HNA-Reportage

Verfolgungsjagd und Festnahme: Mit der Polizei auf dem Altstadtfest Bad Gandersheim

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Festgenommen: Ein Minderjähriger hat eine Handkasse mitgehen lassen. Die unmittelbar erfolgte Verfolgungsjagd quer durch die Innenstadt hatte Erfolg. Hier klicken bereits gut eine Minute nach der Tat die Handschellen. Die Polizisten sind beeindruckt von der schnellen Reaktion der Passanten – und umgekehrt.

Bad Gandersheim. Das Altstadtfest ist mit jährlich tausenden Besuchern beliebt. Doch was erlebt die Polizei dabei? HNA-Redakteur Konstantin Mennecke hat sie begleitet.

Schon auf dem Weg zur Polizeidienststelle strömen aus sämtlichen Richtungen die Menschen in die Bad Gandersheimer Innenstadt. Das Altstadtfest ist für viele Menschen aus der Region eine Veranstaltung, bei der man alte Bekannte wiedersieht und dementsprechend beliebt.

20 Uhr: Pünktlich um 20 Uhr klingele ich auf der Wache, die sich direkt am Rande des Altstadtfestes befindet. Ich werde bereits von Polizeihauptkommissar Sebastian Grothey erwartet. Er hat die Einsatzleitung für die Altstadtfest-Nacht. „Wir wollen dafür sorgen, dass es für alle ein schönes Fest wird, greifen aber auch entschieden ein, wenn es zu Problemen kommt“, erklärt Grothey. Ziel der Polizei sei es in dieser Nacht, nicht nur auf der Wache, sondern auch auf dem Altstadtfest präsent zu sein. Damit sei man nicht nur Ansprechpartner, sondern erziele auch einen präventiven Effekt.

20.15 Uhr: Während sich draußen die Innenstadt allmählich füllt, bereiten sich die Polizisten auf eine lange Nacht vor. Ich werde im Aufenthaltsraum von den vielen Kollegen freundlich empfangen. Sie erzählen unter anderem, warum sie Polizist geworden sind oder von den alltäglichen Herausforderungen im Job. Bevor es auf Streife geht, gibt es Bockwurst zur Stärkung – und die wird es in dieser Nacht auch noch brauchen.

Sebastian Grothey im Gespräch mit Heike Bialaschewitz von der Feuerwehr Bad Gandersheim

20.45 Uhr: Der erste Streifengang beginnt zusammen mit Grothey und Henning Scheibe. Der Weg führt zu den anderen Helfern in dieser Nacht: der Feuerwehr Bad Gandersheim um Gruppenführerin Heike Bialschewitz und der Johanniter Unfall-Hilfe. Kontaktdaten werden ausgetauscht, damit die Kommunikation im Notfall reibungslos funktioniert.

21 Uhr: Vor der Stiftskirche steht eine Gruppe Jugendlicher, darunter auch ein unter 16-Jähriger. Der junge Mann hat 0,4 Promille, darf nach Jugendschutzgesetz aber ohne Erziehungsberechtigte noch keinen Alkohol trinken. Er kommt mit auf die Wache und wird von seinen Eltern abgeholt.

Auf Streife: Henning Scheibe (links) und Sebastian Grothey kontrollieren Plätze aber auch Nebenstraßen und dunkle Gassen. Sie stehen dabei über Funk immer in Kontakt mit ihren Kollegen.

21.55 Uhr: Polizisten machen sich mit Fragen manchmal durchaus Freunde. „Dürfen wir mal den Ausweis sehen“, fragen Grothey und Scheibe zwei junge Damen, die in der Moritzstraße an einem Hauseingang sitzen und Alkohol trinken. Lautstark lachen sie los, zeigen gerne ihre Ausweise. Das Ergebnis: Sie dürfen Alkohol trinken und fühlen sich sichtlich geschmeichelt.

22.20 Uhr: Zurück auf der Dienststelle sitzt ein 14-Jähriger mit blutverschmiertem Gesicht. Er wollte auf dem Fest mit einer Freundin sprechen, als er nach eigenen Angaben ohne jegliche Vorwarnung von einem jungen Mann einen Schlag ins Gesicht kassierte. Einfühlsam sprechen die Beamten mit dem Jungen, der keinen Alkohol konsumiert hat, und rufen den Rettungsdienst dazu.

Während es für den Verletzten ins Krankenhaus zum Röntgen geht, beginnt für die Polizisten die Schreib- und Ermittlungsarbeit. Eine Zeugin hat den mutmaßlichen Täter erkannt und auch seinen Wohnort genannt. Diese Daten werden im Computer überprüft und passen zusammen. Der Vorgang wird digital erfasst und für die Mutter des 14-Jährigen ein Dokument zur Strafverfolgung angefertigt, das sie direkt unterschreibt. Hier wird schnell deutlich: Polizeiarbeit ist auch jede Menge Schreibarbeit am Computer.

Auf Streife: Henning Scheibe und Sebastian Grothey kontrollieren Pläze aber auch Nebenstraßen und dunkle Gassen

23.40 Uhr: Wieder auf Streife, diesmal insbesondere durch dunkle Gassen, wird auf ein ganz anderes Problem geachtet: Wildpinkler. Zwei junge Männer tun dies direkt hinter der Polizeidienststelle. Andere pinkeln in Vorgärten oder an Haustüren. Jeder der jungen Männer hat auf die Frage, ob sie das in ihren eigenen Vorgärten auch toll finden würden, zwar eine deutliche Antwort. Warum sie die vielen Toilettencontainer in der Stadt nicht benutzen, können sie aber trotzdem nicht erklären.

0.00 Uhr: Ein schöner Moment: Ein junger Mann und eine junge Frau kommen auf uns zu und danken den Polizisten für ihren Einsatz.

Für viele ein beliebter Treffpunkt: Das Kettenkarussell auf dem Altstadtfest.

0.05 Uhr: Kurz nach dem Dank kommt ein Hilferuf über Funk. Auf dem Domänenhof soll es eine Schlägerei geben. Aus sämtlichen Richtungen setzen sich die Beamten in Bewegung, suchen nach den Personen. Zehn bis 15 sollen es sein, ein Teil davon wird nahe des Martin-Luther-Hauses angetroffen. Es gibt offenbar zwei Opfer, die Täter sollen nach Zeugenaussagen mit einem Auto geflüchtet sein. Personalien werden aufgenommen und ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet.

0.25 Uhr: Während ein Teil der Beamten zurück auf die Wache geht, um die vielen Personalien zu sammeln, geht es für mich weiter auf Streife. Eine Dame kommt vor der Stiftskirche aufgeregt auf uns zugelaufen, versucht, mit wenigen Worten zu erklären, dass ein junger Mann mit einer Handkasse auf der Flucht sei. Dann geht alles ganz schnell.

Zeugen weisen uns den Weg, wir rennen über Stiftsfreiheit und Domänenhof durch die Nacht, verfolgen einen jungen Mann. Ein Passant erkennt die Situation, schubst den Dieb in einen Mülleimer, Müll fliegt in hohem Bogen durch die Luft, ebenso der 16-Jährige. Sekunden später klicken die Handschellen und, wie aus dem Nichts, fährt ein Streifenwagen mit Blaulicht vor. Das war filmreif. Später ist klar: Der Minderjährige hatte sich offenbar in Sekundenschnelle in einem Verkaufsstand über den Tresen gebeugt, die Kasse geschnappt und die Flucht ergriffen.

1 Uhr: Der junge Mann, der vorläufig festgenommen wurde, beginnt in der Dienststelle zu randalieren. Es besteht die Gefahr, dass er sich selbst verletzt, weshalb er mit Handschellen und Fußfesseln fixiert werden muss. Die Beamten beleidigt er unter anderem als „Hurensöhne“ und spuckt sie an. Beeindrucken tut das die Polizisten nicht. Da er minderjährig ist, wird unter anderem das Jugendamt eingeschaltet.

Musik am Rathaus: Viele Bands spielten beim Altstadtfest. Ein Anwohner beschwerte sich über die Lautstärke.

2 Uhr: Die meisten Besucher des Altstadtfestes sind gegangen, einige halten sich aber noch hartnäckig in der Stadt. Für die Polizei gibt es aber keinen weiteren Einsatz. Viel zu tun gibt es dennoch: Unter anderem wegen des vorläufig Festgenommenen und erneut mit viel Papierkram.

4 Uhr: Feierabend für die Polizisten, die aus vielen anderen Dienststellen in die Kurstadt gekommen waren. Auch für mich endet die Nacht bei der Polizei.

Gemessen an der Zahl der Besucher waren es nicht viele Vorfälle – spektakulär waren sie aber allemal.

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