Sommergewitter nützt nichts 

Trockenheit und Borkenkäfer: Fichten sterben reihenweise

Auf den ersten Blick ist es für den Laien nicht zu erkennen, wie schlecht es dem Wald geht: Die Trockenheit macht den Bäumen zu schaffen. Sie können sich gegen Schädlinge wie Borkenkäfer und Pilze nicht wehren. Fotos: Carolin Hartung / hessen-forst

Die Lage im Wald ist ausgesprochen angespannt. Den Bäumen fehlt wochenlanger Regen. Fichte und Buche, die etwa 80 Prozent unseres Baumbestandes im Wald ausmachen, sterben reihenweise ab.

„Die Kahlflächen werden immer größer“, sagt die Melsunger Forstamtsleiterin Petra Westphal. Hinzu kommt eine rasante Borkenkäfervermehrung. Die Bedingungen, mit denen der Wald zu kämpfen habe, seien in diesem Ausmaß völlig neu, sagt Westphal. „Auch die älteren Kollegen haben so etwas noch nicht erlebt.“

Der aktuelle Regen habe im Wald lediglich eine Wirkung wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, sagt Westphal. „Die Böden sind so tief ausgetrocknet, es müsste drei Monate am Stück regnen, damit die Wasserspeicher wieder gefüllt wären.“ Der Regen im Herbst und Winter fehle.

Die Trockenheit beeinflusse die Vitalität der Bäume. Sie verlören ihre Widerstandfähigkeit. Schädlinge, wie der Borkenkäfer, hätten leichtes Spiel.

Hessenforst 13. Oktober 2015

„Ähnlich wie beim Menschen, der zu wenig trinkt, schlägt sich die Trockenheit auch auf das Immunsystem des Baumes nieder.“ Wenn Fichten gut mit Wasser versorgt seien, würden sie die Fraßlöcher des Borkenkäfers mit Harz füllen – als Wundverschluss, erklärt Westphal. Ist der Baum nicht ausreichend mit Feuchtigkeit versorgt, sei kein Harzfluss mehr möglich. Finde ein Borkenkäfer einen solch geschwächten Baum, sende er Lockstoffe an in der Nähe befindliche Artgenossen aus. „Wenn sich 100 Borkenkäfer in den Baum gebohrt haben, ist das das sichere Todesurteil für die Fichte.“

Auch die Buche habe mit dem Klima zu kämpfen. Auch wenn die Baumkrone noch grün und gesund aussehe, könne ein Baum quasi schon tot sein. „Wenn die Rinde abblättert, ist der Baum eigentlich schon tot“, sagt Westphal. Die Trockenheit mache sie anfällig für Pilze: „Die vermehren sich explosionsartig, weil der Baum nichts entgegenzusetzen hat.“ Baumarten, die besser mit der Trockenheit klar kämen, würden künftig die Wälder stärker prägen, ist sich Westphal sicher.

Dem Wald geht’s schlecht

„Die bisherige Witterung bereitet uns Sorgen“, sagt die Melsunger Forstamtsleiterin Petra Westphal. Normalerweise würden sich die Wasserspeicher im Wald in den Wintermonaten füllen. Damit komme der Wald in den regenärmeren Sommermonaten zurecht.

„Anfang des Jahres 2018 waren die Speicher richtig voll. Dann kam Sturm Friederike, dann die Dürre. Und seitdem haben sich die Speicher nicht mehr aufgefüllt“, sagt Westphal. Ein Sommergewitter mit Sturzregen, so wie es sie in den vergangenen beiden Sommern häufig gab, sei für die großen Bäume im Wald nutzlos. „Das Wasser bindet oberflächlich den Staub, kann aber gar nicht in den trockenen Boden eindringen, der kann das Wasser gar nicht aufnehmen.“ Dem Wald könnte nur lang anhaltender Dauerregen von mindestens drei Monaten helfen.

Die Buche ist eine der Baumarten, der die Trockenheit enorm zu schaffen macht. „Sie mögen die atlantische Witterung. Bei kühlem und feuchtem Wetter, so wie es in Nordhessen einmal war, fühlt sie sich pudelwohl.“ Doch die Trockenheit bekommt ihr nicht. Abblätternde Rinde ist eines der eindeutigen Krankheitssymptome, die bei Buchen auftreten. Aber auch von der Krone her sterben die Bäume häufig ab. Trockene Buchen bieten durch ihre fehlende Widerstandskraft Pilzen eine gute Angriffsfläche. „Durch den Pilzbefall wird das Holz brüchig und das macht es gefährlich.“ Ohne Vorwarnung würden ganze Kronenteile abfallen, sagt Westphal. Für die Forstarbeiter und insbesondere auch für Erholungssuchende, die im Wald unterwegs seien, sei dies enorm gefährlich. Deswegen wurden seitens Hessen Forst an verschiedenen Waldeingängen bereits Warnschilder aufgestellt. Doch wie kann man den Wald klimaresistenter machen? „Bei jeder Freifläche stehen wir vor der Frage, welche Baumart an diesem Standort künftig am besten zurechtkommen wird“, sagt Westphal. Eichen, aber auch die Tanne, Douglasie und Roteiche seien deutlich trockenheitsbeständiger als Buche und Fichte. Deshalb werden diese Baumarten in den kommenden Jahren unsere Wälder deutlich stärker prägen, ist sich Westphal sicher. Die erste Maxime sei die Naturverjüngung. „Aber die Baumart, die verjüngt werden soll, muss auch standortgerecht sein“, sagt Westphal. Die Naturverjüngung bei Buche und Fichte solle aber weiterlaufen. Wichtig sei, Baumartenmischungen herauszupflegen, und nicht nur auf einzelne Baumarten zu setzen, sagt die Forstamtsleiterin.

„Wir müssen versuchen, das Risiko so gut wie möglich zu streuen. Wenn wir jetzt nur auf Eichen setzen und in 20 Jahren kommt eine neue Raupe, die es nur auf Eichen abgesehen hat, hätten wir ein Problem.“ Westphal geht deshalb davon aus, dass der Anteil an Mischwald in den kommenden Jahren noch ansteigen wird. „Ich wünsche mir einen stabilen, vitalen Mischhochwald.“ Ein gesunder Wald sei wichtig für uns Menschen. Er habe eine Filterwirkung, produziere einen Großteil des Sauerstoffs und sei für die Bereitsstellung von Trinkwasser wichtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.