Klaus-Peter Lorenz entdeckt Briefe einer jüdischen Familie aus Bodenfelde

+
Überraschender Fund: Heimatforscher Detlev Herbst (links) und Dr. Klaus-Peter Lorenz mit Briefen und Postkarten der jüdischen Familie Freudenthal, die zwischen 1880 und 1886 nach Bodenfelde geschickt wurden.

Bodenfelde. Viele Jahrzehnte lagen Briefe und Papiere der jüdischen Familie Freudenthal in einem Bodenfelder Keller, bis sie Dr. Klaus-Peter Lorenz jetzt in Baunatal gefunden hat.

Die – wie er sagt – „berührende Botschaft aus der Kiste“ brachte der gebürtige Bodenfelder zu Heimatforscher Detlev Herbst nach Volpriehausen.

Auf dem Tisch ausgebreitet begutachtet Herbst, der sich seit langem mit der jüdischen Geschichte in der Region befasst, die ausgeblichene Korrespondenz. Noch gut zu entziffern ist ein Brief vom 8. September 1886 an die „geliebte Schwester und Schwager“ mit Glückwünschen zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest. Adressiert sind Postkarten und Briefe, die teilweise nur noch aus Puzzlestücken bestehen, weil das Papier auseinanderbröselt, an Meyer Freudenthal, einige auch an Abraham Meyer Freudenthal.

Herbst: Besonderer Fund

Für Heimatforscher Herbst ist der Fund etwas sehr Besonderes. „Ich habe viel Archivmaterial gesichtet, aber fast nie so persönliche und intime Schreiben, wie ich sie jetzt bekommen habe.“ Das liege daran, dass die Familien auf der Flucht vor Nazi-Deutschland oft viel zurücklassen mussten.

Haus in Bodenfelde

Albert Freudenthal emigrierte 1937/38 nach Israel. Bodenfelde, wo die Familie wie in Uslar mit Bekleidung und Stoffen handelte, hatte er schon 1935 verlassen. Das erste Haus der Familie in Bodenfelde kaufte Vorfahr Benjamin Freudenthal im Jahr 1820 und verkaufte es 1830 an die Vorfahren der Familie Wiechers.

Das Gartengrundstück ging allerdings an die jüdische Gemeinde. Dort stand auch die Synagoge. In Räumen der Synagoge könnte die Familie Freudenthal auch private Schriftstücke aus der Zeit von 1880 bis 1886 aufbewahrt haben, vermutet Herbst.

An diesem Punkt kreuzen sich die Geschichten der Freudenthals und der Familie von Klaus-Peter Lorenz. Dessen Großvater Fritz Bettermann, mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben, war 1950 nach Bodenfelde gekommen. Ende der 1950er Jahre wohnte Enkel Klaus-Peter mit seinen Eltern zur Miete bei Familie Wiechers am Mühlengraben – in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen jüdischen Gebetshaus. 1961 zog die Familie ins eigene Siedlungshäuschen, und Großvater Fritz richtete sich eine Kellerwerkstatt ein.

Alles lag in einer Schachtel

Beim Auflösen des Haushaltes stieß Klaus-Peter Lorenz mit seiner Tochter Mareike in besagtem Keller auf Kisten und Kästen mit allerlei Werkzeug. In einer Blechschachtel entdeckten die beiden Papiere und legten sie erst einmal zur Seite. Als Lorenz das unscheinbare Häuflein jüngst wieder in die Hand nahm, entpuppte es sich als Korrespondenz der Familie Freudenthal.

Der Fund ging ihm nahe. „Offensichtlich steckt doch ein beharrlicher Eigen-Sinn des Überdauerns in diesem lebensgeschichtlichen Material“, meint er.

Einblicke ins Leben

Bei Heimatforscher Herbst ist die Freude groß. „Die Schreiben bieten interessante Einblicke in das Leben jüdischer Familien vor über 100 Jahren.“ Herbst will die Papiere nun sichten und auswerten. Dann möchte er sie an Nachfahren jüdischer Familien in der Region weiterleiten.

Durch seine historische Arbeit unterhält Herbst Kontakte zu Nachkommen deutsch-jüdischer Familien überall in der Welt. Das galt lange sogar für die beiden Söhnen des nach Israel emigrierten Albert Freudenthal. Doch beide sind verstorben. Darum kann die Familienpost nicht an sie persönlich gehen. (shx)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.