Ehrenamt soll in die hessische Verfassung

TSV-Spangenberg: Herausforderungen für Vereine werden größer

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Ohne Ehrenamt rollt der Ball nicht: Das gilt auch für die Fußballsparte des TSV Spangenberg. Unser Archivbild zeigt ein Spiel des TSV Spangenberg gegen FSG Gudensberg. Links Tom Siebert (FSG) und rechts Philipp Ruppert (TSV).   

Spangenberg. Viele Vereine haben das Problem, Ehrenamtliche zu finden. Darüber sprachen wir mit Karsten Höhle vom TSV Spangenberg. Er fordert: Taten, nicht nur Worte. 

Zwölf Jahre lang war Karsten Höhle, 48, Vorsitzender des TSV Spangenberg. Einen Nachfolger zu finden, war schwerer als geplant. Erst nach vielen Gesprächen und einer außerordentlichen Mitgliederversammlung konnte ein neuer Vorsitzender gefunden werden, Wilfried Dräger.

Wir sprachen mit dem ehemaligen Vorsitzenden und aktuellen 2. Vorsitzenden Höhle über die Probleme nahezu aller Vereine, Ehrenamtliche zu finden, nicht nur für Vorstandsposten.

Der TSV Spangenberg ist mit etwa 860 Mitgliedern der mitgliederstärkste Verein der Stadt – warum war es so schwierig, einen Vorsitzenden und Leute für weitere Vorstandsposten zu finden?

Karsten Höhle: Die reine Mitgliederzahl sagt nichts über die Aktivität der Mitglieder aus. Nicht alle stehen für eine ehrenamtliche Tätigkeit zur Verfügung, wir haben beispielsweise 300 Kinder und Jugendliche im Verein.

Gab es weitere Hürden?

Höhle: Die Herausforderungen werden zunehmend größer, zum Beispiel im Bereich Finanzen. Weil manche Vereine das System ausgenutzt haben, wurden die Regeln verschärft.

Das Fachwissen ist heutzutage kaum noch aus ehrenamtlicher Tätigkeit bereitzustellen. Deshalb haben wir seit fünf Jahren ein Steuerbüro beauftragt, unsere Buchführung zu übernehmen.

Karsten Höhle war zwölf Jahre lang Vorsitzender des TSV Spangenberg.

Was wäre aus dem TSV geworden, wenn kein Vorsitzender gefunden worden wäre?

Höhle: Viele machen sich keine Gedanken darüber, sondern sagen eher, dass sie dann eben zum Sport nach Morschen oder Heli fahren. Aber statt die Zeit in Fahrten zu investieren, wäre es doch besser, sie würden sich ehrenamtlich betätigen. Viele denken, sie zahlen den Jahresbeitrag von 48 Euro fürs Kind und sind damit alle Pflichten los.

Wir sind aber kein Fitnessstudio, sondern ein auf ehrenamtlicher Basis bestehen der Verein. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass unser Konzept auf lange Sicht umsetzbar bleibt.

Warum engagieren Sie sich?

Höhle: Weil ich das Glück hatte, dass sich viele Leute in meiner Jugend um mich gekümmert haben, und das möchte ich jetzt zurückgeben. Es motiviert, Kinder zu sehen, die mit einem Lachen aus der Sporthalle kommen, weil sie mit ihren Freunden Sport gemacht haben und dabei das Bestmögliche aus sich rausgeholt haben.

Wie alt waren Sie, als sie Verantwortung im TSV übernommen haben?

Höhle: Als 17-Jähriger habe ich zusammen mit jemandem die F-Jugend trainiert. Mit 30 wurde ich 2. Vorsitzender.

Da waren Sie aber jung.

Höhle: Ich bin in einem Elternhaus groß geworden, wo ein Ehrenamt selbstverständlich war: Mein Vater war Vorsitzender des TSV und Fußballtrainer, meine Mutter war Trainerin beim Turnen.

Gäbe es mehr Helfer, wenn sie für ihr Engagement bezahlt würden?

Höhle: Unsere Strukturen sind auf ehrenamtliches Engagement aufgebaut. Wir haben im TSV 60 bis 70 Ehrenamtliche, es ist undenkbar, sie alle zu entlohnen. Außerdem finden Sie nicht immer gute Leute, die ihre Aufgaben regelmäßig ausführen und Verantwortung tragen, selbst wenn sie bezahlt werden.

Was halten Sie davon, dass das Ehrenamt in die hessische Verfassung festgeschrieben werden soll?

Höhle: Das sind nur Worte – Taten würden mehr helfen. Beispielsweise ist die neue Datenschutzverordnung ein sehr großer bürokratischer Aufwand, der die Vereine vor große Herausforderungen stellt. Wir müssen einen Datenschutzbeauftragten benennen, die Homepage aktualisieren, mitteilen, wie wir mit den Daten unserer Mitglieder umgehen. Dabei ist es für uns selbstverständlich, sorgfältig mit den Daten unserer Mitglieder umzugehen.

Wird es durch ein neues Staatsziel mehr Ehrenamtliche in den Vereinen geben?

Höhle: Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen bereit sind, ihre Zeit bereitzustellen, um mitzuhelfen, einen Verein am Leben zu erhalten. Das Argument der fehlenden Zeit kann nicht ausschlaggebend sein.

Zur Person 

Karsten Höhle, 48, kommt aus Spangenberg. Nach der Mittleren Reife an der Burgsitzschule lernte er Maschinenschlosser bei B. Braun. Anschließend absolvierte er ein Maschinenbaustudium in Kassel und arbeitet als Ingenieur bei B. Braun. 

Mit sechs Jahren wurde er Mitglied beim TSV Spangenberg und spielte dort Fußball. Bis 35 war er bei den Senioren aktiv. Er war Torwart, und sein Vorbild war Sepp Maier. 

Sein größter sportlicher Erfolg: das Aufstiegsspiel in die Landesliga mit der A-Jugend 1987. Derzeit trainiert er bei den Alten Herren. Zwölf Jahre war Höhle Vorsitzender des Vereins, davor 2. Vorsitzender. Aktuell ist er wieder 2. Vorsitzender. 

Karsten Höhle ist verheiratet und hat zwei Söhne, die sieben und drei Jahre alt sind. 

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