Erinnerung an 1989

Nach Mauerfall: Northeimer Thorsten Rüter verteilte Begrüßungstüten an Ostdeutsche

Die Grenzöffnung 1989: Am 12. November kam am Northeimer Bahnhof der erste Zug aus der ehemaligen DDR (Nordhausen) an. Die Markierung zeigt den damals 19-jährigen Thorsten Rüter, der bei der Verteilung von Begrüßungstüten half. Foto:  privat/Archiv

Northeim. Es ist November 1989, wenige Tage nach dem Mauerfall. Am Northeimer Bahnhof werden zwei Züge mit Menschen aus dem Osten erwartet.

Mittendrin der Northeimer Thorsten Rüter. Der damals 19-Jährige war Auszubildender beim Löb-Lebensmittelmarkt und für die Verteilung von Willkommenstüten mitverantwortlich.

„Ich wusste damals gar nicht genau, wie mir geschieht“, sagt Rüter. Am Vormittag kam sein Chef zu ihm und suchte Freiwillige, die am Bahnhof Begrüßungsgeschenke verteilen. Wenig später stand der Auszubildende auf dem Anhänger eines Lastwagens und blickte auf hunderte von Menschen herab, die gerade mit dem Zug aus Nordhausen gekommen waren.

„Das Gefühl von damals werde ich nicht vergessen. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke oder die Geschichte erzähle.“ Rüter war zusammen mit seinem damaligen Kollegen Ulrich Weber für die Verteilung der Tüten verantwortlich.

„Das war vielleicht ein Akt. Wir sollten in die Tüten kleine Zettel legen, auf denen die Stellen markiert waren, wo man sich das Begrüßungsgeld abholen konnte. Aber es war so kalt, dass wir unsere Finger bald nicht mehr spüren konnten.“ Damit das Ganze etwas schneller ging, hat er dann zu seinem Kollegen gesagt „Ulli, gib Gas“, woraufhin die Menschenmenge ihn ebenfalls anfeuerte. „Das war schon toll, als die Leute anfingen ,Ulli, Ulli, Ulli’ zu rufen.“

ThorstenRüter

Die Aktion war Rüters erster Kontakt mit dem Osten. „Ich war selbst als Kind niemals dort und hatte auch keine Verwandten im Osten.“ Umso größer waren die Unterschiede, die ihm an diesem kalten Novembertag auffielen. „Der Dialekt war mir total fremd und auch die Klamotten waren ganz anders, als bei uns im Westen. Das hat mich schon überrascht. Aber die Menschen waren alle total nett.“

Besonders positiv in Erinnerung geblieben ist der heutigen Fachkraft für Arbeitssicherheit das Verhalten der Kinder aus dem Osten. „Die standen ganz vorne am Lastwagen und wurden von hinten gegen den Lkw gedrückt. Aber sie haben nicht geweint. Die haben sich einfach gefreut, hier zu sein und die Tüten zu bekommen.“

In den Tüten befanden sich Apfelsinen, Mandarinen, Joghurt, Chips, Schokolade und die obligatorische Banane. „Als sich der Inhalt herumgesprochen hatte, wurde der Ansturm noch größer.“ Knapp 500 Menschen seien mit den zwei Zügen von Nordhausen nach Northeim gekommen.

Als die Aktion zu Ende war, ging es für Rüter zurück an die normale Arbeit - doch in diesen Tagen war nichts normal. „Die Leute standen bei uns im Löb-Markt in der Obstabteilung und wussten nicht, was sie da vor sich hatten“, erzählt Rüter. „Da wurde gefragt, wie man eine Ananas isst oder ob die Sternfrucht wirklich ein Obst ist“. Rüter dachte damals, es wäre ein Klischee, dass die Menschen im Osten nichts hätten, aber diese Erfahrung öffnete ihm die Augen.

Von Benjamin Kling

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