Pandemie sorgt für Mitgliederschwund

Wegen Corona: Sportvereinen im Schwalm-Eder-Kreis droht Nachwuchsmangel

Spiel in der A-Jugend-Bundesliga 2018 mJSG Melsungen-Körle gegen den SC DHfK Leipzig Julian Damm (MT) beim Wurf und hinten Lars Langer (SC).
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Die Coronapandemie stellt insbesondere den Mannschaftssport vor Probleme.

Die Sportvereine im Schwalm-Eder-Kreis bangen um den Nachwuchs. Wegen der Coronapandemie und dem damit verbundenen eingeschränkten Spielbetrieb melden sich immer mehr Kinder von den Vereinen ab. Das bestätigt Sportkreisvorsitzender Ulrich Manthei.

Kreisteil Melsungen – Der Sportkreis – der derzeit rund 61.000 Mitglieder zählt – verlor im ersten Coronajahr 6,3 Prozent seiner Kinder und Jugendlichen. Insgesamt traten 3,7 Prozent der Mitglieder aus den Sportvereinen im Schwalm-Eder-Kreis aus. Das geht aus einer Statistik des Landessportbundes Hessen (LSBH) hervor. Die Sportvereine im Schwalm-Eder-Kreis bangen um den Nachwuchs. Wegen der Coronapandemie und dem damit verbundenen eingeschränkten Spielbetrieb melden sich immer mehr Kinder von den Vereinen ab. Das bestätigt Sportkreisvorsitzender Ulrich Manthei. Der Sportkreis – der derzeit rund 61.000 Mitglieder zählt – verlor im ersten Coronajahr 6,3 Prozent seiner Kinder und Jugendlichen. Insgesamt traten 3,7 Prozent der Mitglieder aus den Sportvereinen im Schwalm-Eder-Kreis aus. Das geht aus einer Statistik des Landessportbundes Hessen (LSBH) hervor.

Beim Mitgliederschwund belegt der Sportkreis Schwalm-Eder hessenweit einen Platz im unteren Mittelfeld. Die 23 Sportkreise, die im LSBH organisiert sind, verzeichneten insgesamt einen Mitgliederrückgang von 3,3 Prozent. Besonders vereinstreu sind die Mitglieder im Werra-Meißner-Kreis. Dort traten lediglich 0,7 Prozent der Mitglieder im ersten Coronajahr aus den Sportvereinen aus. Auffällig: Insbesondere in Ballungsgebieten wie dem Main-Kinzig-Kreis und in Wiesbaden sind die Verluste bei den Kindern und Jugendlichen groß.

„In den ländlichen Gebieten zeigt sich die Entwicklung zwar auch, aber noch nicht so krass“, sagt Manthei. Denn die Verbundenheit zum Verein sei dort noch eine andere als beispielsweise in einer großen Stadt, in der eine Abmeldung vom Verein eher anonym über die Bühne gehe. „Die Verbundenheit zum Verein ist unser Vorteil im ländlichen Raum“, sagt der Sportkreisvorsitzende. Jedoch sieht er die große Gefahr, dass je länger die Pandemie noch dauere, auch im Landkreis noch mehr Kinder aus den Vereinen austreten.

MT Melsungen
Diese Gefahr sieht auch Alexander Schröder, Vorsitzender des größten Vereins im Schwalm-Eder-Kreis, der Melsunger Turngemeinde (MT). Innerhalb des vergangenen Jahres habe der Verein sieben Prozent an Mitgliedern verloren – seit Langem ein Jahr, in dem die MT bei ihrem Aufwärtstrend bei den Mitgliederzahlen nicht anknüpfen konnte. Wie viele Kinder und Jugendliche unter den Austritten sind, kann Schröder nicht beziffern.

Im ersten Lockdown vergangenes Jahr seien die Mitglieder noch äußerst motiviert gewesen, hätten zahlreich an den Online-Sportkursen des Vereins teilgenommen. „Aber mein Eindruck ist, dass die Motivation seit dem zweiten Lockdown verloren gegangen ist“, sagt Schröder. Kinder bis 14 Jahre dürften zwar im Freien Sport machen, aber das werde nur zögerlich angenommen, auch vonseiten der Übungsleiter gebe es Bedenken.

Wie man die Mitglieder wieder zurückgewinnen könne, sei die große Frage, sagt Schröder. Hinzu komme, dass gar nicht klar sei, wie man nach der Coronapandemie wieder richtig starten solle. „Diese lange Zeit ohne Spielbetrieb lässt sich gar nicht aufholen.“ Die Jugendlichen entwickelten andere Interessen, da Sport nicht möglich sei. „Und diese haben leider oft nichts mehr mit Bewegung zu tun“, sagt Schröder. Es käme nicht von ungefähr, dass Streamingdienste derzeit boomten. Ungewiss sei die Zukunft insbesondere bei Sportlern, die sich vor Corona in dem Bereich zwischen Profi und Hobby befunden hätten. Um ihr Talent weiter auszubauen, fehle schlicht der regelmäßige Trainingsbetrieb.

SC Niedervorschütz
Hart getroffen hat es den SC Niedervorschütz: Der Sportverein wollte 2020 sein 100-jähriges Bestehen feiern – doch die Coronapandemie machte alle Pläne zunichte. „Es war ganz schön bitter“, sagt der Vorsitzende Johannes Käser. „Das ganze Programm stand schon, und dann kam Corona.“ Jetzt sei die Lage so, dass man gar nichts planen könne: „Wir hängen in der Luft. Das macht uns zu schaffen.“ Vermutlich könne man das Jubiläumsfest auch 2021 nicht nachholen. „Vielleicht machen wir stattdessen eine Feier zum 105-jährigen Bestehen.“ Doch nicht nur wegen des ausgefallenen Festes leidet der SC Niedervorschütz unter den Folgen der Pandemie. „Im Endeffekt ist das Vereinsleben tot“, sagt Käser. „Es gibt keine Aktivitäten mehr.“ Auf Online-Angebote zu setzen, wie es andere Sportvereine tun, habe man nicht in Erwägung gezogen – denn die Mitglieder seien überwiegend älter und fühlten sich durch solche Alternativen nicht angesprochen.

Den Altersschnitt bei den Mitgliedern schätzt Käser auf 60 Jahre. Schon vor Corona hatte der Verein Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. In guten Zeiten lag die Mitgliederzahl bei 400, inzwischen sind es nur noch um die 100. „Corona hat den Mitgliederschwund beschleunigt“, sagt der Vorsitzende. Alles negativ sehen will Käser nicht: „Wir wollen nach vorne schauen und versuchen, den Verein aufrechtzuerhalten“, sagt er. „Aber so, wie es war, wird es wohl nie mehr werden.“

TSV Eintracht Felsberg
Für die Mannschaftssportarten stelle die Coronapandemie das größte Problem dar, schildert Stefan Schmid, Vorsitzender des TSV Eintracht Felsberg.

Denn während zum Beispiel Angebote wie Zumba und Ho Sin Do jetzt über Videokonferenzen stattfinden könnten, funktioniere das bei Ballsportarten nicht.

Zwar biete man etwa für die Handballer auch Video-Training an – „einfach, um die Spieler bei der Stange zu halten“, erklärt Schmid. Doch dabei gehe es nur um Fitness- und Koordinationsübungen, und darum, dass die Spieler einander sehen könnten. Handballspiele auf dem Platz fänden indes nicht statt. Man warte sehnlich darauf, dass das wieder möglich sei.

„In der Handball-Sparte haben wir ernste Sorgen, dass wir da einen Jahrgang an Nachwuchs verlieren“, sagt Schmid. Der Mannschaftssport lebe von einer breiten Basis. „Die Lücke zieht sich dann eben nach oben durch: wenn es keine Mini-Mannschaft gibt, gibt es auch keine E-Jugend und so weiter.“ Das könne im schlimmsten Fall zur Folge haben, dass eine Seniorenmannschaft in eine niedrigere Liga abrutsche. „Der Jahrgang fehlt ja nicht nur bei uns, sondern auch in Melsungen, Guxhagen, Körle – das wirkt sich wie ein Flächenbrand aus“, fürchtet Schmid. Der Vorsitzende schätzt, dass der Verein seit Beginn der Pandemie fünf bis zehn Prozent mehr Austritte von Mitgliedern verzeichnet. Das gleiche sich durch Neueintritte nicht aus.

Kleine Lichtblicke gibt es dennoch: Die Leichtathletik-Sparte trainiere bereits wieder in Präsenz, wenn auch nur in kleinen Gruppen. Der Verein wolle auch versuchen, wieder Eltern-Kind-Turnen unter freiem Himmel anzubieten, kündigt der Vorsitzende an. Und sobald das Felsberger Freibad öffne, wolle man einen Schwimmkurs für Kinder anbieten. Denn dass Kinder auch in Corona-Zeiten Schwimmen lernten, sei überaus wichtig, stellt Schmid klar. (Carolin Hartung, Judith Féaux de Lacroix)

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