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Erfolgreiches Gendern auf hoher See

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Von: Olaf Weiss

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Der Schatz ist gefunden: Alex (Kristin Scheinhütte), Ben Gunn (Johannes Kiesler, links) und Dr. Livesey (Jan Kämmerer) machen sich über das entdeckte Gold her, im Hintergrund John Silver (Stefan Schießleder) und Kapitänin Smollett (Marion Wulf).
Der Schatz ist gefunden: Alex (Kristin Scheinhütte), Ben Gunn (Johannes Kiesler, links) und Dr. Livesey (Jan Kämmerer) machen sich über das entdeckte Gold her, im Hintergrund John Silver (Stefan Schießleder) und Kapitänin Smollett (Marion Wulf). © Hubert Jelinek

Abenteuer zu erleben, ist nicht mehr die alleinige Kompetenz von Jungen und Männern. Mädchen und Frauen können das genauso gut. Den Beweis dafür, dass es dafür nicht immer neue Geschichte braucht, sondern auch bekannte Stoffe gegendert werden können, treten die Gandersheimer Domfestspiele mit ihrem Familienstück „Die Schatzinsel“ an.

Bad Gandersheim – Die Geschichte nach dem berühmten Roman von Robert Louis Stevenson braucht keinen jugendlichen männlichen Helden wie im Original, eine junge Heldin trägt die Handlung mindestens genauso gut. Dass dabei auch wichtige Nebenrollen – nur für die Kenner der Geschichte überraschend – Frauen sind, ist dabei einfach konsequent.

Die Geschichte um die Suche nach dem Schatz des berüchtigten Piratenkapitäns Flint lebt auf der Bühne vor der Stiftskirche maßgeblich von der Spielfreude des gesamten Ensembles, allen voran Kristin Scheinhütte in der Hauptrolle der Alex Hawkins.

Die Roswitharing-Gewinnerin von 2017 (damals als Kleine Hexe und als Luise in Kabale und Liebe bei den Domfestspielen dabei) gibt der jugendlichen Heldin, die in den Besitz der Schatzkarte gelangt ist, eine sehr überzeugende temperamentvolle und unbekümmerte Gestalt.

Die vielschichtige Rolle des verschlagenen, hinterlistigen, aber keineswegs skrupellosen Schiffskochs mit Holzbein, John Silver, der sich als Pirat entpuppt, gibt entsprechend facettenreich Stefan Schießleder. Als auf den Weltmeeren durch viele Stürme gegangene, furchtlose Kapitänin Smollett hat Marion Wulf (auch als Alex’ besorgte Mutter Mary zu sehen) den richtigen Ton, dass ihre Befehle unwidersprochen bleiben.

Ihr Gegenpart ist Dr. Livesey (Jan Kämmerer), der zunächst durch naive Sorglosigkeit und Redseligkeit auffällt, dann aber ins Abenteuer hineinwächst und zur buchstäblichen Stütze der verletzten Kapitänin wird.

Mit sparsamen Mitteln gelingt es auf der Bühne, zunächst das Gasthaus „Admiral Benbow“, das durch schwere See steuernde Schiff „Hispaniola“ und schließlich die Schatzinsel entstehen zu lassen.

Dass der einst auf der Schatzinsel von den Piraten zurückgelassene Ben Gunn (Johannes Kiesler, auch als Schiffsoffizier Arrow zu sehen) als Gesprächspartner auf jeder Schulter je einen Papagei an, die beide nach der Hauptfigur des „Fluchs der Karibik“ Jack und Sparrow benannt sind, ist ebenso ein Schmunzler für die erwachsenen Begleiter des jungen Publikums wie Ben Gunns deutliche Aufforderung an Alex: „Hoch die Hände – Wochenende.“

Als eher schlicht gestrickte Piraten Morgan, Hands und Pew sorgen außerdem Tim Müller, Sven Olaf Denkinger und Pauline Schubert für Lacher im Publikum.

Das Premierenpublikum dankte dem Ensemble mit lang anhaltendem Applaus, der sich zu Standing Ovations steigerte. Die Schauspieler und der musikalische Leiter Ferdinand von Seebach antworteten mit einer Zugabe in Form eines der Lieder, die von Seebach zur gelungenen Inszenierung beigetragen hat: „Aye, aye Käpt’n, nur auf See sind wir froh.“ (Olaf Weiss)

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