Mediziner übergab vor 65 Jahren die Stadt an die Amerikaner

Der mit der weißen Fahne

Melsungen. Am Ostersamstag 1945, es war der 31. März, schlugen Geschosse in Melsungen ein: Amerikanische Truppen rückten vor, um die Stadt einzunehmen. Da es bereits vereinzelt brannte, waren es vor allem die Frauen, die eine Zerstörung Melsungens befürchteten.

Sie bestürmten den Oberstabsarzt Dr. Sostmann als höchsten verbliebenen Offizier am Ort. Die deutschen Truppen und auch die kommunalen Nazi-Größen waren bereits geflüchtet.

Sostmann übernahm mutig die Verantwortung für die Stadt und ihre Bürger sowie für rund 500 ihm anvertraute Schwerverwundete, darunter auch zwei abgeschossene amerikanische Piloten. Da er seinen Posten als Lazarett-Chefarzt nicht verlassen durfte, schickte er seinen Assistenzarzt sowie einen Dolmetscher mit seinem Opel P-4 und vor allem einer weißen Fahne den amerikanischen Truppen in Richtung Melgershausen entgegen – mit dem Befehl, die Stadt zu übergeben. Dadurch blieb Melsungen vor massivem Beschuss oder gar einer Bombardierung verschont.

Allerdings standen auf der östlichen Fuldaseite noch deutsche Truppen, die von dem eigenmächtigen Handeln des Oberstabsarztes gehört hatten. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner erschien in einem der Melsunger Lazarette noch ein SS-Kommando und suchte nach Dr. Sostmann. Doch der Mediziner war rechtzeitig gewarnt worden und konnte sich einer Festnahme entziehen. Ein Gedenkstein am Kesselberg erinnert heute an Sostmanns mutigen Einsatz für Melsungen.

Heinrich Sostmann wurde 1892 als Sohn eines Lehrers in Elben geboren und nach Abitur und ersten Studiensemestern 1913 zum Militär einberufen. Als Artillerist nahm er am 1. Weltkrieg teil, wurde verwundet und kehrte Anfang 1919 heim. Sostmann nahm sein Studium der Medizin auf und wohnte in Göttingen zeitweise mit dem späteren kommunistischen Herrscher Chinas, Tschou En-lai, zusammen, der dort Jura studierte.

Nach seiner Assistentenzeit an der Charité-Klinik in Berlin – zeitweise bei dem weltbekannten Chirurgen Prof. Sauerbruch – eröffnete Sostmann 1926 zunächst selbst eine Praxis in Melsungen und übernahm später die seines Schwiegervaters Dr. Johannes Kahl. Als beliebter Arzt und anerkannt guter Diagnostiker war Sostmann bis Ende der 1960-er Jahre tätig.

Als ihm einmal eine schon etwas betagte Patientin ihr Leid klagte, meinte Dr. Sostmann: „Ja, liebes Mädchen, an einem alten Kessel ist nun mal nicht mehr viel zu flicken. Wie alt seid Ihr denn?“ Und als die Frau ihm ihr Alter offenbarte, wurde der Doktor ganz still. Er war da nämlich schon um einiges älter. Ein anderes Mal wollte eine treue Patientin unbedingt zu dem nun schon etwas älteren Doktor: „Wissen se, der kennt minnen Kerper nämlich innewendich un usswendich.“

Sostmann galt als ausgesprochen gesellig und war auch stark ins Melsunger Vereinsleben eingebunden. So war er über 40 Jahre lang Vorsitzender der Melsunger Schützengilde. 1978 starb er im 86. Lebensjahr. Foto:  nh

Von Ehrhart Appell

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