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Apotheken im Kreis Northeim klagen: Viele Medikamente fehlen

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Von: Olaf Weiss, Axel Gödecke

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Fiebersenkende Säfte für Kleinkinder sind kaum zu haben. Der Northeimer Apotheker, Wolfram Schmidt, ist froh, wenn er täglich wenigstens ein paar Fläschchen nachbekommt. Die Nachfrage ist riesig.
Fiebersenkende Säfte für Kleinkinder sind kaum zu haben. Der Northeimer Apotheker, Wolfram Schmidt, ist froh, wenn er täglich wenigstens ein paar Fläschchen nachbekommt. Die Nachfrage ist riesig. © Hubert Jelinek

Northeim – Überall fehlen Medikamente. Auch Apotheken im Landkreis Northeim beklagen Lieferengpässe, insbesondere bei Fiebersäften für Kinder, aber auch bei manchen Antibiotika oder Blutdruckmitteln.

„So etwas habe ich in meiner nunmehr 40-jährigen Tätigkeit als Apotheker noch nie erlebt“, klagt Wolfram Schmidt, Inhaber der Apo-Nom-Gruppe mit drei Apotheken in Northeim. Bei den Fiebersäften mit Ibuprofen oder Paracetamol für Kinder sehe es schlimm aus. „Ich brauche mindestens 100 Flaschen in der Woche, aber es kommt überhaupt nichts nach. Wenn abends mal zwei Flaschen in der Lieferung sind, sind wir schon froh. Unsere Regale sind leer.“

Die Situation sei im vergangenen halben Jahr immer schlimmer geworden. Auch bei Medikamenten für Erwachsene gebe es Probleme, beispielsweise bei bestimmten Antibiotika. Doch hier könne man noch auf Ausweichpräparate ausweichen. Das gelte auch für Blutdrucksenker.

Grund für die Mangellage bei Fiebersäften sei die starke Nachfrage wegen des grassierenden RSV-Virus, aber auch die Tatsache, dass viele Medikamente als Hilfen in die Ukraine gebracht worden seien. Zum anderen gebe es eine Abhängigkeit bei den Grundstoffen aus China und Indien, und die Produktion von Fiebersäften sei für die Firmen wenig lukrativ. In Deutschland ansässig gebe es nur zwei Firmen, die Säfte produzieren. Die kämen nun mit der Produktion nicht nach.

Auch Editha Strüder, Inhaberin der Ratsapotheke in Lindau, klagt über leere Regale bei Fiebersäften für Kinder. Zuletzt seien auch noch die Zäpfchen ausgegangen und auch manche Antibiotika für Kinder seien nicht lieferbar. Auch bei Erwachsenenmedikamenten gebe es Engpässe.

Editha Strüder
Editha Strüder, Apothekerin in Lindau © Hans-J. Oschmann

Strüder: „Etwa bei jedem dritten Kunden sind Arzneimittel nicht lieferbar“. Und: „Das kostet viel Nerven und Zeit, um in Absprache mit Ärzten nach Alternativen zu suchen.“ Schuld sei die Abhängigkeit von Rohstoffen aus Asien, klagt auch sie. Man müsse die Rohstoffproduktion dringend wieder nach Europa verlagern, und es gelte, Notfallreserven anzulegen, fordert sie von der Politik.

Verband: Keine Selbstmedikation

Die Lieferengpässe seien ein bundesweites Problem, betont die Sprecherin des Niedersächsischen Apothekerverbands, Panagiota Fyssa. Angesichts der Infektionslage sei es erforderlich, schnell gesetzgeberische Lösungen zu finden. Die Apotheken wendeten viel Zeit dafür auf, mit behandelnden Ärzten die Versorgung mit Alternativen sicherzustellen. Vor einer Selbstmedikation, insbesondere bei Kindermedikamenten, etwa durch Teilung von Tabletten, werde gewarnt.

Festpreise seit 2010 nicht gestiegen

Das haben wir lange auf uns zukommen sehen“, sagt Birgit Warmuth, Apothekerin der Löwen-Apotheke in Uslar zu den Lieferengpässen. Angesichts der hiesigen Verkaufspreise und einer erhöhten Nachfrage in anderen Ländern blieben für Deutschland nicht genügend Medikamente übrig.

Die Festpreise seien seit 2010 nicht mehr angehoben worden. Dass Deutschland bei Medikamenten ein Hochpreisland sei, stimme nur noch bei wenigen teureren Präparaten wie zum Beispiel Krebsmitteln.

Infolge von Lieferschwierigkeiten bei Generika (Nachahmerprodukten) des Hustensaftes Mucosolvan hat beispielsweise der Hersteller des weiterhin lieferbaren Originalproduktes nach Warmuths Worten den Preis von 3,99 Euro, was auch die Generika kosten, auf den angemessenen Preis 8,49 Euro hochgesetzt.

Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geplante Anhebung des Verkaufspreises einiger Medikamente um das 1,5-Fache reiche nicht aus. Die Preise müssten mindestens verdoppelt werden“, sagte Warmuth.

Gleichzeitig warnte sie die Kunden davor, Medikamente auf Vorrat zu kaufen. „Das Horten ist das Schlimmste, was uns passieren kann“, sagte sie mit Blick auf die allgemeine Versorgung. (Axel Gödecke/Olaf Weiss)

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