Zuhause für Menschen, die 1961 in den Westen geflohen waren

Deutschlands erste Flüchtlingssiedlung wird 50

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Großes Fest: Die Neubausiedlung Neu-Böseckendorf am Ortsrand Angerstein wurde am 8. September 1965 eingeweiht. Bischof Heinrich Maria Janssen segnete die Einwohner. Die Siedlung zählte 35 Häuser auf 57 388 Quadratmeter.

Angerstein. Es war ein riesiges Ereignis: Am 8. September 1965 wurde in Angerstein die erste Flüchtlingssiedlung Deutschlands im feierlichen Rahmen eingeweiht.

Sie bot den Menschen ein neues Zuhause, die am 2. Oktober 1961 in einer spektakulären Massenflucht ihr Heimatdorf Böseckendorf im Obereichsfeld verlassen hatten und über die innerdeutsche Grenze in den Westen geflohen waren. Jetzt soll der 50. Jahrestag gefeiert werden.

Bernward Klingebiel war bei der Massenflucht nicht dabei, weil er damals die Landwirtschaftsschule in Mühlhausen besuchte. Lange hielt es den damals 18-Jährigen und seine Familie aber auch nicht mehr in Böseckendorf.

Doppelter Boden 

Ausstellung im ehemaligen Gotteshaus: Bernwarnd Klingebiel, Vorsitzender des Eichsfelder Vereins Neu-Böseckendorf, hat die Siedlungsgeschichte zu einer Schau verarbeitet.

„Wir sind am 31. Oktober mit einem Traktor mit Anhänger über die Grenze“, berichtet Klingebiel, Vorsitzender des Eichsfelder Vereins Neu-Böseckendorf. Quasi als Tarnung hatten sein Vater und seine Mutterein paar Rüben auf dem Feld geerntet, während er und seine Schwester unter einem doppelten Boden auf dem Anhänger versteckt waren. „Dann gab meinen Vater Gas in Richtung Westen. Wir sind in Nesselröden zu Verwandten gefahren.“

56 Personen, also das halbe Dorf, hatte Böseckendorf oder besser gesagt dem DDR-Regime den Rücken gekehrt, weil die Landwirtschaft dort verstaatlicht und sogar das ganze Dorf, das im Sperrbezirk lag, platt gemacht werden sollte.

Über einige Umwege fanden die Böseckendorfer wieder zusammen, und zwar in Angerstein. Der maßgebliche Mann war Pfarrer Wilhelm Scheperjahns. Er sammelte Spenden, kaufte davon 57 388 Quadratmeter Land in Angerstein von Landwirt Ernst Eggers und legte damit den Grundstein für Neu-Böseckendorf, wie die Siedlung genannt wurde.

Einliegerwohnung 

„Jeder der 35 Häuslebauer musste 10 000 D-Mark aufbringen“, erinnert sich Klingebiel. Die Häuser wurden von der Niedersächsischen Landgesellschaft gebaut. Jedes Haus hatte eine Einliegerwohnung, die an weitere Flüchtlinge vermietet werden musste. „Auch die Miete war vorgegeben. Dadurch verblieben bei jeder Familie etwa 100 D-Mark an monatlicher Belastung, was oft nur schwer aufzubringen war“, sagt Klingebiel.

Die Integration der Böseckendorfer in Angerstein ist laut Klingebiel relativ reibungslos verlaufen, was vor allem dem Engagement der örtlichen Vereine zu verdanken war. „Damals wurde in der Handballhochburg sogar eine Fußballmannschaft gegründet. Auch der Bau der Grundschule und des Kindergartens folgten wenige Jahre später in Angerstein.

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