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„Die Opfer werden jünger“

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Von: Fabian Diekmann

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Zum Netzwerk „Jugendschutz – und du?“ gehören unter anderem Thomas Sindram (Polizeiinspektion Northeim) und Antonia Wloch (Landkreis Northeim).
Zum Netzwerk „Jugendschutz – und du?“ gehören unter anderem Thomas Sindram (Polizeiinspektion Northeim) und Antonia Wloch (Landkreis Northeim). © Fabian Diekmann

Das in Northeim existierende Netzwerk „Jugendschutz – und du?“ besteht aus Mitgliedern des Landkreises Northeim, der Lukas-Werk-Gesundheitsdienste und der Polizeiinspektion Northeim.

Northeim – Ihre Hauptaufgabe ist die Präventionsarbeit beim Kinder- und Jugendschutz. Antonia Wloch vom Landkreis Northeim und Hauptkommissar Thomas Sindram von der Polizeiinspektion Northeim sprechen über die Ursprünge des Netzwerkes, ihre Vorgehensweise und den Jugendschutz.

Was sind die Haupttätigkeiten Ihres Netzwerkes?

Wloch: Unsere Arbeit besteht überwiegend aus Präventionsarbeit zu Jugendschutzthemen wie Medien-, Alkohol- und Sucht-Prävention. Wir machen verschiedene Projekte wie Elternabende oder Schulveranstaltungen zum Thema Medienkompetenz. Das Team ist gut, da es multi-professionell ist und aus verschiedenen Bereichen kommt, die auch in der Intervention tätig sind.

Sindram: Wir haben irgendwann herausgefunden, dass wir einzeln zu denselben Themen in Schulen unterwegs sind. Dabei macht es natürlich mehr Sinn, wenn wir mit unterschiedlicher Fachkompetenz zeitgleich vor Ort sind, damit die Schüler mehrere Betrachtungsweisen sehen.

Was ist das größte Problem in der Mediennutzung?

Sindram: Das Erkennen von strafbaren Handlungen. Junge Opfer werden verbal attackiert oder psychisch unter Druck gesetzt.  Cybermobbing, also das Beleidigen oder Bloßstellen über das Internet, spielt dabei eine große Rolle. Im Anzeigeverhalten ist allerdings die Bereitschaft von Cybergrooming, das gezielte Ansprechen von Minderjährigen insbesondere bei Online-Spielen um sexuelle Kontakte anzubahnen, immer häufiger feststellbar. Es ist nicht unbedingt so, dass es mehr Fälle davon gibt, aber die Opfer werden auf jeden Fall jünger und die Anzeigebereitschaft nimmt zu. Vor ein paar Jahren haben 11-Jährige eher noch keine Nacktbilder von sich verschickt.

Welchen Weg können Betroffene einschlagen?

Sindram: Wenn beispielsweise ein Schüler gemobbt wird und später deshalb nicht mehr zur Schule kommt, sollte man das zur Anzeige bringen. Hier geht es insbesondere um Schüler, die den Mobbingprozess verursacht haben. Die jungen Täter werden von der Polizei vorgeladen. Bei der Vernehmung werden die Eltern mit einbezogen und vielfach erstmalig mit den Taten ihrer Kinder konfrontiert. Das Strafrecht soll hierbei junge Leute nicht kriminalisieren.

Sondern?

Sindram: Der erzieherische Gedanke steht im Vordergrund. Die Täter werden aktenkundig gemacht, aber sie bekommen in vielen Fällen noch einmal eine Chance, da der Opferschutz und die Wiedergutmachung zählen. Wir haben gemerkt, dass man junge Täter durchaus auf die richtige Bahn bringen kann, wenn man früh genug eingreift.

Wloch: Besonders wichtig ist beim Jugendschutz die Präventionsarbeit. Wir wollen ansetzen, bevor etwas passiert. Das Netzwerk macht Veranstaltungen, appelliert an Eltern, mit Kindern im Austausch zu sein und nicht nur den „bösen Finger“ zu zeigen. Kinder und Jugendliche von heute sind Digital Natives und im Gegensatz zu ihren Eltern mit dem Internet aufgewachsen. Deshalb ist es wichtig, Regeln und Grenzen zu setzen, die man selbst früher so nicht erfahren hat. Da versuchen wir anzusetzen, um den Eltern die aktuell wichtigen Themen näherzubringen.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Sindram: Wir haben zu Beginn der Pandemie versucht, über Hybridveranstaltungen in Kontakt zu bleiben. Das war anfangs sehr herausfordernd für uns, da wir es gewohnt waren, mit den Schülern interaktiv zu arbeiten. Neben Kindern müssen wir auch Eltern und Lehrer erreichen. Deshalb haben wir mit digitalen Elternabenden angefangen. Wenn die Eltern nicht zu uns kommen können, müssen wir es eben anders versuchen.

Wloch: Ein weiterer Vorteil an den digitalen Elternabenden ist, dass wir weit mehr Eltern erreichen als in Präsenz. Da ist es auch nur auf eine Region oder Schule bezogen und bei unseren digitalen Elternabenden kommen dann teilweise mehr als 100 Eltern, die sich auch im Chat beteiligen können.

Was ist die größte Herausforderung für den Jugendschutz und Ihr Netzwerk in der nahen Zukunft?

Sindram: Im Bereich der Mediensicherheit wird unsere Zielgruppe immer jünger. Die Präventionsarbeit muss dadurch deutlich früher stattfinden. Hier gilt es, die Eltern mit ihrer Erziehungsverantwortung intensiver einzubinden. Jugendschutz ist nicht nur eine Aufgabe unseres Netzwerks, sondern betrifft uns alle. Wir müssen stärker zu einer Kultur des Hinsehens kommen und Kinder nicht gleich anfangs eigenverantwortlich im Netz surfen lassen.

Wloch: Es sind oft nur Mutmaßungen, was kommen könnte. Die Arbeit wandelt sich stetig und muss auch an regionale Bedarfe angepasst werden. In den nächsten zehn Jahren wird sie sich in Bezug auf Medien ändern, da Digital Natives Eltern werden. Es wird nicht weniger, aber andere Arbeit. (Fabian Diekmann)

Zu den Personen:

Antonia Wloch (34) arbeitet für den erzieherischen Kinder- und Jugendschutz des Landkreises Northeim. Sie ist studierte Sozialpädagogin und Mutter zweier Kinder.

Thomas Sindram (55) ist Polizeihauptkommissar bei der Polizeiinspektion Northeim. Dort ist er seit 2007 Teil des Präventionsteams und Beauftragter für Jugendsachen. Sindram hat zwei erwachsene Kinder.

So erreichen Sie die Mitglieder des Netzwerkes

Das Netzwerk „Jugendschutz – und du?“ besteht aus:

- Landkreis Northeim: Den erzieherischen Kinder- und Jugendschutz erreichen Sie unter der Telefonnummer 0 55 51/70 82 95 oder per E-Mail an jugendpflege@landkreis-northeim.de.

- Lukas-Werk-Gesundheitsdienste: Die Suchtberatungsstelle des Lukas-Werks nimmt Anrufe unter der Telefonnummer 0 55 51/90 82 060 oder E-Mails an fa-nom@lukas-werk.de entgegen.

- Polizeiinspektion Northeim: Das Präventionsteam der Polizei in Northeim erreichen Sie unter der Telefonnummer 0 55 51/70 050 oder per E-Mail an praevention@pi-nom.polizei.niedersachsen.de.

Weitere Informationen zum Thema Jugendschutz gibt es auf klicksafe.de, juuuport.de oder schau-hin.info.

Der nächste digitale Elternabend unter dem Titel „Squid Game, Poppy Playtime, Roblox und Co. – Aktuelle Entwicklungen und Trends im Bereich digitaler Spiele“ findet am Donnerstag, 19. Januar, ab 19 Uhr statt. Interessierte können sich kostenfrei bis Mittwoch, 18. Januar, per E-Mail an jugendpflege@landkreis-northeim.de anmelden. (fad)

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