Sensation: Europaweit älteste Glashütte aus dem 9. Jahrhundert bei Bodenfelde

Grabungsstelle am Kreickgrund: Prof. Hans-Georg Stephan (2. von rechts) stellte Interessierten die freigelegten Funde von Europas ältesten Glashütte aus dem 9. Jahrhundert vor. Mit dem kleinen Bild zeigt er, wie ein solcher Ofen ausgesehen haben könnte. Fotos: Dumnitz

Bodenfelde. Im idyllischen Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier wurden an einem kleinen Bachlauf drei Öfen einer mittelalterlichen Waldglashütte entdeckt und archäologisch freigelegt.

Die wissenschaftliche Auswertung der Fundstücke hat jetzt zweifelsfrei ergeben, dass es sich dabei um die älteste europaweit nachgewiesene Waldglashütte handelt. 

Laut Bodenfeldes Bürgermeister Mirko von Pietrowski und Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (Halle/Göttingen) stellt dies technik- und kulturgeschichtlich eine Sensation dar. Die karolingerzeitliche Produktionsstätte für Glas sei damit einzigartig in Deutschland und Europa.

Zum Grabungsschluss präsentierte Projektleiter Prof. Stephan (Universität Halle-Wittenberg) mit seinem Forscherteam Prof. Dr. Alexandra Jeberien (HTW Berlin), Prof. Dr. Rainer Drewello (Universität Bamberg) und dem archäologischen Grabungsleiter Radoslaw Myszka das freigelegte Areal. Vermutlich steht die Glashütte in Zusammenhang mit Königsgut und der Saline in Bodenfelde, die Kaiser Ludwig der Fromme 833 an das Reichskloster Corvey bei Höxter schenkte. Wahrscheinlich stellte man laut Stephan an der Stelle auch Glas für Fenster und Bauschmuck in der Aufbauphase der Abtei her. Bearbeitet worden sei es aber wohl nicht im Kreickgrund.

Glas für Eliten im Land

Der Glasofen stand strategisch an einer guten Stelle. Für das Erhitzen auf Temperaturen bis 1200 Grad Celsius sei trockenes Buchenholz am besten geeignet, sagte Stephan. Durch den Fund stehe fest, dass die regionale Glaserzeugung für die mittelalterlichen Eliten in Norddeutschland 300 Jahre älter ist als bisher angenommen.

Durch die Grabung und die Vielzahl der Funde wurde die Produktionskette der Schmelze für Holzascheglase nachgewiesen. Die Fundestücke (Glashäfen, grüne und blaue Tropfen, verglaster Sandstein und Tonscherben) werden im Heimatmuseum des Fleckens gesichtet und der wissenschaftlichen Auswertung zugeführt.

Bereits im frühen Mittelalter spielte der Grenzraum der heutigen Bundesländer Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zeitweise eine zentrale Rolle in Politik und Kulturtransfer. Das Weser- und Werra-Bergland gilt als Region mit den meisten durch Geländeerkundungen bekannten mittelalterlichen Glashütten in Europa.

Prof. Stephan lobte die fächerübergreifende Kooperation von der Grabung über die modellhafte Bergung bis hin zur wissenschaftlichen Auswertung mit Fachleuten und Restaurierungswissenschaftlern. Die Grabungsstelle wird jetzt wieder verfüllt.

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