Wiederaufbau nach Brand

Uni baut auf Versuchsgut bei Dassel ein „Zentrum für Tierwohl“

Auf diesem Gelände des Versuchsguts in Relliehausen soll das Schweine-Kompetenzzentrum der Universität Göttingen entstehen. Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Uni Göttingen, steht vor dem Grundstück, auf dem im Sommer 2020 ein Stall abbrannte.
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Auf diesem Gelände des Versuchsguts in Relliehausen soll das Schweine-Kompetenzzentrum der Universität Göttingen entstehen. Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Uni Göttingen, steht vor dem Grundstück, auf dem im Sommer 2020 ein Stall abbrannte.

Nach dem verheerenden Brand im Sommer vorigen Jahres möchte die Uni Göttingen ihr Versuchsgut in Relliehausen wieder aufbauen, aber anders.

Relliehausen – Wie müsste der ideale Schweinestall aussehen? Welche Faktoren tragen dazu bei, dass Schweine sich „sauwohl“ fühlen? Wie viel Platz brauchen sie, welche Lichtverhältnisse, welche Temperaturen, welches Futter, wie viel Heu, wie viel Stroh? Wie lässt sich das sogenannte Schwanzbeißen verhindern? Wie stark belastet Schweinehaltung die Umwelt?

All diese Fragen „rund ums Schwein“ will die Universität Göttingen in einem speziellen „Schweine-Kompetenzzentrum“ auf ihrem Versuchsgut in Relliehausen bei Dassel erforschen.

Dort war es im vergangenen Sommer zu einem verheerenden Brand in einem Schweinestall gekommen, bei dem 1100 Tiere ums Leben kamen. Jetzt soll dort, wo der Schweinestall gestanden hatte, eine neue Versuchsanlage mit unterschiedlichen Stalltypen und modernster Technik gebaut werden. „Wir wollen das Tierwohl vom Ferkel bis zum Mastschwein erforschen“, sagt der Leiter der Versuchswirtschaften der Universität Göttingen, Dirk Augustin.

Mit dem Projekt wollen die Göttinger Agrarwissenschaftler einen ihrer Forschungsschwerpunkte weiter ausbauen. Schon seit den 1980-er Jahren gehen sie auf dem Versuchsgut der Frage nach, wie sich tiergerechte Haltungsverfahren und umweltschonende Nutzungssysteme in landwirtschaftlichen Betrieben realisieren lassen.

Umso größer war der Schock, als im vergangenen August plötzlich aus unklarer Ursache in einer Scheune ein Feuer ausbrach, das kurz darauf auf einen Schweinestall übersprang. Trotz des Großeinsatzes der Rettungskräfte kamen mehr als die Hälfte der in dem Stall untergebrachten Sauen und Ferkel ums Leben.

Besonders tragisch dabei: Herbeigeeilte Helfer hatten sofort die Stalltüren aufgemacht, damit die Tiere ins Freie gelangen konnten. „Viele Schweine sind aber nicht rausgegangen, sondern innen vor der offenen Tür stehen geblieben und verbrannt“, erzählt Augustin. 1000 weitere Tiere konnten gerettet werden.

Für die Mitarbeiter des Versuchsguts sei der Brand des Schweinestalls ein traumatisches Erlebnis gewesen, sagt Augustin. Alle hätten hinterher psychologische Hilfe angeboten bekommen. Hilfe gab es auch von anderer Seite: „Wir waren völlig überrascht, dass uns so viele Menschen angerufen und angeboten haben, bei ihnen die Tiere unterzustellen oder uns mit Stroh auszuhelfen. Das war schon toll.“

Jetzt wollen die Wissenschaftler auf dem Gelände eine zweiteilige Anlage errichten, in der sie vergleichende Untersuchungen anstellen können: Neben einem konventionellen Schweinestall mit Spaltenböden und Buchten soll es einen zweiten Stalltyp mit einem Außenbereich geben.

Beide Varianten werden mit Sensoren und Videotechnik zur Tierbeobachtung sowie weiterer digitaler Technik ausgestattet. „Wir wollen möglichst viele Daten erheben, aus denen sich Rückschlüsse auf das Tierwohl ziehen lassen“, erklärt Augustin. Sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik werde dem Tierwohl eine immer größere Bedeutung beigemessen: „Hier gibt es einen großen Forschungsbedarf.“

Die Wissenschaftler wollen zum Beispiel beobachten, wie aktiv die Tiere sind, wie häufig sie aufstehen oder wie sie das Futter zu sich nehmen. Außerdem wollen sie herausfinden, welche Auslöser daran schuld sein könnten, dass es zum Schwanzbeißen kommt. „Manchmal genügt ein einziges Tier, das es zu solchen Ausbrüchen kommt“, sagt Augustin. „Wir wollen wissen: Warum passiert das in der einen Bucht und in der anderen nicht?“ Die aktuellen Forschungen sollen auch in die Lehre einfließen: Studenten könnten dann per Webcam live verfolgen, was die Schweine gerade so treiben.

Auch Landwirte sollen von dem Schweinekompetenzzentrum der Universität profitieren. „Wir wollen für Besucher offen sein und unsere Forschung transparent machen“, sagt Augustin.

Die Göttinger Agrarwissenschaftler seien breit aufgestellt: „Von der Zucht bis zur Vermarktung decken wir alles ab.“

Damit dieses vielfältige Fachwissen stärker in die landwirtschaftliche Praxis einfließen könne, sei auch der Bau eines Seminargebäudes geplant. (Heidi Niemann/pid)

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