Schwalm-Eder: Interview zu Coronafolgen

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie beantwortet Fragen zu Coronafolgen für Kinder

Viele Kinder leiden unter den Folgen der Pandemie: Das Tragen der Maske stecken sie laut Experten aber besser weg als viele Erwachsene.
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Viele Kinder leiden unter den Folgen der Pandemie: Das Tragen der Maske stecken sie laut Experten aber besser weg als viele Erwachsene.

Kinder und Jugendliche gelten als Vergessene in der Pandemie. Die Copsy-Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Folgen für ihre psychische Gesundheit untersucht.

Schwalm-Eder – 40 Prozent geben demnach an, unter psychischen Beeinträchtigungen zu leiden. Wir haben mit Dr. Dietmar Eglinsky gesprochen. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie leitet die Vitos Kinder- und Jugendpsychiatrie und ist damit auch zuständig für die Ambulanz und Tagesklinik von Vitos Kurhessen in Wabern.

Wie sehr wirkt sich die Coronapandemie auf Kinder aus?
Corona ist ein bedeutsames Thema bei Kindern. Die gesamte Lebenssituation hat sich in den zurückliegenden Monaten für sie verändert. Allerdings sind sie sich häufig nicht direkt der Auswirkungen bewusst.
Was sind denn Folgen, die der Pandemie zugeschrieben werden können?
Die Kinder zeigen zunehmend unterschiedliche Verhaltensauffälligkeiten – wie Übergewicht wegen Bewegungsmangel, Gereiztheit und Konzentrationsdefizite. Um nur einige zu nennen.
Sind Kinder und Jugendlichen aller Altersklassen gleichermaßen betroffen?
Grundsätzlich ja. Allerdings sind sich jüngere Kinder der Belastung nicht so bewusst. Im Rahmen der pubertären Entwicklung beginnt die Selbstreflexion und seelische Beeinträchtigungen werden als solche wahrgenommen.
Was sind das für Beeinträchtigungen?
Wir sehen bei Kindern und Jugendlichen eine deutliche Zunahme von Angststörungen, depressiven Störungen und Auffälligkeiten im Sozialverhalten.
Zeigen Kinder und Jugendliche dabei unterschiedliche Symptome?
Ja. Angststörungen bei Kindern sind eher diffus und unspezifisch, bei Jugendlichen sieht man dagegen häufig soziale Angst. Hinter Gereiztheit und Bauchschmerzen kann sich eine kindliche Depression verbergen, das erkennt oft nur der erfahrene Facharzt. Bei Jugendlichen werden depressive Symptome dann eher so, wie wir es von den Erwachsenen kennen: Antriebslosigkeit, Traurigkeit, manchmal treten auch Suizidgedanken auf.
Wie sollten Eltern mit diesem Verhalten umgehen?
Erst mal ist nicht an allem die Pandemie Schuld und nicht jedes auffällige Verhalten muss Anlass zur Sorge geben. Wenn ein Kind beispielsweise motzig ist, ist das auch ein Zeichen von Vitalität. Wenn Kinder und Jugendliche dagegen eine starke Antriebsminderung zeigen und zu gar nichts mehr Lust haben, sollte das ein Alarmsignal sein.
Was können besorgte Eltern tun?
Erster Ansprechpartner ist immer der Kinderarzt. Er moderiert das weitere Vorgehen. Wenn körperliche Ursachen vom Kinderarzt ausgeschlossen sind, können sich Eltern an einen Kinder- und Jugendpsychiater oder einen Psychotherapeuten wenden.
Besteht nicht die Gefahr, Kinder damit zu stigmatisieren?
Man muss es den Kindern nicht so direkt sagen. Mit kleineren Kindern geht man eben einfach zu einem Arzt. Man kann auch sagen, das ist so ein cooler Typ, der sich voll gut mit Gehirnen und so was auskennt.
Es gibt aber auch offensichtliche seelische Leiden.
Natürlich, wenn sich ein älteres Kind zum Beispiel einkotet oder sich zurückzieht und isoliert. Auch Eltern leiden sehr unter so einem Verhalten. Auch für sie ist es dann gut und ein wichtiger Schritt, sich an uns zu wenden.
Werden die seelischen Folgen der Pandemie bleiben?
Nein, da sind wir sehr optimistisch. Die kindliche Psyche ist sehr offen, sie kann sich schnell entwickeln und erholen. Sicherlich werden Kinder aus sozialen Brennpunkten wohl länger brauchen, wieder gesund zu werden. Diese Kinder hatten schon immer ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Kinder, die in ihren Familien Zuwendung und Stabilität erfahren, werden durch ihre Neugier bald wieder andere Sachen im Kopf haben, als die Pandemie.
Wie sehr haben Masken den Kindern geschadet?
Ich hatte oftmals den Eindruck, dass die Kinder das Maskentragen unaufgeregter und lockerer nahmen als wir Erwachsenen. Obwohl es die Kinder bislang sehr tapfer machen, sollten wir sie dabei aber nicht überstrapazieren.

Zur Person

Dr. Dietmar Eglinsky leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie von Vitos Kurhessen. Der gebürtige Mainzer studierte Humanmedizin in Frankfurt und Mainz. In einer Klinik bei Hannover machte er seinen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Eglinsky ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kassel.

(Von Damai D. Dewert)

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