„Verschleuderung an Großkonzern“

Amazon-Ansiedlung in Northeim vor dem Aus?

Das Amazon-Verteilzentrum soll auf dem L-förmigen Grundstück in der Bildmitte entstehen. Das Areal ist 5,5 Hektar groß und Teil des 19 Hektar großen Industriegebiets, das die Stadt Northeim erschließen möchte.
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Das Amazon-Verteilzentrum soll auf dem L-förmigen Grundstück in der Bildmitte entstehen. Das Areal ist 5,5 Hektar groß und Teil des 19 Hektar großen Industriegebiets, das die Stadt Northeim erschließen möchte.

Die Ansiedlung eines Amazon-Verteilzentrums im geplanten neuen Northeimer Industriegebiet-West droht zu scheitern.

Northeim – Der städtische Finanzausschuss hat den von der Stadt Northeim mit dem Investor ausgehandelten Kaufvertrag für die städtischen Flächen an der Northeimer Westumgehung mit 5 zu 3 Stimmen abgelehnt.

Da hatte auch eine flammende Rede von Northeims Bürgermeister Simon Hartmann (SPD) nichts genutzt. CDU, Grüne, FDP und die FUL stimmten gegen den städtischen Beschlussvorschlag, die Flächen für 1,32 Millionen Euro (24,25 Euro/Quadratmeter) zu veräußern. Lediglich die drei SPD-Mitglieder stimmten dafür.

Simon Hartmann, Bürgermeister (SPD)

Hartmann hatte dargelegt, dass die von Amazon versprochenen 125 neuen Arbeitsplätze im Verteilzentrum für Northeim wertvoll seien und die Wirtschaftskraft nachhaltig stärken könnten, zumal es im Raum Northeim laut Arbeitsagentur 700 arbeitslose Menschen ohne Berufsabschluss gebe, für die solche Stellen maßgeschneidert wären. Laut einer Prognose des Bundesarbeitsministeriums würden zudem in der Region Göttingen bis 2035 wegen der Digitalisierung 37 000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe wegfallen und im Gegenzug aber nur 11 000 neue geschaffen werden.

Der Verkaufspreis für den Investor „P3“, der für Amazon baut, sei zudem ohne staatliche Förderung berechnet worden, was bedeute, dass Amazon bei der Ansiedlung in Northeim auf Fördergeld verzichte. Zudem sei die Offerte der bislang einzig konkrete Kaufwunsch, den es fürs neue Industriegebiet gebe. Hartmann: „Wenn wir jetzt nicht unterschreiben, flattert uns in den nächsten Tagen die Ablehnung ins Haus.“ Eile sei geboten, da auch der Bebauungsplan bis Ende Januar rechtskräftig sein müsse.

Else Heidelberg, Ratsmitglied (CDU)

Für die CDU begründete Else Heidelberg die Ablehnung des Vertrages. Die Christdemokraten seien nicht generell gegen Amazon, sondern gegen die Ausgestaltung des Vertrages. Es dürfe nicht sein, dass die Stadt das finanzielle Risiko allein trage, falls die vom Investor ebenfalls zu bezahlende Erschließung teurer werde als die geschätzten 52 Euro pro Quadratmeter. So stehe es aber im Vertrag. Hier müsse die Stadt klare Kante zeigen und nachverhandeln. Dem schloss sich auch FUL-Vertreter Burkhard Ernst an.

Hans Harer, Ratsmitglied (Grüne)

Hans Harer von den Grünen sprach davon, dass die von Amazon versprochenen Arbeitsplätze keineswegs nachhaltig seien, sondern schon in wenigen Jahren wegrationalisiert sein dürften. Dann verblieben nur noch von Subunternehmern angestellte Sprinterfahrer.

Eckhard Ilsemann (FDP) sprach von Verschleuderung eines Schokoladen-Grundstücks an einen Großkonzern, der kaum Gewerbesteuern zahlen werde und dessen Arbeitsplätze nur Stellen in anderen Unternehmen wie DHL, UPS oder DPD verdrängen würden. Der wichtigste Grund gegen Amazon sei aber, dass die Stadt die Erschließung des Industriegebiets nicht gefördert bekommen werde, wenn sie die Grundstücke an Großunternehmen abgebe. Das mache die wenig verbleibenden Restgrundstücke mit einem Preis von dann 75 Euro pro Quadratmeter für kleine Betriebe zu teuer. Bürgermeister Hartmann darauf: „Ob gefördert wird oder nicht, wissen wir doch noch gar nicht.“

Eckhard Ilsemann, Ratsmitglied (FDP)

René Leitner und Rainer Giesemann von der SPD schlossen sich der Argumentation der Stadt pro Amazon an. Es gelte dringend, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zudem seien die Erschließungskosten, die der für Amazon bauende Investor an die Stadt zu zahlen habe mit 52 Euro pro Quadratmeter sehr großzügig berechnet. Zudem könne es durchaus sein, dass auch mit der Amazon-Ansiedlung Zuschüsse von Bund und Land für Industriegebiets-Erschließung flössen.

Am Donnerstag soll sich der Verwaltungsausschuss noch einmal mit dem Kaufvertrag befassen. Die Stadtverwaltung will laut Bürgermeister mit derselben Vorlage ohne Nachverhandlungen mit dem Investor in die weitere Beratung gehen. (Von Axel Gödecke)

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