder mitgemacht, sich groß gefühlt, „indem sie andere kleinmachten und unterdrückten“. Das sei großes Unrecht gewesen und habe viel Leid ermöglicht. „Das war zutiefst beschämend. Gott hat das nicht gewollt.“

„Die Juden gehörten hierher, sie waren Mitmenschen, wertvolle Mitgeschöpfe Gottes“, sagte Schümers. „Daher waren Hetze, Verfolgung, Gewalt damals auch Zeichen praktischen Unglaubens und der Abkehr von Gott.“ Darum sei es so wichtig, dass die Namen der Bedrängten, Verfolgten und Getöteten genannt werden. Es sei gut, dass Stolpersteine erinnern „und uns über die Geschichte dieser Menschen stolpern lassen“.

Schümers, der auch stellvertretender Dekan ist, sprach sich dafür aus, „dass wir in Spangenberg eine Kultur des Miteinanders fördern – über Sprach-, Kultur- und Religionsgrenzen hinweg, dass wir Liebe und Respekt predigen und leben, dass wir Menschen, denen wir zum Nächsten werden können, nicht im Stich lassen“ (Manfred Schaake)

Auch interessant

Kommentare