Interview

Wenn die Welt sich dreht: Betroffener will Schwindel-Selbsthilfegruppe für den Kreis gründen

Wenn der Schwindel plagt: Unser Symbolfoto zeigt einen Mann, bei dem sich im Kopf alles dreht. Wir sprachen mit einem Betroffenen.
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Wenn der Schwindel plagt: Unser Symbolfoto zeigt einen Mann, bei dem sich im Kopf alles dreht. Wir sprachen mit einem Betroffenen.

Wenn der Boden scheinbar ins Wanken gerät und sich alles dreht, ist das äußerst unangenehm. Meist ist Schwindel ein vorübergehendes Phänomen. Doch was ist, wenn er zum Alltag wird?

Schwalm-Eder - Wir sprachen mit einem Betroffenen, der anonym bleiben möchte (Name der ist Redaktion bekannt), wie man mit den Beschwerden lebt, was man dagegen tun kann und warum der Austausch mit anderen hilft.

Sie leiden an Schwindel gepaart mit Polyneuropathie, wie wirkt sich das auf Ihren Alltag aus?

Ich bin unsicher beim Gehen, besonders auf unebenen Wegen. Im Dunkeln setzt ein Schwanken beim Gehen ein. Beim Treppe runtergehen, fühle ich mich wackelig. Dazu kommt die Verunsicherung, wie wird das von außen wahrgenommen. Was denken die Leute, die das mitbekommen und mich so sehen.

In welchen Bereichen haben Sie noch Einschränkungen?

Beim Fahrradfahren entsteht zum Beispiel durch Wackler Unsicherheit. Das wird aber besser, je länger man fährt. Bei Kopfschwindel, der nicht permanent da ist, kann und will ich nicht Autofahren. Schilder sind beim Gehen nur lesbar, wenn ich stehen bleibe. Bei unerwartet auftretenden lauten Geräuschen kommt es manchmal zu einmaligen Drehern im Kopf – man nennt das Tullio-Phänomen.

Wann haben Sie gemerkt, dass es sich bei Ihren Schwindelanfällen um mehr handelt, als Schwindel, den jeder mal hat?

Es ist etwa zwölf bis 15 Jahre her. Ich konnte nicht mehr geradeaus gehen und habe begonnen, Ärzte zu konsultieren. Der Schwindel wurde mehr und mehr und trat in unterschiedlicher Intensität auf. Koffeingenuss teilweise auch bei sogenannten „koffeinfreien“ Kaffees, Sekt und wenig Schlaf waren und sind immer noch Auslöser.

Welche Befürchtungen oder Ängste hat man, wenn plötzlich solche Schwindelgefühle auftreten?

Das kommt auf die Situation drauf an. Beim normalen Gehen denkt man, hoffentlich merkt keiner die Unsicherheit. Beim Autofahren in engen Baustellenbereichen, empfinde ich ein Engegefühle – ich fahre dann nur rechts. Bei Wacklern – zum Beispiel beim Wandern abseits vom Weg – habe ich manchmal auch die Befürchtung umzufallen. Mir wird dann häufig ein wenig heiß – also eine Art Angstschweiß.

Was haben Sie gegen den Schwindel unternommen?

Ich war bei vielen Ärzten sämtlicher Fachrichtungen und in verschiedenen Kliniken – darunter unter anderem im Deutschen Schwindelzentrum in München. Als Ergebnisse habe ich bekommen: Kopfschwindel wegen gestörtem Gleichgewichtssystem in den Ohren – ohne zu wissen, wo es herkommt. Und es wird vermutetet, dass ein unerkannter leichter Schlaganfall im Kleinhirn – wann auch immer – die Ursache sein könnte.

Was tun Sie, um den Schwindel und die Polyneuropathie im Alltag einigermaßen in den Griff zu bekommen?

Ich gehe seit Jahren regelmäßig zum Zirkeltraining, um die Muskulatur im Beinbereich wegen der Polyneuropathie zu stärken. Ich trainiere auf dem Stepper als Schwindeltraining ohne die Arme. Außerdem Faszienstimulation im Fuß- und Beinbereich. Zuhause hilft es mir, beim Zähneputzen die Augen zu schließen und mich im Kreis zu bewegen. Viel zu Fuß gehen, um den beim Gehen auftretenden Schwindel zur Gewohnheit werden zu lassen und den Körper zu automatischen Gegenbewegungen zu bringen. Ergänzend gezieltes Augentraining.

Sie wollen eine Selbsthilfegruppe in Zusammenarbeit mit KISS und dem Gesundheitsnetzwerk Gesunder Schwalm-Eder plus ins Leben rufen. Warum ist der Austausch wichtig?

Bei Kopfschwindel mit unklarer Genese kann man ja nur vermuten, wo er herkommt. Weiß also auch nicht ausreichend, was man dagegen tun muss oder kann. Und da habe ich die Erfahrung gemacht, dass man durchaus in Gesprächen auch mal Tipps und Hinweise von anderen Leuten bekommt. Und das: ‘Was machen andere’, möchte ich mit dieser Gruppe gezielter erfahren. Und natürlich auch meine Erfahrungen weitergeben. (Barbara Kamisli)

Austausch in der Gruppe soll Betroffenen helfen 

Gegründet werden soll eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Schwindel in Zusammenhang mit Polyneuropathie. Häufig sind die Ursachen nicht klar. Das Ziel ist, über Kopfschwindel und begleitende Polyneuropathie zu reden, heißt es in einer Mitteilung. Gesucht werden Personen, die davon betroffen sind und sich zu dem Thema austauschen möchten. Dazu soll es ein erstes Präsenztreffen geben, das pandemiebedingt nicht vor August/September entweder in Melsungen oder in Homberg in den Räumlichkeiten des Psychosozialen Zentrums stattfinden soll. Die Teilnehmer sollten bis dahin vollständig geimpft sein. Die spätere Kommunikation innerhalb der Gruppe soll über Email-Kontakt erfolgen. Die Gründung der Gruppe findet in Kooperation mit der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen des Schwalm-Eder-Kreises (KISS) statt. Unterstützt und begleitet wird das Vorhaben von Gesunder Schwalm-Eder-Kreis plus. Info: kiss@psz-sen.de oder unter Tel. 0 56 81/93 272 11

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