Die Stimmen der Sänger leiden

Chorleiter André Wenauer über die Chöre während der Pandemie

Chorleiter André Wenauer 2019 in der St. Pankratiuskirche in Hattorf am Harz.
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André Wenauer sehnt sich das gemeinsame Singen zurück. Das Bild zeigt den Chorleiter 2019 in der St. Pankratiuskirche in Hattorf am Harz.

Vom Chorsterben war schon vor Corona die Rede, doch die Krise fordert die Choristen stärker denn je. Chorleiter André Wenauer spricht im Interview über Perspektiven, dem Beruf im Wandel und seinen Workshop an der Kreisvolkshochschule Northeim.

Northeim – André Wenauer (45) ist Chorleiter, Instrumentallehrer und Arrangeur von Vokalmusik. Er leitet sechs Chöre, fünf im Altkreis Osterode und das überregionale Ensemble „Das Xperiment“. Wenauer hat sich dabei auf die Richtung Jazz-Pop spezialisiert, für die Instrumente Gitarre, Klavier und Schlagzeug gibt er Einzelunterricht. Er lebt aktuell in Hattorf am Harz.

Herr Wenauer, wie überlebt man denn in Zeiten von Corona als freiberuflicher Künstler?

Verglichen mit anderen Kollegen hat es mich nicht so schlimm erwischt, da ich einen Teil meiner Chöre online weiter betreuen kann. Und auch meine Instrumentalschüler kann ich weiter unterrichten.

Was weggebrochen ist, sind die Trainings und Workshops, die ich gebe. Die finden seit März vergangenen Jahres so gut wie gar nicht mehr statt, da sind die Workshops an der KVHS Northeim die einzigen Aufträge momentan.

Ich bin aber weiterhin dabei, neue Möglichkeiten zu suchen, um allen Gruppen eine Alternative zu den derzeit nicht durchführbaren Proben zu bieten.

Ihr Arbeitsalltag besteht in Zeiten von Corona bestimmt nicht mehr ausschließlich nur aus der Musik.

Nein, mein Berufsbild als Chorleiter hat sich mit dem vergangenen Jahr stark verändert. Jemand meinte mal scherzhaft zu mir, dass ich nun mehr Mediengestalter bin. Ohne dass ich behaupten kann zu wissen, was ein Mediengestalter genau macht, fühlt es sich ein wenig so an (lacht).

Der Weg entfernt sich auf jeden Fall weg vom Machen und dem gemeinsamen Erleben von Musik zusammen mit vielen anderen Menschen am selben Ort. Was sehr schade ist. Auf der anderen Seite entstehen nun andere Möglichkeiten, die man vor einem Jahr nicht in Betracht gezogen hätte.

Spielen Sie damit auf die Virtual Vocal Pop Kurse an der KVHS Northeim an, für die Sie abschließend die Aufnahmen aller Teilnehmer in Ton und Bild zusammenfügen?

Ja auch. Ich habe mich im vergangenen Jahr mit komplexen Programmen zur Audio- und Videobearbeitung vertraut gemacht. Ich hätte niemals gedacht, damit mal klar zu kommen. Und ich kratze da auch immer noch nur an der Oberfläche.

Es ist dennoch immer ein toller Moment, wenn ich alle einzelnen Aufnahmen der Teilnehmer übereinanderlege und ihnen dann vorspiele. Das mache ich vor dem letzten Termin, quasi als „Generalprobe“. Es ist für alle, auch für mich, dann immer etwas ganz Besonderes.

Außerdem nehme ich den Chören, die ich weiterhin betreue, beispielsweise Videos zum Einsingen auf. Da versuche ich, auch kreativ zu sein und immer was Neues auszuprobieren.

Für die dritte Auflage des Kurses an der KVHS steht der Song „Du hast ´n Freund in mir“ von Klaus Lage aus dem Film Toy Story auf dem Programm. Wie kamen Sie auf diesen Song?

Die Idee stammt tatsächlich von einer Freundin von mir. Sie meinte, dass die positive Botschaft des Songs gut in diese Zeiten passen würde. Für den Kurs habe ich den Song etwas umarrangiert.

Aber wie es dann final klingen wird, und ob es gut klingen wird, weiß ich jetzt auch noch nicht. Das macht die Sache auch für mich sehr aufregend.

Stichwort aufregend: Wie war es für Sie, als im vergangenen Sommer die Lockerungen eingesetzt haben und Sie mit den Chören wieder live im Freien proben durften?

Die Menschen wieder miteinander singen zu hören, hat mich wirklich sehr berührt. Nach vielen Monaten, in denen ich immer nur die einzelnen Stimmen gehört habe, war das einfach schön.

Wie laufen denn aktuell die Chor-Proben online ab?

Wir nutzen die Plattform Zoom für die Treffen. Wegen der Zeitverzögerung bei der Übertragung können wir leider nicht zusammen singen. Das wäre ein großes Durcheinander.

Deshalb schalten sich alle Teilnehmer stumm. Ich gebe dann eine Schritt-für-Schritt-Anleitung und singe die einzelnen Stimmen vor, die dann zuhause jeder für sich nachsingt. Ich bin dabei auf die Teilnehmer angewiesen, sich zu melden und mir zu sagen, wenn sie etwas nicht verstanden haben.

Für mich liegt eine neue Herausforderung darin, eventuelle Stolpersteine in der Probe schon vorher zu identifizieren. So kann ich es den Choristen hoffentlich so angenehm wie möglich gestalten.

Welche Probleme sehen Sie bei den Online-Proben?

Also erst mal ist die Online-Lösung nicht für jeden Chor eine Option. Man kann das technische Verständnis nicht von allen Mitgliedern voraussetzen. Ich habe da auch von ein paar Chören gehört, die den Lockdown leider als Anlass genommen haben, um aufzuhören.

Dann kommt noch hinzu, dass die Stimmen der Choristen unter der mangelnden Praxis leiden. Und man singt zuhause vor dem Bildschirm ganz anders, als wenn man bei einem vollständigen Chor gegen die anderen Sänger ansingt.

Natürlich sind die Proben mit allen Sängerinnen und Sängern im selben Raum, möglichst nah beieinander und ohne störende Geräusche von außen, die idealste Lösung. Aber das geht nun mal aktuell nicht.

Was empfehlen Sie den Chören, um durch die Krise zu kommen?

Wichtig ist vor allem, dass die Vorstände der Chöre weiterhin das Gefühl des Mitgliedseins bei den Choristen beschwören. Und dann kann ich nur empfehlen, so viel es geht zu singen. Gerne auch mit oder gegen das Radio. Und dann die bereits erwähnten Einsingvideos, davon gibt es sehr viele auf Youtube. Die helfen sehr, um die Stimme fit zu halten.

Außerdem habe ich vor Kurzem eine neue Software ausprobiert, mit der man verzögerungsfrei online proben kann, Jamulus heißt sie. Dort wird kein Video, sondern nur Ton übertragen. Ich teste es aktuell mit einem meiner Chöre aus und hoffe sehr, dass sich mit etwas Übung durch Jamulus wieder stärker das Gefühl einstellt, dass man als ein Chor gemeinsam singt.

Kommen bei diesen neuen Herausforderungen noch dazu, privat Musik zu hören?

Tatsächlich komme ich sehr selten dazu, mich in Ruhe dem Musikhören zu widmen. Der Stapel ist schon peinlich hoch – es gibt mittlerweile vieles, was ich mir schon die ganze Zeit mal anhören wollte. Das ist natürlich in bisschen das Schicksal, wenn man sein Hobby zum Beruf macht.

Dennoch bin ich rückblickend sehr glücklich damit, lieber einen Beruf auszuüben, der mich erfüllt und den ich mit Herz mache, anstatt nur auf das reine Geldverdienen zu schauen. Die Dankbarkeit der Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, bestätigt mir das immer wieder.

(William Abu El-Qumssan)

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