INTERVIEW: Wikus-Chef Dr. Jörg Kullmann über Stellenabbau und Perspektiven

Nach Nachricht über Stellenabbau bei Wikus: Geschäftsführer sieht Fortbestand des Unternehmens nicht gefährdet

Stellenabbau am Standort Spangenberg: 77 Arbeitsplätze werden beim Sägebandhersteller Wikus bis März 2021 wegfallen.
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Stellenabbau am Standort Spangenberg: 77 Arbeitsplätze werden beim Sägebandhersteller Wikus bis März 2021 wegfallen.

Harte Einschnitte hat das Spangenberger Unternehmen Wikus (wie berichtet) am Dienstag bekannt gegeben. 77 von 600 Stellen werden bis Ende März 2021 abgebaut.

Spangenberg - Die Mitarbeiter erhalten ein gekürztes Weihnachtsgeld und auch die Geschäftsleitung sowie die Gesellschafter verzichten auf Einkünfte. Wir sprachen mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Dr. Jörg H. Kullmann über Gründe und Perspektiven.

Wann war klar, dass Stellen im Unternehmen abgebaut werden müssen?

Die Entwicklungen in der Stahlbranche haben sich schon länger abgezeichnet. Doch durch die Corona-Pandemie gab es zusätzlich noch dramatische Veränderungen in der Mobilität. Das hat natürlich die Frage aufgeworfen, wie kann es nach Corona weitergehen.

Können Sie das präzisieren?

Stahlindustrie und Mobilität sind eng verbunden. Und wir sind eng mit der Stahlindustrie verbunden. Was da passiert, ist für uns Entscheidungsgrundlage. Flugzeuge sind Mangelware, in Elektroautos wird viel weniger Stahl verbaut. Die mobile Welt wurde eingeschränkt, um die Welt nicht krank zu machen, die digitale Mobilität hat sich enorm weiterentwickelt. Eine Tatsache, die uns zum Handeln auffordert. Die mobile Welt wird nach Corona nicht mehr die gleiche sein.

Wie hat die Belegschaft die Nachricht aufgenommen?

Wir hatten bereits Vorgespräche mit der Belegschaftskommission geführt. Darüber, welche Konsequenzen die Entwicklungen haben und welche Schritte wir unternehmen müssen. Am Ende gab es da zumindest Verständnis.

Wann wurde die Belegschaft informiert?

Am Montag wurde die komplette Belegschaft informiert. Am Dienstag haben wir mit den direkt Betroffenen gesprochen. Für die ist das natürlich eine sehr schlimme Entscheidung, aber auch für alle anderen ist es schlimm, auch für uns als Familie Kullmann.

Wer ist betroffen vom Stellenabbau?

Es gibt einen Sozialplan, den wir dem Gesetz entsprechend aufgestellt haben. Da werden zum Beispiel Kriterien wie Alter und Betriebszugehörigkeit angesetzt. Betroffen sind somit Mitarbeiter aus allen Bereichen. Wir werden uns deshalb in nächster Zeit, viel mit der Umqualifizierung des verbleibenden Personals beschäftigen müssen.

Warum wurde eine ganze Sparte geschlossen?

Wir haben die Herstellung und den Handel von und mit Werkzeugstahlsägebändern beendet, weil eine wirtschaftlich nachhaltige Produktion nicht mehr möglich war. In einem Unternehmen sind die Dinge miteinander verknüpft, deshalb denkt man wirtschaftlich immer an das ganze Unternehmen.

Gab es Überlegungen, die Produktion ins Ausland zu verlagern?

Nein, im Ausland zu produzieren, das ist keine Option. Wir gehen davon aus, dass wir mit unseren modernen Technologien profitabel am Standort Deutschland produzieren können.

Der Fortbestand der Firma Wikus ist also nicht gefährdet?

Nein, ich sehe den Fortbestand nicht gefährdet. Wir sind mit unseren neuen Technologien so gut aufgestellt, um in diesem Markt bestehen zu können. Wir müssen die Technologie effektiv nutzen und brauchen günstigere Kostenstrukturen, dann habe ich daran keine Zweifel. Die gäbe es nur, wenn wir diese Entscheidung jetzt nicht getroffen hätten.

Nun ist Wikus ja in der Region auch als großer Sport- und Kulturförderer bekannt. Wie wird es da weitergehen?

Es ist klar, dass sich viele diese Frage stellen. Wir sind uns als Unternehmerfamilie und als Familienunternehmen immer der sozialen Verantwortung für die Region bewusst. Aber wir müssen auch wirtschaftlich denken. Sonst gibt es keine Zukunft. Wir sind gerade dabei, uns in dieser Frage auch als Familie zu orientieren.

Wir wollen in Zukunft mehr als Unternehmerfamilie in Erscheinung treten. Denn wenn die Familie Kullmann etwas fördern möchte, sollte das nicht zu Lasten von Wikus gehen.

Aber sicher ist zum Beispiel, dass wir das Freibad und den Verein Pro Aqua weiter unterstützen. (Barbara Kamisli)

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