Erfahrungsbericht

Das Feindbild heißt Pflicht: Spaziergang mit Impfgegnern durch Northeim

Der Zug der Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen zog durch die Northeimer Innenstadt. Hier sind sie am Münsterplatz zu sehen.
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Der Zug der Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen zog durch die Northeimer Innenstadt. Hier sind sie am Münsterplatz zu sehen.

Wir sind beim sogenannten Spaziergang von Gegnern der Corona-Maßnahmen mitgegangen und nur einfach den Gesperächen gelauscht.

Northeim – Montagabend, 17.45 Uhr: Vor der Alten Wache stehen etwa 20 Menschen in kleinen Grüppchen zusammen. Sollen das etwa alle Teilnehmer des im sozialen Netzwerk Telegram angekündigten Spaziergangs sein? Vor einer Woche waren es doch angeblich 80 Personen. Doch je näher der Zeiger der Uhr der Alten Wache sich der vollen Stunde nähert, umso mehr füllt sich der Platz. Vor allem aus dem unbeleuchteten Bereich zwischen Alter Wache und Café „Mein Lieblingsplatz“ kommen Menschen.

Ihre Herkunft bleibt unklar. Einziges bekanntes Gesicht ist der AfD-Kreisvorsitzende Maik Schmitz. Bei einigen wenigen ist ein thüringischer Dialekt zu hören.

Punkt 18 Uhr setzen sich die ersten zögerlich in Bewegung. Dann kommt etwas mehr Tempo in die Menge. Als Polizei-Einsatzleiter Dirk Lange den Menschen sagt, dass ihr geplanter Spaziergang als Versammlung gewertet werde, und fragt, wer denn als Versammlungsleiter fungiere, treibt das die Protestierer an: Der „Spaziergang“ beginnt. „Das habe ich jetzt nicht gehört“, sagt ein Endvierziger im Weggehen, als Polizist Lange auf die Maskenpflicht hinweist. Eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt der „Spaziergänger“ nicht.

Damit ist er unter den laut Polizei 120 Teilnehmern, die über die Rathausgasse Richtung Entenmarkt gehen, eine Ausnahme. Die allermeisten tragen FFP2-Masken, auch wenn diese einigen Spaziergängern, wenn kein Polizist zu sehen ist, hinunter aufs Kinn rutscht.

Am Entenmarkt gibt es eine kleine Gegenkundgebung von 14 Personen, die vor allem verhindern wollen, dass das Denkmal für die ehemaligen jüdischen Mitbürger wie vor einer Woche Ziel der Spaziergänger wird. Sie gehören zum Aktionsbündnis, das der Kirchenkreis Leine-Solling, Stadt und Landkreis Northeim sowie das Bündnis gegen Rechtsextremismus gebildet hat.

„Spaziergang“ gegen die Coronaschutzmaßnahmen: 120 Demonstranten zogen Montagabend durch die Northeimer Innenstadt. Einige von Ihnen hatten Wind- und Grablichter dabei.

Die vergleichsweise kleine Zahl von Gegendemonstranten wird von den Spaziergängern registriert. Sie fühlen sich bestärkt, für eine schweigende Mehrheit zu sprechen, und äußern sich abfällig über die Gegendemonstranten. Auch dass die Gruppe zum Teil aus bekannten Gesichtern wie Bürgermeister Simon Hartmann, seinem Allgemeinen Vertreter Jörg Dodenhöft und dem Superintendenten-Ehepaar Stephanie und Jan von Lingen besteht, ist für sie ein Indiz für eine „von oben“ gesteuerten Aktion.

Inzwischen ist der Zug der sich leise nicht nur über Corona miteinander unterhaltenden „Spaziergänger“ über Häuserstraße, Breite Straße und Münsterplatz an der Medenheimer Straße angekommen. Unterwegs haben Polizisten einige Teilnehmer nachdrücklich an die Maskenpflicht erinnert. Ein Mann in blauer Steppjacke zeigt sein Attest, dass er keine Masken tragen muss. Ein Teilnehmer um die 60 hat seine Maske offenbar mit Löchern versehen und freut sich diebisch, dass das keiner der Ordnungshüter merkt. „Die verarschen uns doch – also verarschen wir die auch“, rechtfertigt er das. Die Leute um ihn murmeln Zustimmung.

Der Hauptgrund, weshalb die meisten an der Aktion teilnehmen, ist aber offensichtlich die drohende Einführung einer Impfpflicht gegen Covid-19. „Wer sich impfen lassen will, soll das tun. Aber wir wollen auch die Wahl haben, uns nicht impfen zu lassen“, sagt eine Teilnehmerin und erhält  beifälliges Gemurmel.

Eine Endsechzigerin versteht nicht, wieso die Presse die Impfung nicht viel kritischer hinterfrage. Früher habe doch „Der Spiegel“ vieles aufgedeckt, aber auch der sei zahm geworden gegenüber der Regierung. Angesichts von notwendigen drei Impfungen innerhalb eines Jahres und der bereits diskutierten vierten Impfung sind die Vakzine für sie keine Impfstoffe, sondern einfach nur Medikamente. „Dass auch die Ärzte nichts machen“ wundert sich ein anderer Teilnehmer, der Stimme nach deutlich jenseits der 40. Auf die Idee, ihre eigene Positionen infrage zu stellen, kommt aber keiner von ihnen.

Stattdessen ein bisschen Verschwörungstheorie: „Was wäre eigentlich, wenn wir die Spaziergänge als Demonstrationen anmelden würden?“, sinniert ein Teilnehmer. Verboten würde der Protestzug doch wohl nicht. Dann müsse ein Versammlungsleiter benannt werden und der würde für alles verantwortlich gemacht, was passiere, rät ein anderer davon ab. Es könne ja nicht ausgeschlossen werden, dass nicht doch mal jemand mitlaufe, der Randale mache. „Ja, die schleusen solche Leute dann ein“, ergänzt eine Frau.

Dass der Versammlungsleiter nur Ansprechpartner für die Polizei sein soll, aber keinesfalls für mögliche Taten Dritter haftbar gemacht wird, hat sich nicht herumgesprochen. Und wer „die“ sein sollen, wird nicht ganz deutlich. Wahrscheinlich richtet sich der krude Verdacht gegen Polizei und Staat.

Nach einer halben Stunde hat der Demonstrationszug, der nur einige brennende Grab- und Windlichter, aber keinerlei Transparente mit sich führt, wieder die Alte Wache erreicht, zieht aber noch einmal weiter in die Breite Straße und kommt wieder zur Alten Wache zurück.

Drei Frauen singen dabei leise zusammen auf die Melodie von „Die Gedanken sind frei“ einen abgewandelten Text: „Es bleibe dabei: Die Gesellschaft ist frei.“ Dann fangen die Teilnehmer langsam an, sich zu zerstreuen. (Olaf Weiss)

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