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Spangenberger Firma Tovalino gibt Heimtextilien nach fast 100 Jahren auf

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Von: Barbara Kamisli

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Gehen neue Wege: Peter Dahnke und Michael Pieper (von links) von der Tovalino GmbH am Firmensitz am Teichberg in Spangenberg.
Gehen neue Wege: Peter Dahnke und Michael Pieper (von links) von der Tovalino GmbH am Firmensitz am Teichberg in Spangenberg. © Barbara Kamisli

Seit fast 100 Jahren gibt es Heimtextilien aus dem Hause Tovalino in Spangenberg. Doch Firmenchef Peter Dahnke möchte neue Wege einschlagen: Der Fokus liegt nun auf textiler Architektur.

Spangenberg – Designs konzipiert Peter Dahnke jetzt nur noch für Gebäude und nicht mehr für Tischläufer oder Sofakissen. Die Tovalino GmbH Spangenberg hat zum Jahresende nach fast 100 Jahren die Heimtextiliensparte aufgegeben, um sich ganz auf die Konzeption und den Vertrieb von textiler Architektur zu konzentrieren.

Früher: Heimtextilien der Lappe-Dahnke KG waren sogar in Asien gefragt. Das undatierte Foto stammt aus der Näherei Lappe-Dahnke.
Früher: Heimtextilien der Lappe-Dahnke KG waren sogar in Asien gefragt. Das undatierte Foto stammt aus der Näherei Lappe-Dahnke. © Peter Dahnke

Früher, erinnert sich Peter Dahnke, als die Lappe-Dahnke Handweberei noch von seinem Großvater Fritz und später von seinem Vater Reimer geleitet wurde, da haben sich die Kunden ihre Tischdecken noch ein Jahr im Voraus bestellt. „So eine Tischdecke hatte man dann halt auch mal 30 Jahre – war auch nicht immer gut fürs Geschäft“, sagt der 60-Jährige und lacht.

Keine Wohntextilien mehr aus Spangenberg: Tovalino stellt Produktion um

Anfang der 1970er-Jahre habe sich das Konsumverhalten der Menschen dann geändert. Alles sei schnelllebiger geworden und die Kunden wollten öfter mal was Neues haben, sagt Dahnke. Dennoch liefen Produktion und der Verkauf der Spangenberger Wohntextilien bis Ende 2022 weiter.

Doch jetzt hat die Tovalino GmbH das Kapitel Wohntextilien geschlossen. „Wir wollen uns ganz auf textile Architektur konzentrieren“, sagt Dahnke. Deshalb werde es mittelfristig auch Veränderungen auf dem Gelände des Firmenstandorts am Spangenberger Teichberg geben. „Es wird dort aber keine neue Produktion geben, denn das, was ich mache, kann ich theoretisch von überall machen, wo es einen Internetanschluss gibt“, sagt Dahnke.

Konzeption und Vertrieb textiler Architektur: Neues Kapitel für Tovalino in Spangenberg

Er kümmert sich um Konzeption und Vertrieb der textilen Architektur, die von Kooperationspartnern Typico in Österreich produziert wird. 1994 hatte Dahnke mit seinem Partner Michael Pieper nach der Insolvenz der Lappe-Dahnke KG, die Familientradition mit der Tovalino Casa GmbH weitergeführt.

Tovalino vertrieb seine Waren darunter Tischdecken, Kissenbezüge und Tischsets nicht nur in den eigenen Läden in Kassel und Melsungen, sonder auch im KaDeWe in Berlin und im Alsterhaus in Hamburg. „Doch die Zeiten ändern sich“, sagt Dahnke. Deshalb konzentriere sich Tovalino nun auf textile Architektur, was schon seit Jahren ein zweites Standbein des Unternehmens ist.

Tovalino in Spangenberg geht neue Wege: Berliner Flughafen und Fußballstadion in Jena

So haben sie die Decke im Berliner Flughafen gestaltet. Die textilen Fassaden, Geländer und Decken bestehen aus 10.000 Strängen feinster Glasfasern, die zum Beispiel für die Decke im Berliner Flughafen mit Teflon beschichtet wurden, damit sie nicht brennbar, aber trotzdem rauch- und lichtdurchlässig sind, erläutert Dahnke. Aber auch synthetische Materialien, die dann ebenfalls beschichtet werden, könnten verwendet werden. Mit den Verkleidungen ließe sich auch eine akustische und isolierende Wirkung erzielen. Das Material ist lichtdurchlässig und biete trotzdem einen Sichtschutz. „Das heißt, man kann von drinnen nach draußen sehen, aber nicht umgekehrt.“

Aktuelles Projekt von Dahnke in Kooperation mit Typico ist die Fassade des neuen Fußballstadions in Jena. Er kenne sich mit der Technik aus, sagt der 60-Jährige. Schon im Kindesalter habe er einen eigenen Webstuhl in der Firma gehabt. Deshalb habe er ein Gefühl dafür, was webtechnisch möglich ist.

Viel Freiraum: Die Firma Tovalino aus Spangenberg setzt auf textile Architektur

Und möglich ist viel. Die textilen Fassaden, die ein Laie nicht direkt als solche erkennen würde, hätten zum Beispiel den Vorteil, dass sie sehr reißfest sind und hohe Belastungen aushalten können. Außerdem seien sie relativ einfach digital zu bedrucken. „Egal, ob mit Firmenlogos, Schriftzügen oder verschiedenen Farben“, sagt Dahnke. Zudem seien sie flexibel.

Heute: Die Musikschule Erftstadt wurde mit einer Fassade aus synthetischem Material verkleidet. Projektiert von Peter Dahnke wurde der Architektenentwurf von der Typico GmbH umgesetzt und produziert.
Heute: Die Musikschule Erftstadt wurde mit einer Fassade aus synthetischem Material verkleidet. Projektiert von Peter Dahnke wurde der Architektenentwurf von der Typico GmbH umgesetzt und produziert. © Philip Kistner

Das heißt, eine Fassade muss beispielsweise nicht immer die herkömmliche Form haben, sondern könne auch relativ einfach so gestaltet werden, dass sie zum Beispiel aussieht wie ein luftiger Vorhang, der über die eigentliche Fassade gezogen wurde. Es sei vor allem lange nicht so teuer, wie wenn man das gleiche Ergebnis aus Stahl oder Aluminium erzielen wollte.

Exoten in der Architekturszene: Tovalino aus Spangenberg setzt auf innovative Architektur

Noch brauche es für diese Art der Architektur innovative Bauherren und Architekten, sagt Dahnke. „Wir sind da noch Exoten in der Architekturszene, das Thema spielt im Studium keine Rolle. Doch wir arbeiten dran“, sagt Dahnke. Er war bereits als Gastdozent auf einigen Symposien zu Gast, um die Technik vorzustellen. „Was wir machen, ist sehr komplex. Einige denken bei textiler Architektur an Vorhänge“, sagt Dahnke.

Neben der textilen Architektur werden Dahnke und Pieper auch weiterhin ihre beiden Läden behalten. „Wir importieren Wein vorwiegend aus Portugal und verkaufen diesen in unseren beiden Geschäften in Kassel und Melsungen“, sagen die beiden. Dort wird es aber auch weiterhin einige eigene Produkte wie die den beliebten Stoffüberzieher für Flaschen und Gläser geben, die die Gefäße kurzerhand in schicke Vasen verwandeln. (Barbara Kamisli)

Einjähriges Bestehen feierte kürzlich das Haus Händewerk in Spangenberg. Die Einrichtung mit Second-Hand-Geschäft und Hofladen wird fast ausschließlich mit ehrenamtlichem Engagement betrieben.

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