Smileys fürs Kontaktgift

Landkreis Northeim: Insektizid-Einsatz im Wasserschutzgebiet

Wasserschutzgebiet: Der Höhenzug „Alte Schmacht“ ist als „Weitere Schutzzone“ für die Schäferbornquelle ausgewiesen.

Drei Wochen nach dem Brand einer Forstmaschine im Solling muss die Untere Wasserschutzbehörde des Landkreises Northeim erneut im Wasserschutzgebiet für die Schäferbornquelle bei Nienover aktiv werden.

Die Niedersächsischen Landesforsten lassen innerhalb der „III B - Weitere Schutzzone“ das umstrittene Insektizid „Karate Forst flüssig“ auf in Poltern gelagerten Fichtenbaumstämmen sprühen. Das Areal liegt zudem im Naturpark Solling-Vogler.

Das Insektizid „Karate Forst flüssig“ (auch: Attack Forst) wirkt laut Einschätzung der Umweltschutzorganisation BUND unspezifisch und schädige deshalb insgesamt das Ökosystem Wald. Durch das Kontaktgift werden nicht nur Borkenkäferlarven vernichtet, heißt es, sondern alle Insekten, die mit dem Mittel in Berührung kommen. So könne es durch Nahrungsaufnahme auch Fledermäuse und Vögel schädigen.

Auf die Frage, ob von dem toxischen Kontaktgift gesundheitliche Gefahren ausgehen, schreibt der Landkreis Northeim auf HNA-Anfrage, dass man sich in der Angelegenheit mit dem Forstamt Neuhaus abgestimmt habe. „Das eingesetzte Insektizid ist vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) für den Einsatz im Wald zur Borkenkäferbekämpfung zugelassen. Nach der Zulassung des BLV gehen von dem Insektizid bei Beachtung der Anwendungsvorschriften keine gesundheitlichen Gefahren für den Menschen aus“.

Weiter heißt es vom Fachbereich Regionalplanung und Umweltschutz des Kreises Northeim (Untere Wasserbehörde): „Nach telefonischer Auskunft der Gift-Notrufzentrale der Uni Göttingen sieht diese ebenfalls keine Gefahr einer akuten Vergiftung von Waldbesuchern durch die mit dem Insektizid behandelte Poltern“.

Der Einsatz von Karate Forst im Schutzgebiet ist laut Kreissprecher Dirk Niemeyer aufgrund des starken Borkenkäfer-Befalls erforderlich. „Erfolge keine Bekämpfung, würden noch mehr Bäume geschädigt und absterben. Infolge der dadurch entstehenden Kahlflächen wäre sogar eine negative Beeinträchtigung des Grundwassers zu befürchten“, heißt es weiter.

Laut der gültigen Landkreis-Verordnung von September 2002 gilt der gesamte Höhenzug „Alte Schmacht“ (in dem das mit „Karate Forst“ gespritzte Holz lagert) als „III B Weitere Schutzzone“ für die Schäferbornquelle. In der Schutzzone im Wassereinzugsbereich der Schäferbornquelle sind unter anderem das Einleiten und Versickern von Wasser gefährdenden Stoffen verboten. Bei Verstößen drohen Strafen bis zu 50 000 Euro.

In der aktuellen Stellungnahme des Landkreises heißt es: „Der Einsatz des Insektizides innerhalb des Schutzgebietes war bis jetzt nicht mit der Unteren Wasserbehörde des Landkreises abgestimmt, brauchte von dieser aber auch nicht genehmigt werden. Im Wasserschutzgebiet Schäferbornquelle ist nach der gültigen Verordnung ein Einsatz von Insektiziden möglich.“

Das eingesetzte Insektizid gehört laut Niemeyer nicht zu den Stoffen, die in Wasserschutzgebieten nicht ohne Weiteres eingesetzt werden dürfen und ist „somit in Wasserschutzgebieten nicht verboten“. Das Forstamt Neuhaus habe dem Kreis mitgeteilt, dass eine Insektizidbehandlung nur in den Schutzzonen III A und B erfolgt, „aus Gründen des Trinkwasserschutzes“ jedoch nicht in der Schutzzone II“.

Wälder, die mit dem Kontaktgift „Karat Forst flüssig“ besprüht wurden, dürfen laut Datenblatt danach 48 Stunden lang nicht betreten werden. Warnschilder an Waldzugängen sollten Waldnutzer auf die Gefahren hinweisen. Geraten wird zudem, in der Umgebung des mit dem Insektizid behandelten Holzes keine Pilze, Beeren oder Kräuter zu sammeln. Im Solling haben die Niedersächsischen Landesforsten hingegen auf Hinweise verzichtet.

Die mit dem Kontaktgift besprühten Fichtenstämme sind mit blauen oder auch gelben Smileys (lächelnde Gesichter) sowie einer Zahlenkombination für den Tag und die Art der „Behandlung“ versehen. Dirk Niemeyer schreibt zur fehlenden Kennzeichnung: „Dieses ist keine Sache des Wasserrechtes, sondern dürfte unter das Pflanzenschutzrecht fallen und damit der Zuständigkeit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (Pflanzenschutzamt) unterliegen“.

Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ist laut Gesetz Sache des Waldbesitzers. Er trägt die Verantwortung für den sach- und fachgerechten Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Mit der Forst habe der Kreis vereinbart, dass „ab jetzt auch jeder Einsatz von Insektiziden in Wasserschutzgebieten, in denen ausdrücklich keine Genehmigungspflicht hierfür besteht, mit Lageplan und Datum der Anwendung zumindest bei der Unteren Wasserbehörde des Landkreises Northeim angezeigt werden soll“.

Schäferborn versorgt Bodenfelde

Über die vom Wasser- und Abwasserzweckverband (WAZ) Solling betriebenen Schäferbornquelle bei Nienover werden rund 2500 Personen im Flecken Bodenfelde mit Trinkwasser versorgt. Außerdem ist das Wasser Notversorgung für Wahmbeck und Lippoldsberg.

Das sagt...der WAZ Solling:

„Trinkwasser ist unser Lebensmittel Nummer 1“, sagt WAZ-Geschäftsführer Joachim Hawranke. „Wir können uns glücklich schätzen, dass über die vorhandenen Brunnen- und Quellenanlagen ein hochwertiges Trinkwasser über den Naturhaushalt geliefert wird. Deshalb ist es aus unserer Sicht überaus wichtig, dass diese Tatsache auch beim Einsatz von Insektiziden und Pflanzenschutzmitteln absolute Berücksichtigung finden muss. Wir können nicht beurteilen, ob es aus forstwirtschaftlicher Sicht zwingend erforderlich ist, den Borkenkäferbefall mit einem Insektizid zu behandeln. Wird dies aus forstwirtschaftlicher Sicht für unumgänglich angesehen, so müssten jedoch die spezifischen Anwendungsbestimmungen beachtet werden. Für einen dauerhaften Schutz des Trinkwassers ist es wichtig, die mit einem Insektizid zu behandelnden Holzlagerflächen außerhalb von Wasserschutzgebieten und im ausreichenden Abstand zu Oberflächengewässern anzulegen. Letztendlich kann bei der Verwendung von Insektiziden nicht in Gänze ausgeschlossen werden, dass durch biochemische Stoffwechselvorgänge Metabolite entstehen, die ins Trinkwasser gelangen könnten. Der Schutz des Trinkwassers sollte immer im Vordergrund stehen.“

Das sagt...die Landesforst: 

Als Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten sagt Michael Rudolph (Clausthal-Zellerfeld), dass Karat Forst flüssig gut an Holz haftet und nicht direkt neben offenen Wasserflächen eingesetzt wird. Für Menschen und Bienen sei es nicht giftig. Das hätten Untersuchungen ergeben. Die Landesforsten setzten das Mittel so ein, wie es laut Zulassung genehmigt sei. Warnhinweise und Kennzeichnungen findet Rudolph nicht sinnvoll, weil das bei den Waldbesuchern „zu großer Verunsicherung führen würde. Ich finde es unverhältnismäßig, wenn wir die Polter etwa mit einem Totenkopf versehen“, so Rudolph.

Das sagt...der Hersteller

Der in Karate Forst flüssig enthaltene Wirkstoff Lambda-Cyhalothrin gehört laut Produktinformation des Herstellers zu den synthetischen Pyrethroiden. Das Mittel sei außerordentlich gut wirksam gegen beißende und saugende Insekten, weshalb nur geringe Mengen erforderlich seien. Der Wirkstoff sei im Sonnenlicht stabil und besitze eine „bemerkenswerte Dauerwirkung“. Karate Forst flüssig ist gesundheitsschädlich bei Verschlucken, kann beim Einatmen Allergie, asthmaartige Symptome oder Atembeschwerden sowie Hautreaktionen verursachen. Es ist laut Datenblatt der Syngenta Agro GmbH (Maintal) sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung, umweltgefährdend und nicht leicht abbaubar.

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