Stolperstein könnte in Zukunft an den Autor erinnern 

Womöglich letzter Jude aus Spangenberg ist gestorben 

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Besuch in der ersten Heimat: Jechiel Ogdan lebte bis 1936 als Manfred Blumenkron in der Rathausstraße in Spangenberg. Unser Archivfoto zeigt ihn bei einem Besuch im Jahr 2006, mit zwei Messingschildchen für Stolpersteine in den Händen.  

Spangenberg. Jechiel Ogdan, der einst Manfred Blumenkron hieß, ist tot. Nach der Machtergreifung der Nazis floh seine Familie 1936 nach Palästina. 

Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der 91-Jährige, der bis 1936 als Manfred Blumenkron in Spangenberg lebte, bereits im  September 2017. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand war Jechiel Ogdan der letzte, noch lebende Spangenberger Jude.

Er war der Sohn von Theodor David und Selma Blumenkron und wuchs in der Rathausstraße auf, direkt neben der evangelischen Kirche. Sein Vater hatte ein Textilgeschäft.

Nach der Machtergreifung der Nazis wurde das Leben auch für die Juden in Spangenberg immer unerträglicher. „Die meisten Spangenberger Juden betrachteten sich als Deutsche und wollten in ihrer Heimat bleiben“, schrieb Jechiel Ogdan in seinem Buch „Sie werden immer weniger“, das er 2004 gemeinsam mit Dieter Vaupel verfasst hat. Aber Spangenberger Nazis hetzten und schikanierten ihre jüdischen Mitbürger. Bei einer Säuberungsaktion im September 1935 musste der damals achtjährige Manfred Blumenkron mit ansehen, wie seine Mutter von Nazis geschubst und aufs Übelste beleidigt wurde.

Seine Eltern entschlossen sich zum Verlassen der Heimatstadt. Sie verkauften ihr Haus und flüchteten am 28. Dezember 1936 mit der Familie – Sohn Manfred und dessen Großeltern Lina und Aron Blumenkron – nach Erfurt, von wo sie über Italien nach Palästina ausreisten.

Familienfoto Blumenkron/Spangenthal: von links Cousin Erwin Spangenthal, Cousin Horst, Tante Selma, Oma Lina, Onkel Hugo, Mutter Siddy, Opa Aron, Vater Theodor David, Manfred Blumenkron und Cousine Trude.

Dort baute sich die Familie eine neue Heimat auf. Manfred Blumenkron, der fortan Jechiel Ogdan hieß, wurde Mitglied einer Untergrundbewegung und hat sich seine neue Heimat erkämpft: „Er war Zionist und hat immer erzählt, dass er in drei Kriegen gekämpft hat“, berichtet sein Co-Autor Vaupel. Ogdan heiratete, wurde Vater einer Tochter Idith, studierte Physik und arbeitete an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seine erste Heimat Spangenberg hatte er im Herzen. „Er war ganz in den Gedanken seiner Kindheit“, erinnert Vaupel.

Bei seinen Besuchen in der Stadt traf Jechiel Ogdan nicht nur frühere Klassenkameraden und Nachbarn, sondern erzählte jungen Menschen, etwa an der Burgsitzschule, über die schlimme Zeit. „Ihm war es wichtig, versöhnlich aufzutreten, nie anklagend.“ So hat ihn auch Spangenbergs Bürgermeister Peter Tigges bei mehreren Begegnungen erlebt: „Jechiel Ogdan war ein unheimlich offener Mensch, der als Zeitzeuge unmittelbar und aufklärend seine persönlichen Eindrücke vermittelt hat.“ 

Stolperstein für Manfred Blumenkron

Als Jechiel Ogdan 2014 in der HNA gelesen hatte, dass keine weiteren Stolpersteine in Spangenberg verlegt werden sollen, weil manche Hauseigentümer ihre Zustimmung verweigerten, sei er völlig entsetzt gewesen. 

Das sagte er damals im Gespräch mit der HNA. Aus Anlass von Ogdans Tod möchte sein Co-Autor Dieter Vaupel Stolpersteine für den womöglich letzten Spangenberger Juden und dessen Eltern und Großeltern vor deren Wohnhaus an der Rathausstraße initiieren. „Ein Stolperstein kostet 110 Euro“, sagt Vaupel, „und es wäre angemessen, damit an ihn zu erinnern.“ Bürgermeister Tigges sagt, das könne in den städtischen Gremien besprochen werden.

Kontakt: Dieter Vaupel, dieter.vaupel@t-online.de

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